• Titel: Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

  • Untertitel: Festvortrag von Gila Altmann
  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Gila Altmann
  • Anlass: 4. Schiffdorfer Umwelttage "Mit neuer Energie und Technologie umwelt"
  • Datum/Ort: 08.06.2001, Bremerhaven

Verehrte Damen und Herren,

  • Herzlichen Glückwunsch zu dieser Veranstaltung. Sie haben die Zeichen der Zeit schon sehr früh erkannt, nämlich Umweltverträglichkeit und Wirtschaft in der Region zusammen zuführen. Denn gerade das bedeutet Arbeitsplätze und Standardsetzung für neue Technologien im klein- und mittelständischen Bereich.
  • Energiepolitik ist das Kernstück bei der Frage, ob wir es schaffen umzusteuern oder nicht. Wir sind noch lange nicht über den Berg, der Energiehunger weltweit scheint unbegrenzt. DasIPCC (Intergovermental Panel on Climate Change) geht im Gegenteil von einer beschleunigten Erderwärmung aus und prognostiziert für 21. Jahrhundert einen Anstieg der mittleren Temperaturenvon 1,4 - 5,8°.
    Der Energiehunger bezieht sich jedoch nicht nur auf die Entwicklungsländer sondern auch auf die Industriestaaten wie Beispiel USA zeigt, wo 25% der globalen Energie verbraucht werden. Insgesamtsind die Industrieländer mit über 60% beteiligt.
  • Zur Zeit ist eher ein Anstieg von CO2 Produktion als eine Reduzierung zu verzeichnen. Das Umweltbundesamt (UBA) arbeitet z.Zt. an einer seriösen Quantifizierung des zukünftigenEnergiebedarfs.
  • Klar ist, es gibt keine Alternative zum Rio-Prozess und zur Reduzierung von CO2 durch weniger Energieeinsatz. Das Signal der USA ist verheerend, darf aber kein Grund sein, nachzulassen sondern imGegenteil: Es muss alles getan werden, diese Fehlentscheidung, Kioto nicht zu ratifizieren, zurückzunehmen.
  • Die EU mit Deutschland an der Spitze hat das Reduktionsziel bekräftigt.

