• Titel: Kann man "Unvereinbares" verbinden?

  • Untertitel: Naturschutz in Ballungsräumen wird immer wichtiger
  • Redner/in: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
  • Anlass: Verleihung des Dr. Victor-Wendland-Ehrenringes 2001 der Stiftung Naturschutz Berlin
  • Datum/Ort: Botanischer Garten 16. Oktober 2001, Berlin

Es gilt das gesprochene Wort

Anrede

Ihre Einladung war mir außerordentlich willkommen. Weil ich hier etwas sagen kann, was ich schon lange sagen will. Aber für alles braucht man eben auch den geeigneten Rahmen. Die Stiftung Naturschutz Berlin und der Preisträger Horst Korge bieten mir die Gelegenheit, vom konkreten gelungenen Beispiel auszugehen, um die grundsätzliche Aufgabe hervorzuheben.

In einer Zeit zunehmender Verstädterung müssen wir den Naturschutz in den Städten ausbauen. Wir müssen den Naturschutz in die Stadtplanung und in den Städtebau integrieren. Sonst veröden nicht nur unsere Städte, sondern in solcher Ödnis, fernab der Faszination durch Natur finden auch nur noch sehr wenige junge Menschen zum Naturschutz. Der Naturschutzgedanke muss aber auch von der städtischen Bevölkerung getragen werden, denn sie ist zahlenmäßig stärker und gibt politisch den Ton an. Wenn in der Stadt oder im Parlament gelacht wird über den Satz "Wir müssen die Natur um ihrer selbst willen schützen", dann hat der Naturschutz politisch langfristig keine Chance.

Nehmen wir Sie, Herr Korte, als Beispiel: Sie haben als Jugendlicher auf dem Grundstück Ihrer Eltern einen außergewöhnlichen großen schwarzen Käfer gefunden, der Ihren Ehrgeiz angestachelt hat. Sie wollten ihn bestimmen und haben hartnäckig recherchiert, nachgeschlagen, untersucht und verglichen, bis Sie wussten, welcher Käfer das war. Aus diesem Erfolgserlebnis entstand ihr lebenslanges Engagement, für das wir Ihnen heute danken. Aber wir verdanken das Werk Herrn Kortes letztlich auch der Existenz dieses seltenen Käfers: einem Pterostichus in Birkenwerder.

Umfragen haben ergeben, dass überproportional viele der heute aktiven Naturschützer in ihrer Kindheit an Teichen gespielt haben. Es gibt einen Zusammenhang zwischen früherkindlicher Erfahrung und späterem Engagement. Auch wenn man diese Verbindung nicht absolut setzen darf.

Das heißt für uns: Wir müssen dort, wo Kinder und Jugendliche mehrheitlich aufwachsen, in Städten also, Natur erhalten, um Naturerlebnisse zu ermöglichen. Vielleicht kennen einige von Ihnen das Buch von Donata Elschenbroich "Weltwissen von Siebenjährigen". Sie führt Erfahrungen auf, die ein siebenjähriges Kind gemacht haben soll, und einige Dinge, die es können sollte, z. B.

  • Auf einen Baum geklettert sein,
  • einen Damm im Bach gebaut haben,
  • Den Pulsschlag eines Tiers gefühlt haben,
  • drei Vögel nach ihrem Gesang unterscheiden können,
  • einige Blattformen kennen und wissen, ob man die Pflanze essen kann oder nicht.

Welche Möglichkeiten bietet Berlin Pflanzen und Tieren, in der Bebauung zu überleben? Und welche Möglichkeiten bietet Berlin kleinen Hauptstadtbewohnern, zu Naturschützern zu werden? Ist es möglich, das Unvereinbare zu verbinden: Großstadt und Natur?

  • Es gibt grüne Viertel wie Köpenick und Grunewald - und solche, in denen viele Menschen leben, in denen man aber nach Grün suchen muss, wie z. B. im Prenzlauer Berg.

  • Insgesamt sind auf rund ein Drittel des Stadtgebiets Grünflächen, Waldflächen und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Kanäle, die Spree und vor allem die Seen kommen hinzu. Knapp 2% des Stadtgebiets sind als Naturschutzgebiet und rund 11 % als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. 4,7 % sind als FFH-Gebiet gemeldet.

  • Wichtig unter dem Aspekt des Naturschutzes sind die großen alten Parkanlagen und vor allem die Friedhöfe. Sie bieten mit ihrem Altbaumbestand, mit ihren teilweise verwilderten Ecken wichtige Rückzugsräume für Flora und Fauna.

  • Wer Vogelarten kennt, kann die Berliner Wälder umso mehr genießen, denn die Artenvielfalt ist hier sehr groß.

  • Die Mauer und die Teilung der Stadt waren den Menschen eine Last - aber den Tieren und Pflanzen eine Lust: Auf den Brachflächen entlang der Mauer überlebten Arten, die man in anderen Metropolen vergeblich sucht. Flora und Fauna eroberten sich auch rasch die ins Leere gehenden, nicht mehr genutzten Bahnflächen und die aufgegebenen militärischen Übungsgelände der ehemaligen DDR-Regierung.

