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Archiv 14. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Simone Probst
- Redner/in: Parl. Staatssekretärin Simone Probst
- Anlass: Pressekonferenz der VICTORIA-Versicherungen zu "Öko-Audit und Umweltengagement"
- Datum/Ort: 08. Februar 1999, Düsseldorf
Sehr geehrter Herr Dr. Jannott,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich über die heutige Veranstaltung, für deren Ausrichtung ich der herzlich danken möchte. Ich freue mich auch über das beachtliche Interesse an dieser Pressekonferenz zum Thema "Öko-Audit" - ein für manche von Ihnen vielleicht noch ungewöhliches Thema.
Anlaß und Mittelpunkt dieser Veranstaltung ist die erfolgreiche Teilnahme der VICTORIA am EG-Umwelt-Audit-System, als erstes Versicherungsunternehmen europaweit. Das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt haben diesen Prozeß im Rahmen eines Forschungsvorhabens eng begleitet, so daß wir uns heute gemeinsam mit Ihnen freuen können und wollen.
Ich möchte jetzt aber nicht detaillierter auf das Vorhaben und das Thema "Öko-Audit" eingehen, da hierzu meine Nachredner noch Genaueres sagen werden. Erlauben Sie mir statt dessen einige eher allgemeine Anmerkungen zum Thema "Umwelt und Finanzdienstleistungen": "Welche Rolle spielen die Finanzdienstleister aus Sicht des Bundesumweltministeriums für die Umweltpolitik bzw. die Nachhaltige Entwicklung ?"
Hierzu drei Gedanken:
1. Die neue Bundesregierung hat sich in der Koalitionsvereinbarung zum Ziel gesetzt, als Grundlage für die ökologische Modernisierung Deutschlands möglichst bald eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie mit konkreten Zielen zu erarbeiten. Dies soll im Dialog mit den wichtigen gesellschaftlichen Gruppen geschehen. Umweltschutz läßt sich nämlich nicht allein von den Schreibtischen der Umweltbürokratie aus verordnen, sondern lebt vom aktiven Engagement aller gesellschaftlichen Gruppen. Die Finanzdienstleister, also Banken, Sparkassen und Versicherungen, spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Zum einen im Hinblick auf Ihre zentrale volkswirtschaftliche Stellung, zum anderen aber auch deshalb, weil sie eigentlich schon seit längerem daran gewohnt sind, langfristiger zu kalkulieren, als große Teile der sonstigen Wirtschaft (und der Politik). Banken, und vielleicht noch mehr Versicherungen sind schon aus handfesten ökonomischen Gründen gehalten, Nachhaltigkeitsüberlegungen in ihre täglichen Geschäftsentscheidungen einzubeziehen. Umweltrisiken sind Geschäftsrisiken. So schätzt z. B. die deutsche Sparkassenorganisation, daß etwa zehn Prozent der Kreditausfälle in ihrem Bereich auf Umweltschutzprobleme der Kreditnehmer zurückzuführen ist. Für den Bereich der Versicherungen mögen einige Informationen aus dem letzten Jahresrückblick der Münchener Rück zum Thema "Naturkatastrophen 1998" die Brisanz des Themas verdeutlichen:
Demnach entstanden 1998 bei Naturkatastrophen in aller Welt volkswirtschaftliche Schäden von über 90 Mrd. US $, das ist der bisher zweithöchste Wert aller Zeiten. Die internationale Versicherungswirtschaft wurde hierdurch mit einem Schaden von rd. 15 Mrd. US $ belastet, wobei etwa 90 % der Schäden durch Stürme bzw. Überschwemmungen hervorgerufen wurden.
Ein Grund für diese großen Schäden liegt, so die Münchener Rück, darin, daß 1998 das im globalen Mittel mit Abstand wärmste Jahr seit dem Beginn weltweiter Messungen vor rd. 150 Jahren war. Hieraus folgert die Münchener Rück u.a., ich zitiere: "... Ein weiteres Fortschreiten der durch den Menschen verursachten Klimaveränderungen wird uns fast zwangsläufig immer extremere Naturereignisse und in Folge dessen auch immer größere Katastrophenschäden bringen. Die beim 4. Klimagipfel in Buenos Aires Anfang November 1998 erzielten Fortschritte reichen nicht aus, um die globale Erwärmung wenigstens aufzuhalten, und das Weltklima langfristig zu stabilisieren".
Ich finde, daß diese erstaunlich klaren Worte der Münchener Rück verdeutlichen, daß es erhebliche Berührungspunkte und Interessenidentität zwischen Umweltpolitik und Versicherungswirtschaft gibt. Finanzdienstleister und Umweltpolitik sind potentielle Verbündete.
2. Es verwundert vor dem o.g. Hintergrund daher auch nicht - und damit komme ich zum zweiten Punkt -, daß sich Versicherungsunternehmen zunehmend aus eigenem Antrieb über das gesetzlich unmittelbar erforderliche Maß hinaus umweltpolitisch engagieren. UNEP, das von Prof. Töpfer geleitete Umweltprogramm der Vereinten Nationen, hat vor einigen Jahren eine umweltpolitische Selbstverpflichtungserklärung für die Versicherungswirtschaft ins Leben gerufen, die mittlerweile rund 80, z.T. sehr große und einflußreiche Versicherer weltweit unterzeichnet haben. Insbesondere zum Thema "Klimaschutz" meldet sich diese UNEP-Versicherungs-Initiative immer wieder zu Wort. Ich finde es beeindruckend, daß etwa 20 % aller Unterzeichner der Erklärung aus Deutschland stammen, u.a. auch die VICTORIA. Und noch in einer anderen Hinsicht liegen deutsche Finanzdienstleister inzwischen weltweit vorn: Über 30 deutsche Banken, Sparkassen und Versicherungen haben mittlerweile eigene Umweltbilanzen bzw. Umweltberichte vorgelegt, z.T. in zweiter oder dritter Auflage; - dies sind, so eine aktuelle Aufstellung des Umweltbundesamtes, mehr, als man sie in der ganzen übrigen Welt zusammengenommen findet.
