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Archiv 14. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Gila Altmann
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Titel: Gila Altmann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Ökologisches Bauen Vortrag im BHW-Service Center Aurich am 18. Februar 2001
- Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Gila Altmann
- Anlass: Ökologisches Bauen, Vortrag im BHW-Service Center Aurich
- Datum/Ort: 18.02.2001, Aurich
Sehr geehrte Anwesende,
Zuerst einmal möchte ich die Initiatorinnen zu ihrer Idee für diese Veranstaltung beglückwünschen. Sie liegen damit genau richtig, denn es wird sich in naher Zukunft eine Menge auf diesem Sektor tun.
Dafür gibt es zwei gewichtige Gründe:
1. Der Beitrag zum Klimaschutz. Das am 18.10.00 beschlossene Klimaschutzprogramm der Bundesregierung hat erstmals sektorale Minderungsbeiträge festgelegt. Für private Haushalte und denGebäudebereich bedeutet das ein Einsparungsziel von 18-25 Mio. t CO2 von den insgesamt noch einzusparenden 100 Mio. t bis 2005.
2. Der Gesundheitsaspekt: In den letzten Jahren ist die Sensibilität für gesundes Wohnen allgemein gewachsen, zum Beispiel durch die Diskussionen über möglichegesundheitsschädliche Wirkungen von Baustoffen und darin enthaltene Zusätzen wie Formaldehyd.
Der Energiestandard ist also ein wesentlicher Punkt. Dem trägt die Bundesregierung durch das neue Erneuerbare - Energien - Gesetz (EEG) und das dazu gehörige Marktanreizprogramm mitInvestitionen von 200 Mio DM pro Jahr Rechnung. Dazu zählt außerdem das 100.000
Dächer-Programm mit Mitteln in Höhe von einer Milliarde DM zwischen 1999 und 2003 und dieVerlängerung der Ökozulage im Eigenheimzulagen-Gesetz bis Ende 2002. Darüber hinaus stellt das CO2 -Gebäudesanierungsprogramm von der Kreditanstalt für Wiederaufbau
(KfW) von2001-2005 zwei Milliarden DM aus den UMTS - Erlösen für Altbauten zur Verfügung. Allein dieser Betrag wird Investitionen von 10 Mrd. DM auslösen.
Außerdem wird es eine Marktzinssenkung von bis zu 3% für Gebäude geben, die vor 1979 errichtet wurden. Der Kreditbetrag beträgt maximal 250 Euro /qm, wenn die Minderung derCO2-Emissionen mindestens 40 kg pro Jahr und Quadratmeter Wohnfläche beträgt.
Ein nächster wichtiger Schritt wird die Verabschiedung der Energieeinspar-Verordnung sein, in der endlich die Heizungsanlagen- und die Wärmeschutz-Verordnung zusammengeführt werden. Sie soll noch im Februar im Kabinett verabschiedet werden. Durch diese neue Verordnung werden die Anforderungen an den Wärmebedarf von Neubauten um 30% verschärft und damit derNiedrigenergiestandard verbindlich fest geschrieben. Es wird konkrete Wärmeschutzanforderungen an Außenbauteile auch für bestehende Gebäude geben für den Fall, dass ohnehinrenoviert werden muss. Außerdem wird in der Verordnung der Austausch aller vor dem 1.10.78 installierten Heizkessel verbindlich geregelt.
Zum gesunden Wohnen gehört ein gutes Raumklima, gute Licht - und Luftqualität ohne Schadstoffemissionen ebenso wie eine gute handwerkliche Umsetzung. Die gute Absicht desökologischen und gesunden Bauens würde konterkariert, wenn die Baustoffe schimmeln.
Bleibt der Faktor Geld. Obwohl die Baustoffe auf den ersten Blick um ein Drittel teurer sein können, gilt trotzdem : Ökologisch bauen heißt ökonomisch bauen. Allerdingsbedarf ökologisches Bauen einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, in dessen Kontext das Kostenargument dann nur noch bedingt stimmt. Wenn man neben dem Umwelt- und Gesundheitsaspekt dieQualität und Langlebigkeit sowie den Energie- und Wasserspareffekt mit einrechnet, relativieren sich höhere Kosten zu Beginn der Bauphase sehr schnell und lassen sich in den Griffkriegen.
Wichtig ist allerdings die Prioritätensetzung bei den Einzelposten. So sind zum Beispiel Ansprüche an Innenraumgestaltung mit den Ausgaben für Wärmedämmung undEnergieversorgung abzuwägen. Das bedeutet weiterhin, dass viele Grundsatzentscheidungen schon im Entwurfsstadium getroffen werden müssen. Und der Bauwillige muß die diversenFörderprogramme kennen.
Dafür ist die Weiterbildung und Qualifikation der Mitwirkenden dringend erforderlich. Besonders den ArchitektInnen kommt dabei eine Schlüsselstellung zu , denn sie stehen am Anfang jederPlanung. Doch auch den Handwerkern, den Bauwilligen und dem Baustoffhandel kommt ein zentrale Rolle zu. Zur Zeit muss mancher Bauwillige, der sich für eine ökologische Bauweise entscheidet,noch über sehr viel Eigeninitiative, Geduld und Wissen verfügen, um ArchitektInnen und Handwerker zu überzeugen. Das gilt für die Planung und die Kontrolle während derBauphase gleichermaßen.
