• Titel: Gila Altmann, im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

  • Untertitel: Rede zur Eröffnung der Motorradmesse MOTORRÄDER 2001 in Dortmund, 28.02.2001
  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Gila Altmann
  • Anlass: Eröffnung der Motorradmesse MOTORRÄDER 2001 in Dortmund
  • Datum/Ort: 28.02.2001, Dortmund

  • Moin, moin, meine Damen und Herren
     
  • Ich könnte diese Rede beginnen mit der Frage: Was ist paradox? Die Antwort wäre: Eine grüne parlamentarische Staatssekretärin aus dem BMU, die eine Motorradmesseeröffnet. Das schafft Verunsicherung, Fragezeichen, vielleicht Kopfschütteln.
  • Ich gestehe, meine Zusage geschah nicht ohne Hintergedanken. Denn diese Messe ist die richtige Gelegenheit, um nicht nur zu Beginn eines neuen Jahrtausends, sondern auch zu Beginn einer neuenMotorradsaison die richtigen Zeichen zu setzen und die Diskussion des vergangenen Jahres fortzuführen.
  • Das Bundesumweltministerium (BMU) beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Motorrad unter umweltpolitischen Gesichtspunkten, den die Zahl der motorisierten Zweiräder erfährtderzeit enorme Steigerungsraten und ist damit zu einer festen Größe im Verkehrsgeschehen und für die Industrie geworden. Mit inzwischen rund 3,35 Mio. Zweirädern hat sich derBestand in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Analog zum Auto geht der Trend zu immer leistungsstärkeren Motoren mit mehr PS, mehr Hubraum und höheren Geschwindigkeiten.
  • Aber die technische Entwicklung scheint fast ausschließlich hier stattzufinden: bei der Entwicklung besserer Fahrwerke, besserer Bremsanlagen, besserer Reifen, beim Herauskitzeln letzterReserven aus z.T. betagten Motorenkonzepten.
  • Emissionen und Verbrauch rangieren bei den Technikern und Marketingstrategen vieler Motorradkonzerne unter ferner liefen.
  • Damit ist das Problem beschrieben. Verglichen mit dem Emissionsstandard eines modernen PKW - Motor ist Fortschritt beim Motorrad eine Schnecke. Umweltpolitiker meines Schlages plädieren zwarfür die Wiederentdeckung der Langsamkeit, aber so war das nicht gemeint.
  • Kurz gesagt: Motorräder verbrauchen zuviel und sind zu laut. Sie tragen aufgrund ihrer hohen spezifischen Emissionen wesentlich zur lokalen Luftverunreinigung bei, derSchadstoffausstoß der Zweiräder überschreitet den von modernen Pkw um ein Vielfaches - unter bestimmten Einsatzbedingungen das 900-fache an Kohlenwasserstoffen, der Spritverbrauchmarktüblicher Modelle kann mit dem eines sechsmal schwereren Mittelklasse-PKW locker mithalten.
  • Das Motorrad ist immer noch eine bedeutende Quelle des Lärms, selbst wenn in den letzten Jahren Verbände und Industrie viel zum Absenken der Pegel beigetragen habe - ich erinnere nur andas Motto "Laut ist out". Bedauerlich ist, dass der Zubehörhandel weiterhin verschmitzt Auspuffanlagen "nur für den Rennbetrieb" anbietet, um auch Schmalspur-Biaggis für die Zielgeradezum Capuccino akustisch aufzurüsten.
  • Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, den MotorradfahrerInnen die Freude am Fahren zu vermiesen. Aber die Frage muß gestattet sein, was an hohem Spritverbrauch undexorbitanten Emissionen geil sein soll. Aber vielleicht ist das auch nur eine typisch weibliche Frage ...
  • Die Verpackung zumindest ist auf dem neuesten Stand - aber angelehnt an den Rosenmontagszug: Man kann auch Trecker sehr schön herrichten. Unter einer hochgerüsteten Optik verbirgt sichleider oft noch Technologie mit dem Flair der 50er-Jahre.
  • Das wollen wir ändern, denn im Gegensatz zum Auto bietet das Motorrad im Kontext mit einer umweltschonenden Mobilität durchaus Vorteile, denken wir nur an die Ressourcenschonung durchgeringeren Materialverbrauch bei der Herstellung, große Langlebigkeit, praktiziertes Recycling durch die Schrauberszene oder den geringeren Flächenverbrauch.
  • Diese Pluspunkte ziehen allerdings nur, wenn das Motorrad die gestiegenen Umweltanforderungen erfüllen kann. Neben einem vernünftigen Verkehrsmittelmix von Schiene und Straße undder Vermeidung von unnötigen Verkehren heißt das Optimierung von Fahrzeugtechnik, Senkung des Kraftstoffverbrauchs und Minderung von Schadstoff- und Geräuschemissionen.
  • Unter dem Aspekt hat BMU vor geraumer Zeit begonnen, das Thema Motorrad und Umwelt aufzuarbeiten, nicht immer konfliktfrei und das wird auch so bleiben. Dennoch gibt es keine Alternative dazu undist eine große Chance für die Industrie, mit Innovationen die Nase vorn zu haben. An eine Revolution auf dem Motorradmarkt wage ich dabei schon gar nicht mehr zu denken - aber ein wenigEvolution auf Seiten vieler Hersteller wäre wünschenswert.

