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Archiv 14. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Simone Probst
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Titel: PERSPEKTIVEN FÜR UMWELTPOLITIK UND UMWELTTECHNIK AN DER SCHWELLE ZUM 21. JAHRHUNDERT
- Redner/in: Parl. Staatssekretärin Simone Probst
- Anlass: Weltingenieurtags des VDI in Hannover
- Datum/Ort: 19. Juni 2000, Hannover
Anrede
Die Bezüge der Ingenieurwissenschaften zur Umweltpolitik waren von Anfang an bedeutend. Seit den 60er Jahren, als die deutsche Politik den Umweltschutz erstmals auf die Tagesordnung setzte, haben sich die Herausforderungen an die Umweltpolitik - und damit auch an die Ingenieure - gleich mehrfach gewandelt:
- In den 60er und 70er Jahren ging es vor allem um das Großreinemachen nach dem Wiederaufbau - der Rhein sollte nicht mehr übel riechen und über dem Ruhrgebiet sollte wieder die Sonne scheinen. Es begann die Epoche der Umwelttechnik, in der Deutschland es mit einem Weltmarktanteil zwischen 15 und 19 Prozent - vor Japan und hinter den USA - zu einer führenden Rolle brachte.
- In den 80er Jahren stand der Gesundheitsschutz im Vordergrund: Blei, Asbest, Dioxin, PCBs und PCPs weckten Ängste bei den Menschen; 1986 die Katastrophe von Tschernobyl. Mit dem Waldsterben wurde zugleich die Problematik der Massenschadstoffe und ihrer kontinentalen Ausbreitung deutlich. Kraftwerke wurden mit Filtern ausgestattet, der Katalysator eingeführt.
- Die 90er Jahre standen im Zeichen der Globalisierung des Umweltschutzes: Klimawandel, Ozonloch, Wüstenbildung und Verlust an biologischer Vielfalt wurden in Rio als gemeinsame Menschheitsprobleme identifiziert; mit dem Leitbild des "sustainable development" einigte man sich auf ein neues, ökologisch verträgliches Wachstumsmodell. Deutschland begann den Einstieg in die Kreislaufwirtschaft.
- Angesichts der in vielen Schwellenländern gerade erst einsetzenden Industrialisierung war die Hoffnung allerdings gering, dass es bei den fast überall rapide zunehmenden Klimagas-Emissionen, beim Verbrauch an Fläche und Wasser und beim Verlust der biologischen Vielfalt wirklich eine Trendwende geben könnte. Verzichtsstrategien stoßen an enge Grenzen bei Bürgern und Wählern - denn an so angenehme Dinge wie den jährlichen Flug auf die Sonneninsel haben sich gerade die Deutschen sehr rasch gewöhnt.
Das Jahr 2000 steht m.E. für eine Renaissance der ökologischen Problemlösungskompetenz der Technik. Wenn wir Innovationspotentiale entschlossen umsetzen, dann können wir auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit mehr erreichen, als vor wenigen Jahren vorstellbar war. Das macht gerade auch die EXPO 2000 mit ihrem Motto "Mensch-Natur-Technik" deutlich. Als Beispiele möchte ich die Entwicklungen im Bereich der Energietechnik, der Biotechnologie und der Kommunikationstechnik nennen. Auf allen drei Gebieten scheint sich - pünktlich zur Jahrtausendwende - der Durchbruch in eine neue Epoche zu vollziehen.
- Energietechnik Der griechische Mythos datiert den Beginn der menschlichen Zivilisation auf Prometheus, der den Göttern einen glühenden Scheit vom Olymp entwendete und die "Technologie" des Feuers in die Menschenwelt transferierte. Zur Strafe für den epochemachenden Patentdiebstahl wurde er für tausend Jahre an den Kaukasus geschmiedet. Heute geht es mit den "fossilen" Energien absehbar zuende. Nicht nur, dass zentrale Energieträger wie Erdöl und Gas nur noch für wenige Jahrzehnte reichen; moderne Technik ist nunmehr in der Lage, die Energien aus Sonnenlicht, Wind, Erdwärme und Gezeiten unmittelbar zu nutzen. Und dies ohne Verbrennung und unter Minimierung der Umwandlungsverluste, z. B. in der Brennstoffzelle.