  • Die Bundesregierung hat die deutsche Energiepolitik vom Kopf auf die Füße gestellt: Durch Einsparung, Effizienzsteigerung und Förderung erneuerbarer Energien soll dasReduktionsziel erreicht werden. Das Ziel ist, den Anteil an der Stromgewinnung auf mind. 12 Prozent (Basisjahr 2000: 6 % Anteil) zu verdoppeln.
    Mittel- und langfristig soll der Anteil pro Dekade um 10% wachsen, heißt mindestens . 50% bis 2050. Studien zeigen, dass es geht und keinen Verlust an Lebensqualität bedeutet. Schon dasWuppertal-Institut hat vor Jahren den "Faktor 4" geprägt, inzwischen wird eine Einsparung um den Faktor 10 für möglich gehalten. Allein die Abschaltung der stand by-Gerätewürde eine Einsparung in der Größenordnung von zwei AKW bedeuten.
  • In den letzten beiden Jahren ist dieser Ansatz durch Gesetze und Förderprogramme wie Einführung der ÖKO- Steuer, dem Erneuerbaren Energien Gesetz (von April 2000), der Bio Masse VO(am 1. Juni im Bundestag verabschiedet) befördert worden.
    Die Regelung der Kraft-Wärme-Kopplung: soll noch vor der Sommerpause im Bundestag verabschiedet werden.
    Die Energieeinspar-Verordnung, soll Anfang 2002 , nach Notifizierung durch EU, in Kraft treten. Die Förderprogramme im einzelnen:
    • das 100.000-Dächerprogramm (1 Mrd. zwischen 1999 und 2003)
    • Marktanreizprogramm mit 1 Mrd. für die Legislatur
    • Verlängerung der Ökozulage im Eigenheimzulagen-Gesetz bis Ende 2002
    • CO2-Gebäudesanierungsprogramm der KfW von 2001-2005: 2 Milliarden DM für Altbauten.
    • Allein dieser Betrag wird Investitionen von 10 Mrd. DM auslösen.
    • Kampagne Solar - na klar zur Förderung von Solarthermie durch die Deutsche Bundesumweltstiftung.
  • Die Photovoltaik hat 20 Jahre Rückstand gegenüber der Windtechnologie aufzuholen und mausert sich: zur Zeit gibt es 100 MW installierter Leistung, 2000 waren es 40 MW = 10.000Dächer.
    In 2001 werden 60 MW erwartet, das ganzes Programm umfasst 300 MW. Die Kombination von EEG und Förderprogrammen in Deutschland ist einmalig in Europa und hat eine lebhafte Ausbaudynamik in Ganggesetzt. Dazu kommt eine Signalwirkung für ganz Europa.
    In Deutschland haben in den letzten Jahren 3 Fabriken zur Herstellung von Photovoltaik-Modulen errichtet (von Solar World AG, BP, letzte von Shell Solar).
  • Solarenergie ist für Industrieländer wie Entwicklungsländer gleichermaßen interessant. Weltweit sind noch eine Mrd Menschen ohne Strom. PV ist dezentral einsetzbar, derAufwand und die Kosten sind relativ gering, die Entwicklung ist noch lange nicht am Ende. Das bedeutet große Zukunftsperspektiven auf den Weltmärkten, ähnlich wie bei der Windenergie,die sich inzwischen zur Jobmaschine entwickelt hat. Ein Beispiel ist Enercon aus Aurich. Mit drei Mitarbeitern vor etwas mehr als 10 Jahren begonnen, ist der Betrieb nach VW in Emden mit 1400Arbeitskräften im Stammwerk und 20000 in der gesamten Zulieferindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber in der Region.
    Insgesamt sind bisher 70.000 neue Arbeitsplätze in den Branchen der erneuerbaren Energien entstanden, 200.000 und mehr werden prognostiziert bis zum Jahr 2020. Aber auch der Informationsbedarfzu diesem Thema hat rasant zugenommen, eine Dienstleistung, die fast noch wichtiger als Technik selbst ist.
    Das gilt auch für die Anbieter von grünem Strom. Die Liberalisierung erlaubt die Wahlfreiheit. Jede regenerativ erzeugte und ins Netz eingespeiste KWh verdrängt konventionell erzeugtenStrom. Daran muss sich der Einzelne erst einmal gewöhnen, genauso wie an die Preiskalkulation, zugeschnitten auf die individuellen Lebensverhältnisse, die letztendlich ausschlaggebendfür oder gegen einen neuen Stromanbieter ist.
    Das Thema Energiesparen spielt im Gebäudebereich wichtige Rolle. Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung vom Okt. 2000 hat erstmals sektorale Minderungsbeiträge festgelegt.
    Für private Haushalte und den Gebäudebereich bedeutet das ein Einsparungsziel von 18 - 25 Mio. t CO2 von insgesamt einzusparenden 100 Mio t bis 2005.

Die Energie-Einspar-Verordnung, die die Heizungsanlagen- und Wärmeschutz-Verordnung zusammenführt, soll den Prozess beschleunigen. Sie ist am 7.3. im Kabinett verabschiedet worden, zurZeit wird sie in den Ausschüssen des Bundesrates beraten. Nach jetziger Planung soll sie Mitte Juli im Plenum des Bundesrates behandelt und dann von der EU notifiziert werden. Das heißt,sie tritt frühestens 2002 in Kraft.
Das BMU setzt sich für verschärfte Anforderungen an den Wärmebedarf von Neubauten um 30% ein , d.h. es soll eine verbindliche Festschreibung des Niedrigenergiestandards = 7l-Hausgeben.
Es soll konkrete Wärmeschutzanforderungen an Außenbauteile auch für bestehende Gebäude geben, wenn ohnehin renoviert werden muss. Hinzu kommt der Austausch aller vor dem 1.10.78installierten Heizkessel bis 2004.

Nicht nur globale Aspekte wie Klimaschutz etc. spielen eine Rolle , sondern auch das individuelle Wohlergehen. Die Sensibilität für gesundes Wohnen ist durch Allergien und großeSkandale der Vergangenheit (z. B. Holzschutzmittel oder Formaldehyd) allgemein gewachsen. Dazu gehört eine ganzheitliche Herangehensweise. Zum gesunden Wohnen gehört ein gutes Raumklima,gute Licht - und Luftqualität ohne Schadstoffemissionen und eine gute handwerkliche Umsetzung. Die gute Absicht des ökologischen und gesunden Bauens würde konterkariert, wenn dieBaustoffe schimmeln.

