• Titel: Rede der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Gila Altmann

  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Gila Altmann
  • Anlass: Konferenz des Europarates zu Nachhaltigem Tourismus, Umwelt und Beschäftigung am 11. Oktober 2000
  • Datum/Ort: 11.10.2000, Berlin

Sehr geehrte Frau Stepová,
Sehr geehrter Herr Ballester,
Sehr geehrte Frau Déjeant-Pons,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Was ist eigentlich nachhaltiger Tourismus?
Auf alle Fälle handelt es sich hierbei um ein Reizwort, vor allem deshalb, weil die Nachfrage nach immer exotischeren Angeboten, die den ultimativen Kick geben sollen, ungebrochen ist. DenkenSie nur an die Angebote im Bereich Abenteuertourismus in Krisengebieten - da nachhaltige Elemente zu entdecken, dürfte schwer fallen.
"Otto Normalverbraucher" - so ergab kürzlich eine deutsche Studie - kann mit dem Wort Nachhaltigkeit noch nichts anfangen. Noch nicht einmal 1/5 der Befragten kannten den Begriff derNachhaltigen Entwicklung. Insofern sollten wir uns in den kommenden Tagen nicht nur darüber Gedanken machen, wie nachhaltiger Tourismus, Umwelt und Beschäftigung zusammenpassen, sondernbesonders auch darüber, wie wir unsere Ideen durch konkretes Handeln und Projekte einer breiteren Öffentlichkeit positiv vermitteln können. Nachhaltig leben - und dabei ist Wert aufeine umfassende Betrachtung zu legen -, heißt nicht nur, nicht auf Kosten künftiger Generationen zu leben sowie unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren, sondern auch aufsolide Staatsfinanzen, soziale Gerechtigkeit sowie Investitionen in Bildung und Forschung hinzuwirken.
Die Ökologie ist als Langfristökonomie Grundlage allen Handelns. Sie steht im Gegensatz zur Kurzatmigkeit, die oftmals vom Alltag bestimmt wird. Mit unserem Lebensstil verschwenden wir -15% der Weltbevölkerung - in großem Maß die vorhandenen Ressourcen und setzen Klimaveränderungen in Gang. Tourismus ist ein wesentlicher Verursacher von Treibhausgasen, ihmkommt dabei als Schlüsselbranche für nachhaltige Entwicklung wachsende Bedeutung zu.
Und: Was wollen wir eigentlich tun, wenn sich die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern im gleichen Umfang wie wir aufmachen, die Welt zu erkunden? Schon jetzt zeigen Prognosen,dass der größten Zuwachs von Flugbewegungen auf der Route Europa-Asien zu erwarten ist. Und auch viele Menschen in Afrika werden wahrscheinlich nicht mehr lange damit warten wollen, selbstFernreisen zu unternehmen. Daher wird von den Industrieländern, von uns, zu recht ein wesentlicher Beitrag zu einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung erwartet.

Tourismus - Zahlen
Die Tourismusentwicklung in Zahlen liest sich wie eine Erfolgsstory: Nach Angaben der Welttourismusorganisation (WTO) betrug der Umsatz der Tourismusbranche 1997 weltweit 35.000 Milliarden oderauch 35 Billionen Dollar. Die jährlichen Steigerungsraten werden mit 12 Prozent beziffert. Derzeit gibt es im Tourismus 255 Millionen Beschäftigte weltweit, 2,8 Millionen davon sind inDeutschland tätig.
Die von der EU-Kommission eingesetzte High Level Group für Tourismus und Beschäftigung schätzte in ihrem 1998 veröffentlichten Bericht, dass allein in Europa die Zahl derGästeankünfte von 1995 bis 2010 von 335 Millionen auf 527 Millionen steigen wird - das sind plus 57 Prozent. Bezogen auf den Arbeitsmarkt bedeutet das die Schaffung von 2,2 bis 3,3Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen allein im Tourismus, darüber hinaus entstehen hierdurch zusätzliche Arbeitsplätze auch in anderen Wirtschaftsbereichen.

