• Titel: Ein Platz auf Seite Eins für die Umwelt

  • Redner/in: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
  • Anlass: Preisverleihung DUH-Umwelt-Medienpreis 2001
  • Datum/Ort: 29.11.2001, Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung in den Hackeschen Höfen

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Professor Kächele,
liebe Frau Dührsen,
liebe Preisträger,
sehr geehrte Laudatoren,
sehr geehrter Herr Dürr-Pucher,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe ein besonderes Verhältnis zu den Preisträgern von heute: Denn Sie sind oft meine Verbündeten. Manchmal auch meine Kritiker. Aber da Sie außerordentlich kompetent kritisieren und meist weniger die Richtung als das Tempo von Reformen bemängeln, kann ich damit nicht nur leben, sondern ich höre Ihnen sogar sehr genau zu.

Umweltjournalisten und Umweltpolitiker plagen sich heute mit dem gleichen Problem herum: Wir sind längst im Klimawandel, die reale Situation auf dem Planeten Erde spitzt sich zu. Tuvalu ist wahrscheinlich der erste Staat, den wir Menschen aufgeben müssen. Der Erhalt der Umwelt müsste deshalb heute einen noch sehr viel höheren Stellenwert haben als in den 80er Jahren - aber sowohl in der Politik als auch in den Redaktionen opfert man Umweltthemen oft dem Parteienstreit oder spektakulären Ereignissen. Tagesaktualität bestimmt die Priorität. Umweltschutz aber ist ein Thema für Generationen.

Wenn ich zum Beispiel einen Artikel über die Umwelt auf der Seite Eins der Printmedien suche, werde ich, wenn überhaupt, meist nur in der Frankfurter Rundschau fündig. Das ist das besondere Verdienst von Joachim Wille, über dessen Auszeichnung ich mich sehr freue. Ihm verdanken wir nämlich nicht nur die regelmäßige, engagiert-kompetente Umweltseite, die andere Zeitungen sich in dieser Form und Qualität nicht leisten.

Sondern es ist sein besonderes Verdienst, dass FR-Lesern der Umweltschutz als Thema mit hoher Priorität präsentiert wird. Außerhalb von UN-Konferenzen oder Umweltkatastrophen auf "die Eins" zu kommen, z. B. mit - ich sage jetzt einmal mit "nichts" als - einem UNEP-Bericht, verlangt erhebliche Konfliktbereitschaft des Redakteurs. Ich bin Joachim Wille sehr dankbar für seine Bereitschaft, mit Kollegen immer wieder in den Clinch zu gehen für einen Platz auf Seite Eins für die Umwelt.

Priorität für die Umwelt ist ein Problem, das Sie und mich immer wieder herausfordert. Das andere ist: Wir müssen den Umweltschutz aus seinem Reservat herausholen. Denn dort wird er nicht überleben. Die Preisträger haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um Umweltschutz im Alltag zu verankern.

Herr Stumpf, Sie und Ihr Redaktionsteam verbinden Umweltinformation und Unterhaltung. Ihr "Unkraut" ist eine kostbare Heilpflanze unter den Unterhaltungssendungen. Dort gibt es, anders als in der Natur, ja durchaus Unkraut, das man ausreißen möchte. Besonders gut gefällt mir, dass Sie Zuschauern die Möglichkeit geben, mitzumachen, selbst aktiv zu werden.

Einen ganz anderen Weg gehen Sie, Herr Weder, und sind damit - wie schon damals, als Sie anfingen - wieder ein Pionier. Sie haben Volkswirtschaft studiert und sind als Umweltschützer der Volkswirtschaft treu geblieben. Aber Sie erweitern die Berichterstattung über Wirtschaft um den Umweltaspekt.