- Biotechnologie In der Biologie geht die Jahrtausendwende mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms einher. Das birgt ungeahnte medizinische Chancen. Allerdings nehmen mit den Chancen auch die Möglichkeiten des Missbrauchs zu. Ich denke hier z. B. an Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel, mit denen Agrochemikalien nicht überflüssig gemacht, sondern besser verkäuflich werden sollen oder an gezielt angezüchtete Antibiotikaresistenzen.
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Kommunikationstechnik Der Menschheit steht mit dem Internet ein Kommunikationssystem neuer Qualität zur Verfügung. Bereits wenige Jahre nach seiner Einführung haben heute rund eine Milliarde Menschen Zugang. Quasi kostenlos kann auf diese Weise jedes Individuum jederzeit die
Kommunikation mit jedem anderen aufnehmen. In jeder Sprache, über Staatsgrenzen hinweg, in Worten, Lauten, Bildern und beliebigen Kombinationen daraus.
Für die Weiterentwicklung all dieser technischen Ansätze bestehen zudem - über Risikokapitalfonds und den sogenannten "Neuen Markt" - mit einem Mal ungeahnte Finanzierungsmöglichkeiten, die ein hohes Entwicklungstempo garantieren.
Die technische Problemlösungskompetenz der Menschheit scheint somit am Ende des Jahrhunderts - beinahe schlagartig - derartig angewachsen, dass selbst berufsmäßige Ökopessimisten heute wieder Hoffnung schöpfen können. Sie, meine Damen und Herren, deren Aufgabe darin besteht, technisches Wissen zur Anwendungs- und Marktreife zu bringen, sind es, auf die wir an dieser Jahrtausendwende setzen!
Projekt der ökologischen Modernisierung
Nun lässt sich die Frage der technischen Möglichkeiten nicht trennen von der nach ihrer praktischen Anwendung, von ihrer Finanzierung und Vermarktung, vor allem aber auch von einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Machbaren.
Die Herausforderung, der wir uns heute stellen müssen, besteht darin, den im Verlauf der letzten 50 Jahre entstandenen - und in anderen Weltregionen noch entstehenden - Wohlstand nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem ökologisch auf eine zukunftsfähige Grundlage zu stellen.
Es geht darum, mit den natürlichen Lebensgrundlagen so behutsam umzugehen, dass sie auch zukünftigen Generationen noch zur Verfügung stehen. Die Energieversorgung muss auf eine neue Grundlage gestellt, Stoffkreisläufe müssen geschlossen werden, der Raubbau an fruchtbaren Böden, an den Süßwasserressourcen und an den Weltmeeren muss nachhaltigen Nutzungskonzepten weichen.
Die Bundesregierung nimmt diese Herausforderung an. Unser Projekt der ökologischen Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft baut auf die Innovationskraft von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Die Aufgabe des Staates sehen wir in diesem Zusammenhang darin, Anschubeffekte auszulösen und auf diese Weise private Investitionsströme in Gang zu setzen. Zukunftssicherung muss, soll sie gelingen, das große Geschäft der Zukunft werden. Und zwar ein Geschäft, von dem die Deutschen Maschinenbauer, Ingenieure und Wissenschafter in besonderem Maße profitieren.
Investitionshemmnis Atomkraft
Am Anfang muss jedoch die Beseitigung offensichtlicher Innovationshemmnisse stehen. Sie wissen, dass wir in Deutschland entschieden haben, aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen. Sie hat bisher zu einem Innovationsstau in der Energietechnik geführt. Die Idee einer scheinbar unerschöpflichen Energiequelle zu vermeintlich geringen Kosten ist eine Einladung zur Energieverschwendung.
Selbst ausgereifte, hocheffiziente Techniken wie die Kraft-Wärme-Kopplung, mit der energetische Nutzungsgrade von bis zu 90 Prozent erreicht werden können, sind dadurch in ihrer Entwicklung gehemmt worden. Der geregelte Ausstieg aus der Atomkraft ist deshalb - und nicht nur unter dem Aspekt der konkreten Gefahrenabwehr - der Ausgangspunkt für unsere Innovationsstrategie im Energiesektor.