Kehrseite der Medaille:
Mit diesem Wachstum gehen ein steigender Naturverbrauch und eine zunehmende Belastung der Umwelt einher. Der Tourismus insgesamt ist mit immensem Verkehrs- und Abfallaufkommen sowie riesigemRessourcen- und Flächenverbrauch verbunden.
So hat zum Beispiel der Mittelmeerraum seit 1900 rund 71 Prozent seiner Dünenlandschaften verloren. Dünenlandschaften und Strände sind nicht nur als touristische Attraktionen wichtig,sondern auch für den Küstenschutz und für die Erhaltung der biologischen Vielfalt von großer Bedeutung.
Auch der Bau von Skipisten hat zu einer totalen Veränderung der Lebensräume für Flora und Fauna geführt. Die Baumaßnahmen verursachen massive Artenverschiebungen - hier istdas "alien species"-Problem zu nennen -, außerdem führen sie zu Erosionen und Eutrophierung, d.h. Überdüngung. Die Alpen sind mit ca. 450 Millionen Übernachtungen dietourismus-intensivste Region der Welt, gleichzeitig sind sie aber auch einer der sensibelsten ökologischen Räume überhaupt.

Strategie für einen nachhaltigen Tourismus
Wir brauchen eine Strategie für einen nachhaltigen Tourismus, damit TouristInnen nicht mehr das zerstören, was sie suchen. Dazu gehören Teilstrategien

  1. Zur umweltfreundlichen Mobilität bei der Anreise und am Zielort
  2. Für die dortige Raumordnung
  3. Für den Natur- und Gebietsschutz
  4. Für Wasserverbrauch und Abwassermanagement
  5. Für örtlich angepasste Abfallkonzepte
  6. Für die Definition von Obergrenzen der jeweiligen Region, um eine Überforderung der natürlichen Gegebenheiten zu verhindern

Nur mit einer solchen Strategie können langfristig das Reiseziel für Erholungssuchende, der Lebensraum für Einheimische und Arbeitsplätze lokal und international dauerhaftgesichert werden.

Schritte
Die Schlüsselfrage dabei ist: Gelingt es, bestehende Konsummuster im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu ändern und handelnde Akteure zur Mitwirkung zu veranlassen? Denn derTourismus ist oft Haupteinnahmequelle - insbesondere in den Ländern des Südens. Mangels Alternativen werden dort dann herkömmliche Modelle übernommen.
Die Haupttouristenströme gehen noch von Norden nach Süden - mit allen damit zusammenhängenden Problemen. Auch unterhalb von bekannteren Problemen wie Sextourismus gibt es mit demTourismus einhergehende Probleme der lokalen Bevölkerung, z. B. das Problem der "importierten" Teuerung und die damit verbundene Verelendung der Bevölkerung, die zu Verlust der Kultur undsozialer Zusammenhänge führt. Diese Probleme gehen meist zulasten von Frauen.

Umweltpolitik für Nachhaltigkeit
Die deutsche Bundesregierung versucht, das Thema national und international zu befördern, z. B. bei internationalen Übereinkommen, die direkten oder indirekten Bezug zum Tourismushaben. Als Beispiele sind die Alpenkonvention und der CSD-Prozess zu nennen.
1999 wurde bei der 7. CSD-Sitzung ein breit angelegtes Arbeitsprogramm zu Tourismus und nachhaltiger Entwicklung verabschiedet. 1997 gab es die Berliner Erklärung zur Biologischen Vielfalt undzum nachhaltigen Tourismus, die von 18 Staaten Europas, Afrikas und Südamerikas sowie internationalen Organisationen verabschiedet worden ist. Dies war der erste Schritt zur Implementierung desThemas in der Biodiversitätskonvention. Im Mai 2000 beschloss die 5. Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt in Nairobi die Erarbeitung internationalerRichtlinien für nachhaltigen Tourismus in sensiblen und geschützten Gebieten.
Ein weiteres Beispiel ist die Klimarahmenkonvention. Bestimmte Urlaubsgebiete, wie z. B. Malediven, drohen durch steigenden Meeresspiegel aufgrund der Klimaveränderungen im wahrsten Sinne desWortes unterzugehen.
Internationale Aktivitäten auf diesem Gebiet müssen aus unserer Sicht verstärkt werden, sei es im Rahmen der WTO oder der ICAO, sei es im Rahmen der EU.