Ein Blick über die Grenzen ist da hilfreich. Besonders die Schweiz ist weit voraus in der Entwicklung hat schon sehr früh die Wissensvermittlung und - umsetzung als wesentlichen Ansatzfür ökologisches Bauen erkannt und mit entsprechenden Kursen darauf reagiert. Hier wäre eine Aufgabe für die IHK, denn eine Spezialisierung in diesem Bereich bedeutet auch neueArbeitsplätze für die Region. Bisher verfolgt lediglich die Energieagentur in Nordrhein Westfalen seit einigen Jahren ein ähnliches Konzept.
Die letzte Tagung "Ostfriesland schmeckt nach Meer" hat sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt, speziell auf die Zielgruppe der Touristen zugespitzt. Viele kommen wegen der gesundenReizklimas hierher. Immer mehr gehört auch gesundes Wohnen dazu. Andererseits spielen gerade in unserer Region die nachwachsenden Rohstoffe eine große Rolle.
Eine Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung (TAB) des Deutschen Bundestages beschäftigt sich ebenfalls mit Materialien, die aus ein- oder mehrjährigenKulturpflanzen erzeugt werden, wie Faser-, Zellulose-, Stärke-, Öl- und Zuckerpflanzen. Sie kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass noch bestehende Widersprüche ausgeräumt werdenmüssen. Als vorteilhaft werden hier die biologische Abbaubarkeit sowie die hohe Aufnahme - und Abgabefähigkeit von Feuchtigkeit beurteilt. Nachteilig könnten sich die Anforderungen andie Beständigkeit und den Brandschutz auswirken, wenn Baustoffe durch physikalische oder chemische Zusätze wie Borate geschützt werden müssen. Unklarheit gibt es insbesondere nochhinsichtlich des Einflusses von Schutzsubstanzen bei der Wiederverwertung und Entsorgung. Hier besteht noch Forschungsbedarf bezüglich einer ganzheitlichen Lebenszyklusanalyse.
In unserer Region könnte der Schilfanbau einen Boom erleben und zwar nicht nur als landschaftstypisches Dachdeckmaterial, sondern auch als Dämmstoff. Schilf braucht aufgrund des hohenKieselsäuregehaltes keine zusätzlichen Schutzstoffe und kann hinterher problemlos als Verpackungs- oder Heizmaterial verwertet werden. Schilfanbau als wirtschaftliche Ergänzung zurLandwirtschaft könnte - gerade in der jetzigen Umstrukturierungsphase - für unsere Region eine interessante Perspektive darstellen.
Bleibt das Problem der Dienstleistung "Information aus einem Guss". Hier haben wir es zur Zeit eher noch mit Bruchstücken zu tun. Anbieter in der Region sind zum großen Teil immer nochEinzelkämpfer und für Bauwillige schwer erreichbar. Erste Ansätze der Vernetzung von ökologisch orientierten Bauunternehmen aus der Region gibt es über das ÖkologischeUnternehmensnetzwerk Ostfriesland, ONNO e. V. (www.onno-net.de). Ein weiterer Schritt könnte das neu gegründete Institut für Bauen und Wohnen (IBW) sein, das in Emden angesiedeltwerden soll.
Was hier noch in den Anfängen steckt, ist in anderen Teilen der Republik schon sehr konkret. So gibt es in Staufen (Baden Württemberg) seit etwa 8 Jahren das ZBÖ (Zentrum fürBaubiologie und Ökologisches Bauen) mit derzeit 11 Firmen, Tendenz steigend. In diesem Gewerbegebiet passt alles zusammen: Von der Niedrigenergie- und Holzrahmenbauweise mit ökologischenBaustoffen über solare Brauchwasseranlagen und Kücheneinrichtungen bis hin zur Schlafbiologie und elektromagnetischen Untersuchungen reicht das Angebot. Selbst die Gartengestaltunggehört dazu. Selbstverständlich findet sich das ganze Spektrum in der Gestaltung des Gewerbegebietes wieder. So wurden die Parkplätze mit Fotovoltaikanlagen überdacht, die nichtnur den Strombedarf der MitarbeiterInnen abdecken sondern im Sommer auch begehrte Schattenspender sind. Denn neben dem Design spielen die Sozialstrukturen eine wichtige Rolle. Leben und Arbeitengehört hier zusammen, denn über den Produktionshallen mit Grasdächern wird auch gewohnt. Unter dem Aspekt der neuen Produktlinien und verbesserten Arbeitsbedingungen ist eine ganz neueUnternehmenskultur mit hoher Motivation und Identifikation entstanden.
Als Fazit lässt sich sagen: Das ökologische Bauen mit hochwertigen Produkten ist ein Wachstumsmarkt. Auch wenn der Anteil bei den Dämmstoffen zur Zeit erst bei knapp 5% liegt, istaufgrund der beschriebenen Gesetzesinitiativen ein Wachstum auf mindestens 10% in den nächsten Jahren zu erwarten.
"Umweltfreundliche Innovationen im Bau gelingen nur dann, wenn sie die künftige Nutzung des Gebäudes nicht behindern, die Baukosten nicht erhöhen, die Betriebskosten merklichreduzieren und ihre Wirkung während er gesamten Lebensdauer des Gebäudes entfalten". Diese Einschätzung von Prof. Dr. Horts Strunz, Bauherr des "Low Energy Office" in Köln 1998verdeutlicht, wo die Aktivitäten der nächsten Zeit liegen müssen. So eine Strategie wäre dreifach gut: Für die Umwelt, die Gesundheit und für die heimischeWirtschaft.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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