Ökologische Steuer- und Abgabenreform
- Mit der ökologischen Steuer- und Abgabenreform, die seit 1. April 1999 schrittweise umgesetzt wird, schaffen wir die wirtschafts- und finanzpolitischen Voraussetzungen dafür, dass längst vorhandene Innovationspotentiale im Bereich Energiesparen und erneuerbare Energien endlich auch rentabel umgesetzt werden können
- Das Finanzvolumen der Ökosteuer wird im Jahr 2003 bereits 33,5 Mrd. DM betragen. Die Einnahmen werden so gut wie ausschließlich zur Reduzierung der Sozialversicherungsbeiträge eingesetzt. Die Beiträge zur Rentenversicherung können auf diese Weise allein in dieser Legislaturperiode von 20,3 Prozent auf unter 18,5 Prozent gesenkt werden.
- Wir haben die Steuer zugleich genutzt, um einige gezielte Förderelemente auf den Weg zu bringen, mit denen bestimmte Technologien eine Chance erhalten sollen:
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- moderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke, sofern sie einen Wirkungsgrad von mindestens 55 Prozent haben, sollen von der Erdgasbesteuerung befreit werden.
- Kleinere Blockheizkraftwerke, in denen neben Strom auch Wärme erzeugen, sind von der Stromsteuer ausgenommen.
- Die Steuer auf Gas als Kraftstoff im Straßenverkehr wurde bis zum Jahr 2009 drastisch abgesenkt, um die innovativen Entwicklungen im Bereich neuer Antriebstechniken nicht zu behindern.
- Durch eine Spreizung der Mineralölsteuersätze wird die Einführung schwefelfreier Kraftstoffe beschleunigt. Damit wird u.a. der Weg für den Einsatz zusätzlicher Energiespartechniken im Straßenverkehr geebnet.
- Die Steuerreform wird begleitet von einem Zuschussprogramm für erneuerbare Energien. In dieser Legislaturperiode stehen etwa 1 Mrd. DM zusätzliche Mittel für erneuerbare Energien zur Verfügung. Das ist gegenüber der letzten Legislaturperiode eine Verzwanzigfachung:
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- Wind, Wasser, Sonne und Biogas werden jährlich mit 200 Mio. DM gefördert.
- Hinzu kommen 181 Mio. DM Fördermittel im Rahmen des 100.000 Dächer-Photovoltaikprogramms - ein Programm, das bei den Bauherren in den ersten Monaten auf ein so hohes Interesse stieß, dass bereits eine Anschlussregelung geschaffen werden musste.
- Zugleich werden die Kreditprogramme der Banken des Bundes für die Sanierung des Gebäudebestandes, wo die größten Energiesparpotentiale zu realisieren sind, weitergeführt. Sie haben 1999 einen Umfang von 11 Mrd. DM
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Erneuerbare-Energien Gesetz
Am 1. April 2000 ist das Erneuerbare-Energien Gesetz in Kraft getreten. Das Gesetz löst das "Stromeinspeisungsgesetz" von 1991 ab, das u.a. im Zusammenhang mit der Liberalisierung der europäischen Strommärkte novellierungsbedürftig war. Es macht Investitionen in den Energiesektor langfristig kalkulierbar. Die neuen Regelungen sehen vor, dass Strom, der von privaten Investoren aus Sonnenenergie (99 Pf./Kwh), Windkraft (17,8 bzw. 12,1 Pf./Kwh) und Biomasse (17-20 Pf./Kwh) in das Netz eingespeist wird, von den Energieversorgungsunternehmen nach einem Mindestpreissystem vergütet wird. Die Kosten und Strommengen werden bundesweit verteilt, so dass die Belastung beim Endverbraucher lediglich 0,1 Pfennig pro Kilowattstunde beträgt.