Das umweltpolitische Engagement der Finanzdienstleister und, hiermit verbunden, natürlich auch ihre Umweltberichterstattung hat sich dabei in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Am Anfang standen Überlegungen im Mittelpunkt, die durch die Geschäftstätigkeit unmittelbar entstehenden Umweltbelastungen zu reduzieren, also z. B. die Senkung der durchaus beachtlichen Papier- oder Energieverbräuche. Hier ist ja auch die VICTORIA vor einigen Jahren in das Umweltthema eingestiegen. (Evtl. kurzer Hinweis auf energieoptimierten Büroneubau). Inzwischen widmen die Finanzdienstleister jedoch mehr und mehr ihrer Aufmerksamkeit den indirekten Umweltwirkungen, also der sog. "Produktökologie". Bei der Gestaltung der Versicherungsdienstleistungen, der Schadenabwicklung und auch im Bereich der Kapitalanlage, zu der ja auch die Bewirtschaftung des eigenen Immobilienbestandes gehört, gibt es zahlreiche interessante Ansatzpunkte. Ich freue mich daher, daß die Umwelterklärung der VICTORIA ihren inhaltlichen Schwerpunkt klar beim Thema "Produktökologie" setzt. Damit wird nicht zuletzt auch eine Orientierung gegeben für die Beteiligung weiterer Finanzdienstleister am EG-Öko-Audit-System. Ich hoffe dabei natürlich, daß die VICTORIA etliche produktökologische Themen, die in dieser, ersten Erklärung erst zart am Rande anklingen, in den nächsten Jahren beherzt angeht, z. B. den gesamten Bereich des "Green Investment". Hier ist das Unternehmen am Zuge und kann beweisen, daß man es wirklich ernst meint mit dem Thema "Umweltschutz": Lassen Sie Ihren in Sachen "Öko-Audit" wirklich bemerkenswerten ersten Schritten weitere folgen !
3. Schließlich meine dritte und letzte Anmerkung: Welche Rolle sieht die Bundesregierung bzw. das Bundesumweltministerium für sich selber im Hinblick auf "Umwelt und Finanzdienstleistungen" ?
Auch für uns hat dieses Thema in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Das Vorgehen des BMU orientierte sich dabei am Freiwilligkeitsprinzip, d.h. wir haben auf ordnungsrechtliche Eingriffe bewußt verzichtet und stattdessen versucht, Rahmenbedingungen zu schaffen, in den sich das freiwillige Umweltengagement der Finanzdienstleister entfalten und fortentwickeln konnte. Ein konkreter Schritt war in diesem Zusammenhang die frühzeitige Einbeziehung der Finanzdienstleister in den Anwendungsbereich der EG-Öko-Audit-Verordnung; ein anderer z. B. die Durchführung des heute präsentierten Forschungsvorhabens. Interessante Anknüpfungspunkte gibt es auch im Bereich der meist unter dem Stichwort "HERMES" bekannten staatlich gestützten Exportkreditversicherung, die neben der staatlichen ja auch eine beachtliche privatwirtschaftliche Komponente aufweist. Auch hier könnte ich mir die Anwendung des Instruments "Öko-Audit" gut vorstellen. Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt haben inzwischen mit der Kreditwirtschaft einen Arbeitskreis zu "Umwelt und Finanzdienstleistungen" eingesetzt. Auch mit der Versicherungswirtschaft zeichnet sich eine Intensivierung des Dialogs ab, bei dem gemeinsame Interessen und Aktivitäten identifiziert werden sollen.
Insgesamt sind die bisherigen Ergebnisse aus meiner Sicht befriedigend, so daß die wesentlichen Elemente, die bislang unsere Strategie gegenüber den Finanzdienstleistern prägten - "Freiwilligkeit" und "Dialog" - beibehalten werden sollen.
Die Beteiligung von Finanzdienstleistern am EG-Öko-Audit paßt in diese Strategie übrigens sehr gut hinein, da es sich hierbei um ein in doppelter Hinsicht freiwilliges Instrument handelt. Zum einen steht es den Unternehmen frei, ob sie an diesem System überhaupt teilnehmen. Zum anderen entscheiden die Unternehmen selber, welche umweltpolitischen Ziele sie sich setzen. Öko-Audits, auch im Finanzdienstleistungssektor, sind also weit davon entfernt, Unternehmen in eine staatlich verordnete ökologische Bevormundung hineinzupressen. Ganz im Gegenteil, sie helfen umweltinteressierten Unternehmen, ihr eigenes ökologisches Engagement systematisch zu erfassen, zu bündeln und dann auch extern zu kommunizieren. Die Beteiligung der VICTORIA am Öko-Audit ist damit aus unserer Sicht ein gutes und wichtiges Signal, dem hoffentlich weitere Versicherungsunternehmen folgen werden.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !
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