  • Dazu sind politische Initiativen geplant, diesen Prozess zu flankieren und zu beschleunigen, wie die Verschärfung der Abgasgrenzwerte und die Spreizung der KFZ - Steuer parallel zu deneuropäischen Initiativen. Darüber hinaus gibt es Überlegungen, steuerliche Anreize für schadstoffarme Motorräder oder für Katnachrüstungen zu schaffen.
  • Das Europäische Parlament fordert zwei verbindliche Stufen (2003, 2006), die Stufe für 2006 entspricht etwa den EURO 3 - Grenzwerten, die heute für Pkw verbindlich sind. Und wennimmer wieder angeführt wird, dass die von uns geplanten Grenzwerte nicht realistisch seien, empfiehlt sich ein Blick nach Taiwan und besonders Indien, einem Entwicklungsland, das mit verbindlichvorgeschriebenen U- Katalysatoren für Zweitakter die EU- Grenzwerte jetzt schon nahezu erreicht.
  • National wollen wir eine Abgas- und Lärmuntersuchung für Motorräder einführen in Anlehnung an das Pkw, Lkw und Bussen übliche Verfahren.
  • Und es geht um die Verhinderung von lärmerhöhenden Manipulationen z. B. im Zusammenhang mit Nach- und Umrüstungen. Das derzeitige Regelwerk scheint nicht auszureichen.

  • Mein Appell richtete sich an die Motorrad - Industrie, mit technischen Verbesserungen dazu beizutragen, dass das Motorrad in der umweltpolitischen Diskussion endlich eine positivere Rolle spielenkann. Ich habe in den vergangenen Monaten einige Ansätze gesehen, oft Entwicklungen kleiner Hightech - Schmieden, wie dem Ultra - Low - Emission - Technik auf der Basis einer Moto Guzzi V11, vonHTM, das heute schon EURO 3 erreicht. Leider steht das Bike aber nicht bei Moto Guzzi sondern bei uns am Stand. Das sollte uns zu denken geben. Oder denken Sie an das 3-Wege-Kat -Nachrüstsystemfür Harleys, entwickelt von einer Spezialfirma für soundoptimierte Auspuffanlagen, Kess und HJS.
  • Was diese Firmen und andere Firmen mit kleinem Forschungs- und Entwicklungsbudget leisten, müßte doch für die Marktführer allemal möglich sein.
  • Machen Sie das Motorrad ökonomisch und ökologisch verträglicher, damit Motorradfahrer und - fahrerinnen sich technisch nicht länger als diskriminierte Minderheit fühlen. Schaffen Sie eine breite Angebotspalette von emissionsarmen Motorrädern, damit umweltbewußte MotorradfahrerInnen echte Alternativen haben.
  • Und ich möchte an die Verbraucher und besonders die Verbraucherinnen apellieren, da ich mir von ihrem Kaufverhalten noch eine ganze Menge verspreche : Lassen Sie sich keine ollen Kamellen inbunter Hochglanz-Verpackung aufschwatzen, schauen Sie genau hin, ob Verbrauch und Emissionen zeitgemäß sind. Sie haben als Kunden mehr Einfluß, als Sie ahnen. Sorgen Sie dafür,dass spritfressende Technosaurier zum Ladenhüter werden.
  • Zum Abschluss: Ich bin nicht allein gekommen, sondern habe auch noch ein bißchen Papier mitgebracht: Das BMU hat Symposium "Motorrad und Umwelt" am 25. September 2000 in Berlindurchgeführt, dazu liegt druckfrisch der Reader vor .
  • Den und vieles anderes mehr - Dokumentation Motorrad und Umwelt, Tagungsband zum Symposium, Broschüren; Hardware: Nachrüstkatalysatoren, Modelle von Abgassystemen mit Katalysator, dasULEB - gibt es am BMU Stand, Halle 4, Stand 464. Wenn Sie Lust haben können Sie dort bei einem Boxenstopp mit kompetenten Fachleuten aus BMU und UBA diskutieren oder sich beraten lassen. Ichmöchte die Gelegenheit nutzen, mich auf diesem Weg bei meinen Mitarbeitern zu bedanken, auf deren Kompetenz und Urteilsfähigkeit ich zurückgreifen kann und die durch ihr Engagement dieAusgestaltung des BMU- Stands ermöglicht haben. Denn dieser Stand ist ein absolutes Novum, der erste seiner Art auf einer solchen Messe und Ausdruck einer neuen politischen Strategie derBundesregierung : die des Dialogs mit der Industrie und den Verbänden, um die Zeichen der Zeit gemeinsam zu deuten. Insofern freue ich mich für die Gelegenheit, heute hier unsereVorstellungen präsentieren zu können. Auch wenn der Volksmund meint, am Aschermittwoch sei alles vorbei, gibt es keinen Grund für Katerstimmung: Diese Messe beginnt erst und mir bleibtnur noch, Ihnen allen eine erfolgreiche, informative Tage zu wünschen, mit vielen in die Zukunft gerichteten Ideen und Kontakten.
     
  • Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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