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Kraft-Wärme-Kopplung
Besondere Anstrengungen werden auch zur Förderung der gemeinsamen Erzeugung von Strom und Wärme in sogenannten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen unternommen. Hierbei werden energetische Nutzungsgrade von bis zu 90 Prozent erreicht (Stromerzeugung allein: maximal 45 Prozent) und der Ausstoß von Kohlendioxid entsprechend halbiert. Viele dieser Anlagen, die von den Kommunen betrieben werden, sind angesichts der fallenden Strompreise in Existenznöte geraten. Als ersten Schritt zu einem gezielten Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung haben Bundestag und Bundesrat ein KWK-Soforthilfeprogramm verabschiedet, das durch eine vorübergehende Umlage auf die Stromtarife den dort produzierten Strom mit zunächst 3 Pfennig pro Kwh unterstützt. Bis zum Jahr 2010 wollen wir eine Verdopplung des Anteils der Kraft-Wärme-Kopplung an der Stromerzeugung erreichen.
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Solar - na klar
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch wichtige private Initiativen wie die Kampagne "Solar - na klar!". Hier kooperieren Solarindustrie, Handwerk, Architekten und Umweltverbände mit dem Ziel, in den nächsten drei Jahren 400.000 Dächer mit Anlagen zur solaren Warmwasserbereitung auszustatten.
Die Weichen sind also deutlich auf Zukunft gestellt. Wenn wir diesen Innovationspfad konsequent weiter gehen, werden wir auch unsere nationalen Klimaschutzverpflichtungen - die Reduzierung der nationalen CO2-Emissionen um 25 Prozent im Zeitraum 1990 bis 2005 - erfüllen. Wir haben in Deutschland mit einer CO2-Minderung um 15,5 Prozent bereits ein respektables Stück des Weges zurück gelegt. Dafür waren erhebliche Modernisierungsanstrengungen, nicht nur in den neuen Bundesländern, erforderlich.
Der Rest des Weges wird kein Selbstläufer sein. Er kann nur gelingen, wenn wir in allen Sektoren den Einstieg in neue Technologien forcieren. Zur Zeit arbeiten wir an einer Fortschreibung des nationalen Klimaschutzprogramms, das sich gerade den schwierigen Sektoren Verkehr und Privathaushalte widmen soll - also Bereichen, in denen die CO2-Emissionen auch nach 1990 noch stetig zugenommen haben und wo bislang keine Trendwende in Sicht ist.
Beschäftigungseffekte
- Alle aufgeführten Programme gehen mit erheblichen Beschäftigungseffekten einher: im Bauhandwerk, bei den Anlagenbauern, in Ingenieurbüros und in der Energiewirtschaft. Durch die erneuerbaren Energien und verstärkte Energieeinsparung werden in Deutschland bis zum Jahr 2020 schätzungsweise rund 200.000 Arbeitsplätze entstehen. Allein die Nutzung der Windenergie, die in Deutschland ein Prozent und in Schleswig-Holstein bereits 14 Prozent der Stromversorgung ausmacht, hat in den letzten Jahren rund 15.000 Arbeitsplätze geschaffen. Hier ist Deutschland weltweit Spitzenreiter.
- Noch höher sind die potentiellen Beschäftigungseffekte anzusetzen, die sich aus dem Export von Schlüsseltechnologien ergeben. Beispielsweise hat die deutsche Wirtschaft mit ihrer Spezialisierung im Investitionsgüterbereich erheblich von der weltweit zunehmenden Nachfrage nach Ausrüstungen und Maschinen profitiert. Zu nennen sind hier Niedrigverbrauchsfahrzeuge und Nullemissionstechniken, Schnellbahnsysteme und vor allem Energietechnik.
Wir stehen heute vor der Aufgabe, für den Energiebedarf der Menschen Lösungen zu entwickeln, die langfristig und weltweit einsetzbar sind.
Umweltfeindliches Wirtschaften = Wachstumsbremse
In den Wachstumsregionen Asiens und Lateinamerikas hat die Globalisierung der Produktionsabläufe auf der einen Seite zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten geführt. Zugleich haben der Verbrauch von Energie und Rohstoffen, der Ausstoß von Schadstoffen, Treibhausgasen und Industrieabfällen, das Verkehrsaufkommen und der Anteil der bebauten Fläche dramatisch zugenommen.
Wichtige Energieträger, Wasser und Anbaufläche in großen Schwellenländern wie China und Indien sind nahezu erschöpft. Wirtschaften zu Lasten der Umwelt kann sich also schnell als Wachstumsbremse erweisen. Fragen der ökologischen Infrastruktur wie Trinkwasserversorgung und Abwasserbehandlung, Abfallmanagement oder Nahverkehrssysteme gewinnen dann als Standortfaktoren an Bedeutung.