Natur- und Nationalparke
Eine Strategie in Deutschland ist die Stärkung des Inlandstourismus. Deutschland ist ein dicht besiedeltes Land. Trotzdem gibt es eine reiche Naturausstattung mit zahlreichen Biotopen undHabitaten von Arten europäischer Bedeutung. Bestehenden Großschutzgebieten kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Das BMU fördert daher Entwicklung und Erprobung von Kriterien der"Europäischen Charta für nachhaltigen Tourismus in Schutzgebieten" in drei Pilotnaturparken. Einige Beispiele machen deutlicher, worum es geht: Im Frankenwald wurde als erstem Naturpark einentsprechendes Leitbild verabschiedet. Darin werden die folgenden Forderungen erhoben:

  1. differenzierte Schutz- und Nutzungskonzepte für den Naturpark,
  2. Ausbau der Direktvermarktung von Produkten aus der Landwirtschaft,
  3. Erhaltung traditionellen Handwerks,
  4. Erarbeitung eines differenzierten Konzepts für die Sport- und Freizeitnutzung,

Bereits seit 1992 existiert das Ökomodell in Kurort Markt Hindelang im Oberallgäu:
  1. Das Projekt konnte ein Höfesterben verhindern
  2. Es entstanden 100 zusätzliche Arbeitsplätze in der Klinik
  3. Das Qualitätslabel "Hindelang Natur und Kultur" wurde eingeführt

In diesem Jahr feiern wir den 30. Jahrestag der Einrichtung des Nationalparkes Bayerischer Wald.
Heute hat der Park zwischen 1 und 1,2 Millionen Besucher pro Jahr. Eine Studie der Universität Passau hat ergeben, dass heute allein in die Gemeinde Freyung/ Grafenau jährlich 60 bis 70Millionen Mark fließen. Dies bedeutet ein Steigerung um mehr als 100% gegenüber 1980, als sich der entsprechende Betrag auf 25 bis 30 Millionen Mark belief.

Umweltzeichen im Tourismus
Das o.g. Label aus Hindelang ist eine von 46 Umweltauszeichnungen im Tourismus. Diese Zeichenvielfalt ist eher geeignet, die VerbraucherInnen zu verwirren anstatt aufzuklären, sie ist - indieser Form - eher schädlich als nützlich. Das BMU hat in 1999 zum wiederholten Male Gespräche mit interessierten Wirtschafts-, Umwelt- und Kommunalverbänden über Schaffungeiner einheitlichen Umweltkennzeichnung im Deutschlandtourismus begonnen. Diese könnte sich zum Markenzeichen des Deutschlandtourismus entwickeln. Ein solches Zeichen macht aber nur Sinn, wennglaubwürdige, nachprüfbare Kriterien zugrund liegen. Von Bewerbern um das Zeichen muss bestimmte Leistung abverlangt werden. Der bisherige Verlauf der Gespräche stimmt zuversichtlich. Ich begrüße es ausdrücklich, dass sich diese Konferenz mit Gütekriterien als Schlüsselfaktor beschäftigen wird.

Ökonomische Nachhaltigkeit
Auch ohne eine einheitliche Umweltkennzeichnung ist in Deutschland bis heute einiges vorangekommen. Als Beispiel ist der Wettbewerb des Hotel- und Gaststättenverbands "Wie führe icheinen umweltfreundlichen Betrieb?" zu nennen, der sich einer wachsenden Teilnehmerzahl erfreut.
Erste Kommunen, Reiseveranstalter und Hotels haben sich nach dem Ökoauditgesetz zertifizieren lassen. Wassersparende Armaturen, Energiesparlampen, Abfallreduktion sowie der Einsatz regionalerProdukte sind dort selbstverständlich. Diese Maßnahmen rechnen sich auch finanziell, die ermittelten Einsparpotenziale sind beträchtlich. So beträgt der Wasserverbrauch in einemnach Ökoauditgesetz zertifizierten Hotel 101,9 Liter pro Gast. Zum Vergleich: In der mittelständisch geprägten Hotellerie in Deutschland sind dies rund 266 Liter pro Gast. Zu Hauseverbrauchen die Bundesbürger durchschnittlich 145 Liter. Vor diesem Hintergrund sollte die Tourismusbranche Chancen von Umweltmanagementsystemen mehr als bisher nutzen.

Schluss
Das Beispiel belegt: die Gewinner einer nachhaltigen Entwicklung sind nicht nur Umwelt und Natur. Diese Erkenntnis zu kommunizieren, ist die eigentliche Herausforderung. Wenn uns das nichtgelingt, sind alle Konzepte nutzlos. Die Kommunikation nach außen ist eine Aufgabe für alle: Wirtschaft, Umweltverbände und Politik.

In diesem Sinne wünsche ich der Konferenz einen guten Verlauf und uns allen praktisch umsetzbare Ergebnisse.