Sie beziehen externe Kosten ein - während Volks- und Betriebswirte sie gerne aus ihren Kalkulationen herausrechnen. Das Ökosozialprodukt steht Ihnen näher als das Bruttosozialprodukt. Und das ist gut so. Denn nur diese Art zu rechnen ist zukunftsfähig. Schwarze Zahlen, die mit hohem Naturverlust erkauft sind, sind in Wirklichkeit rote Zahlen. Eine Straße, deren Bau einer seltenen Pflanzen- oder Tierart den Lebensraum nimmt, ist zu teuer. Eine verkaufte Dose, die leergetrunken und weggeworfen wird, ist zu billig.

Die Bundesregierung hat mit der ökologischen Steuerreform, der Schwerverkehrsabgabe, dem Dosenpfand, das im nächsten Jahr kommt, und mit vielen anderen Maßnahmen begonnen, den Naturverbrauch in die Preise einzurechnen. Wichtig ist, dass Unternehmen dies in ihre Kalkulation aufnehmen. Dass auch die Betriebswirte umdenken.

Wenn ich Sie, Frau Dührsen, als letzte nenne, dann liegt das nicht an den schlechten Manieren, die ein Hamburger Blatt mir "Rohling" unterstellt, sondern daran, dass ich mich so oft an dem erfreue, für das Sie sich einsetzen. Etwas so schönes wie die Alleen in den neuen Bundesländern hebt man sich halt gern für den Schluss auf.

Explizit danken möchte ich Ihnen aber auch für die Art, wie Sie abstrakte Themen wie die Verbandsklage darstellen. Das Bundesnaturschutzgesetz, eins der drei großen umweltpolitischen Reformprojekte dieser Legislaturperiode, haben wir gerade im Bundestag in 3. Lesung beschlossen. An dieser umfassenden Novelle sind alle meine Vorgänger gescheitert. Dass sie uns nun gelungen ist, liegt auch an der engagierten und kompetenten Berichterstattung vieler Umweltjournalisten.

Ich freue mich, dass mir der Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe die Gelegenheit gibt, das Engagement von Umweltjournalisten einmal generell zu würdigen. Denn Umweltjournalismus erfordert nicht nur sehr gute Fachkenntnis auf verschiedenen Gebieten, sondern man kann sich damit auch leicht unbeliebt machen. Nicht nur bei den Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion, sondern auch bei Verlegern, Produzenten und Sendeanstalten.

Sich auf Umweltjournalismus zu spezialisieren ist beruflich auch eine Weichenstellung, die bisher nicht geradewegs auf den Posten des Chefredakteurs zuläuft. Etwas Schwaches zu schützen, sich für Kuhschellen, Bergmolche oder ein von Industrie bedrohtes Feuchtgebiet einzusetzen, ist nicht "in" in einer Gesellschaft, die den Schnellsten, den Stärksten und auch den Rücksichtslosesten zum Idol erklärt. Wer das Recht von Kormoranen und Kranichen verteidigt, sich satt zu fressen, dem ist der Zorn von Fischern und Bauern ziemlich sicher. Denn Wirtschaftswachstum und Profitdenken sind Fetische unserer Kultur.

Es ist in Zeiten des grauen Dreiteilers auch nicht unbedingt karrierefördernd, in Kleidern von Jack Wolfskin zur Arbeit zu gehen. Der Anorak und diese Art von Schuhen sind aber nötig, um auch die Faszination vermitteln zu können, die Natur hat. Ich bezweifle, dass abstrakte Klimadaten allein Menschen von der Bedeutung des Umweltschutzes überzeugen können. Sondern das Erleben von Natur ist wahrscheinlich mindestens ebenso wichtig. Vor allem in einem Land, dessen Bevölkerung größtenteils in Städten und Großstädten wohnt. Von den Entscheidungsträgern ganz zu schweigen. Da wächst Journalisten eine sehr wichtige Aufgabe als Mittler und Anwalt zu.

Ich hoffe, dass es Ihnen gelingt, Berufsanfänger für diesen Teil des Journalismus zu gewinnen.