Globaler Klimawandel
Am deutlichsten wird die Bedrohung unserer natürlichen Lebensgrundlagen am Beispiel des globalen Klimawandels. Die Auswirkungen sind täglich in den Medien sichtbar. 1997 war das wärmste Jahr seit Einführung der Temperaturmessung. Dürren, Überschwemmungen und
Wirbelstürme brechen in Häufigkeit und Ausmaß ständig neue traurige Rekorde.
Die Münchner Rückversicherung konstatierte im Vergleich der 60er mit den 90er Jahren eine Verdreifachung der großen Naturkatastrophen. Die volkswirtschaftlichen Schäden haben sich demnach - inflationsbereinigt - sogar verneunfacht . Einer der Hauptgründe: das turbulentere Wettergeschehen, das mit großer Wahrscheinlichkeit auf die steigenden Temperaturen infolge des Treibhauseffekts zurückzuführen ist.
Allein der Hurricane Mitch, der im Dezember 1998 Honduras und Nicaragua verwüstete, hat die dortige Infrastruktur um rund 20 Jahre zurückgeworfen. Kurz darauf wütete vor der amerikanischen Ostküste der Hurricane Floyd, der größte jemals beobachtete Hurricane. Weihnachten 1999 ein weiterer "Weltrekord", dieses Mal in Europa: der Orkan Lothar fegt mit den schnellsten jemals in unseren Breiten gemessenen Windgeschwindigkeiten über Frankreich und Deutschland hinweg. Auch die Niederschläge spielen verrückt: Sintflut im Jangtse-Becken und in Mozambique, Dürren und Waldbrände in Malaysia, Indonesien, Ostafrika und Brasilien.Übrigens hat das Ereignis "Lothar" zu einem Stimmungsumschwung in Frankreich geführt: Premierminister Jospin kündigte die Einführung einer Ökosteuer an.
Der rapide Anstieg der Schäden hat die Kredit- und Versicherungswirtschaft zu einem wichtigen Verbündeten im internationalen Klimaschutz gemacht. Immer mehr Banken und Versicherungen prüfen die Umweltauswirkungen der von ihnen finanzierten bzw. versicherten Objekte inzwischen sehr genau, denn nicht selten sind Umweltschäden die Ursache für Einnahmeausfälle und Haftungsfälle. In bestimmten Regionen - etwa im US-amerikanischen Hurricanegürtel - ist es schon heute so gut wie unmöglich, eine Versicherung für eine anspruchsvolle Industrieanlage abzuschließen - wodurch ganze Regionen abgeschnitten bleiben von den Innovations- und Investitionszyklen des High-Tech-Zeitalters.
Es zeigt sich, dass ökologische Kriterien neben Bildungsstand, Infrastruktur, Marktnähe und politischer Stabilität für globale Investitionsentscheidungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Prägte der US-Ökonom Kenneth Galbraith vor rund 20 Jahren das Wort vom "roten Manager", der soziale Stabilität als Voraussetzung für die Erwirtschaftung langfristiger Profite erkennt, so lässt sich heute konstatieren, dass in den Chefetagen der global agierenden Konzerne "grünes" Denken Einzug hält.
Umweltorientierte Unternehmensführung
Was für die Vorstände gilt, trifft mehr und mehr auch auf den Alltag in den Produktionsstätten zu. Umfragen zeigen, dass ökologisches Bewusstsein bei Managern, Ingenieuren und Arbeitern mittlerweile fest verankert ist und auch in die täglichen betrieblichen Entscheidungen eingebracht wird. Hier knüpft die freiwillige Umweltbetriebsprüfung - das Öko-Audit - an.
Das Bedürfnis der Versicherungskonzerne, ökologische Risiken besser einschätzen zu können, war übrigens der Hintergrund für die Entstehung des Öko-Audit vor rund 20 Jahren in den USA. Das extrem weit gehende amerikanische Haftungsrecht ließ es ratsam erscheinen, die Risiken insbesondere von Chemieunfällen (Stichworte Seveso oder Bhopal) im Voraus zu kennen und nach Möglichkeit zu minimieren.