Der frühere Inselstatus Berlins hat es lange ermöglicht, scheinbar Unvereinbares zu verbinden: Großstadt und Naturräume. Dieses Geschenk der Geschichte müssen wir unbedingt erhalten. Heute aber ist die Drei-Millionen-Stadt zugleich Hauptstadt und Verkehrsknotenpunkt. Überall wird gebaut. Der Naturschutz gerät leider immer wieder in Konflikt mit anderen Nutzungsansprüchen. Behörden, Bauherren, Naturschützer und Bewohner, alle sind gefordert, mit viel Kreativität und Engagement der Natur ausreichend Platz in der Hauptstadt zu erhalten und zu schaffen.

Die Stiftung Naturschutz Berlin leistet hierfür seit nunmehr 20 Jahren einen entscheidenden Beitrag. Sie haben mit Ihrer finanziellen und ideellen Hilfe in mehr als 1000 Fällen dazu beigetragen, dass Berliner Umweltgruppen und Bürgerinitiativen, Verbände, Vereine, Schulen und engagierte Privatpersonen ihre Projekte realisieren konnten. Mal war es Artenschutz, mal Biotopschutz und dann wieder praktische Umwelterziehung und Fortbildung. Die Stiftung Naturschutz ist ein wichtiger Multiplikator.

Durch sie machen viele die Erfahrung, dass Naturschutz auch Spaß macht. Sowohl das Sehen, als auch das Erleben, als auch das Schützen macht Freude. Ich war in diesem Jahr wieder Schirmherr beim Europäischen Fest der Fledermäuse in der Spandauer Zitadelle. Ich habe mich sehr gefreut, wie viele Berliner, vor allem wie viele Kinder und Jugendliche dorthin gekommen sind, um Fledermäuse, Flughunde und fauchende Schaben mit eigenen Augen zu sehen. Ich hoffe, dass sich manche derart begeistert haben, dass sie auch einmal einen Arbeitseinsatz mitmachen, um Fledermäusen bei uns ein Zuhause zu schaffen.

Denn im Naturschutz geht es nicht ohne ehrenamtliches Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger. Kenntnisse und viele Hände sind das A und O des praktischen Naturschutzes. Deshalb ist es sinnvoll, auch Städter für Naturschutz zu begeistern. Die Stiftung Naturschutz Berlin ist hier sehr aktiv, auch als Träger des Freiwilligen Ökologischen Jahres. Ich hoffe, dass dieses Angebot von vielen wahrgenommen wird, und ich denke, wir müssten diese Möglichkeit noch viel mehr publik machen. Das Freiwillige Ökologische Jahr bietet insbesondere für Jugendliche, die in der Großstadt aufgewachsen sind, einzigartige Erfahrungen.

Für mich ist der Naturschutz eines der wichtigsten Handlungsfelder: Die Bundesregierung hat innerhalb von drei Jahren den Kraftakt geschafft, an dem meine Vorgänger gescheitert sind: eine grundlegende Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes.

  • Wir schaffen damit einen bundesweiten Biotopverbund auf mindestens 10% der Landesfläche,
  • wir lösen den Interessengegensatz von Naturschutz und Land- und Forstwirtschaft auf und schaffen neue Aufgaben und Einkommensmöglichkeiten für Bauern und Forstwirte im Naturschutz; wir verbinden, was lange als unvereinbar galt,
  • wir verbessern die Möglichkeiten des Naturschutzes schon bei der Landschaftsplanung und
  • Wir führen das Verbandsklagerecht auf Bundesebene ein.

Wir wollen das Gesetzgebungsverfahren bis zum Jahresende erfolgreich abschließen. Diese Gesetzesnovelle ist neben der Energiewende und dem Klimaschutz das zentrale umweltpolitische Projektdieser Legislaturperiode.

Außerdem:

  • haben wir durchgesetzt, dass 100.000 ha für den Naturschutz besonders wertvolle Flächen aus dem DDR-Vermögen von der Privatisierung ausgenommen wurden. Diese Flächen werden andie Länder und Naturschutzverbände übertragen und damit dauerhaft für die Zwecke des Naturschutzes gesichert.

Außerdem:

  • Haben wir durch unser Insistieren die Länder dazu bewegt, endlich ihre Meldungen an FFH-Gebieten vorzulegen. Die deutsche Meldeliste für das europäische Natura 2000 - Netz umfasst inzwischen 3.352 Gebiete. Das entspricht einem Anteil von über 6 % an der Landesfläche.

Außerdem:

  • Haben wir die Öffnung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt für den Naturschutz erreicht. Das wird vor allem den Ländern im Osten zugute kommen.

Meine Damen und Herren, ich sage in der Energie- und Klimaschutzpolitik oft, dass wir hier eine Wirtschaftsweise und einen Lebensstil entwickeln müssen, der global übertragbar ist. Das gleiche gilt auch für unsere Großstadtkultur. Diejenigen unter Ihnen, die Nairobi, Lahore, Kairo oder andere Megametropolen des Südens kennen, wissen, wie wichtig es dort wäre, Großstadt und Naturschutz zu verbinden. Dort gibt es kaum noch Natur in den Städten. Natur erscheint den Bewohnern allenfalls als stinkende Brühe. Die Bundeshauptstadt Berlin, in die so viele Besucher aus aller Welt kommen, ist daher in einer besonderen Verantwortung: Sie sollte auch bei ihren ausländischen Gästen Eindruck damit machen, dass ein Platz, an dem Pflanzen und Tiere gut leben können, auch ein guter Platz für Menschen ist.