In Staufen (Baden-Württemberg) gibt es seit etwa 8 Jahren das ZBÖ, das Zentrum für Baubiologie und Ökologisches Bauen, mit derzeit 11 Firmen, Tendenz steigend. In diesemGewerbegebiet passt alles zusammen:

  • Die Niedrigenergie- und Holzrahmenbauweise mit ökologischen Baustoffen,
    • die solare Brauchwasseranlagen und Kücheneinrichtungen
    • die Schlafbiologie und elektromagnetische Untersuchungen.
    • Selbst die Gartengestaltung gehört dazu.
  • Das ganze Spektrum zeigt sich in der Gestaltung des Gewerbegebietes:
  • Die Parkplätze sind mit Fotovoltaikanlagen überdacht und decken den Strombedarf der MitarbeiterInnen ab. Im Sommer sind die Stellplätze zudem begehrte Schattenspender.

Ökologisches Bauen mit hochwertigen Produkten ist ein Wachstumsmarkt. Der Anteil bei den Dämmstoffen liegt zur Zeit zwar erst bei knapp 5%, aufgrund der Gesetzesinitiativen ist Wachstumauf mindestens 10% in den nächsten Jahren zu erwarten. Aber wie bei allen Neuem gibt es auch hier noch großen Informationsbedarf. Und der Faktor Geld spielt auch eine wichtige Rolle. Baustoffe können auf den ersten Blick tatsächlich um ein Drittel teurer sein, aber langfristig gilt: Ökologisch bauen heißt ökonomisch bauen. Ökologisches Bauen brauchteine ganzheitliche Betrachtungsweise, das Kostenargument stimmt dann nur noch bedingt. Höhere Kosten zu Beginn der Bauphase relativieren sich sehr schnell und lassen sich in den Griff kriegen,wenn man den Umwelt- und Gesundheitsaspekt, die Qualität und Langlebigkeit, den Energie- und Wasserspareffekt mit ein rechnet. Das gilt ganz besonders auch für die Auswahl und Renovierungder Heizkesselanlage bei Altbauten.
Es lohnt sich, eben nicht bis 2004 zu warten, sondern vorzeitig zu sanieren.

In diesem Fall könnten die Kommunen mit gutem Beispiel vorangehen. Wichtig ist die Prioritätensetzung bei den Einzelposten, z. B. die Abwägung zwischen Ansprüchen an dieInnenraumgestaltung und Ausgaben für Wärmedämmung und Energieversorgung. Das braucht flexible ArchitektInnen, denen eine Schlüsselstellung zukommt, da ihre Beratung ganz am Anfangsteht. Aber auch Handwerker, Bauwillige und Baustoffhandel spielen eine zentrale Rolle. Das wäre eine wesentliche Aufgabe für die IHK, hier Überzeugungsarbeit zu leisten und diediversen Förderprogramme bekannt zu machen.

Weiterbildung und Qualifikation der Mitwirkenden ist bares Geld wert. Wenn man einen Blick über die Grenzen wirft, erkennt man, dass besonders die Schweiz weit voraus ist in der Entwicklung. Sie hat früh die Wissensvermittlung und - umsetzung als wesentlichen Ansatz für ökologisches Bauen erkannt und mit entsprechenden Kursen darauf reagiert. Ähnlich arbeitet dieEnergieagentur in Nordrhein-Westfalen.

Eine Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung (TAB) des Deutschen Bundestages beschäftigt sich mit Materialien, die aus ein- oder mehrjährigen Kulturpflanzen erzeugtwerden, wie Faser-, Zellulose-, Stärke-, Öl- und Zuckerpflanzen und wägt Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Vorteilhaft ist z. B. die biologische Abbaubarkeit oder die hohe Aufnahme -und Abgabefähigkeit von Feuchtigkeit. Dagegen stehen die Anforderungen an Beständigkeit und Brandschutz, die sich nachteilig auswirken könnten, wenn Baustoffe durch physikalische oderchemische Zusätze wie Borate geschützt werden müssen. Hier gibt es noch Forschungsbedarf bezüglich einer ganzheitlichen Lebenszyklusanalyse.

Liebe Anwesende, Aktive, ich wünsche Ihnen alles Gute für die 4. Umwelttage, mögen ihnen noch viele folgen.