Seit 1995 ist die freiwillige Umweltbetriebsprüfung "als Öko-Audit" in Europa etabliert und wird vor allem von deutschen, österreichischen und schwedischen Unternehmen in Anspruch genommen. In Deutschland wurden mehr als 2.300, also ca. 3/4 aller EU-weiten Zertifizierungen vorgenommen. In den anderen europäischen Ländern wird das weniger anspruchsvolle - aber dafür weltweit anerkannte - Umweltmanagementsystem ISO 14001 bevorzugt.
Vor diesem Hintergrund haben wir das Öko-Audit während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Anfang 1999 mit ISO 14001 kompatibel gemacht. Das anspruchsvollere EU-Umweltaudit wird damit zu einer Art Zusatzzertifikat, mit dem man sich gegenüber Kunden und Geschäftspartnern profilieren kann. Wir haben uns in Europa soeben auf ein Logo geeinigt, damit sich die zertifizierten Betriebe entsprechend schmücken können. Die Teilnahme am Umwelt-Audit wollen wir durch Erleichterungen im Verwaltungsvollzug belohnen.
Die weltumspannenden Konzerne haben längst verstanden, dass hohe Umweltstandards ein Teil der Qualitätssicherung sind. Umweltdumping mag mit den
Dinosauriertechnologien der 70er Jahre
funktioniert haben - Papiermühlen mit Chlorbleiche, Raffinerien und Aluminiumfabriken haben ganze Regionen verwüstet. Im Goldbergbau auf Zyanidbasis, wie er jüngst in Rumänien zur Katastrophe geführt hat, sind solche Techniken leider nach wie vor im Einsatz. Im Zeitalter der Hochtechnologie sollten sich jedoch auf solcher Grundlage jedoch langfristig keine Profite mehr erwirtschaften lassen.Industriebetriebe, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten, sind heutzutage nicht mehr allein die Verursacher gravierender Umweltschäden. Mindestens ebenso problematisch sind "unnachhaltige" Formen der Agrar-, Forst- und Fischereiwirtschaft zu beurteilen, mit denen Wüstenbildung beschleunigt oder ganze Fischgründe zum Versiegen gebracht werden. Diese Fragen stehen international mehr und mehr im Blickpunkt unseres Interesses, auch im Bereich des internationalen Handels.
Globaler Rahmen
Ich denke, es liegt in niemandes Interesse, zumal nicht im Interesse der Menschen in den Entwicklungsländern, dass an irgend einem Ort in der Welt kurzfristige Wettbewerbsvorteile auf Kosten der Zukunft erzielt werden. Derartige Fehlentwicklungen müssen im Rahmen internationaler Vereinbarungen verhindert werden. Nachhaltige Formen des Wirtschaftens bedürfen auch der völkerrechtlichen Absicherung, wie dies bereits heute - z. B. bei internationalen Fangmengenbegrenzungen in der Fischereiwirtschaft - ansatzweise der Fall ist.
Auch außenpolitisch müssen wir darauf hinwirken, Wirtschaftsformen zu überwinden, die dem Raubbau Vorschub leisten. Das wird in der Regel nur dann möglich sein, wenn Alternativen zugänglich gemacht werden. Ein gutes Beispiel in diesem Sinne ist die Verbreitung FCKW-freier Techniken, die in den Entwicklungsländern über einen speziellen internationalen Fonds, die Global Environmental Facility gefördert werden. Die Klagen der Entwicklungsländer, mit neuen Umweltauflagen würden nichttarifäre Handelshemmnisse errichtet, werden wir allerdings sehr ernst nehmen müssen.
Technische Leistungen und rechtliche Übereinkommen allein reichen jedoch nicht aus: Es muss sich ein Ethos hinzugesellen, eine Art "Sozialverpflichtung des Wissens", analog der "Sozialverpflichtung des Eigentums", ja vielleicht sogar mehr noch: eine "Freigiebigkeit" des Wissens. Es wäre etwas Wesentliches erreicht, wenn ein solches Ethos im Umfeld der EXPO 2000 mehr Freunde fände.
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