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Archiv 14. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Gila Altmann
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Titel: Eröffnungsrede beim Werkstattgespräch der Heinrich-Böll-Stiftung "Gender und Environment in der praktischen Umweltpolitik"
- Untertitel: Gender, Environment und die Arbeit des BMU
- Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Gila Altmann
- Anlass: Werkstattgespräch der Heinrich-Böll-Stiftung "Gender und Environment in der praktischen Umweltpolitik"
- Datum: 21.09.2000
Alles redet von Sustainable Development, zu deutsch auch: Nachhaltige Entwicklung, von CDM, dem Clean Development Mechanism, von Schlagwörtern wie Gender Mainstreaming und Gender Impact Assessment. Die Zahl von Wortungetümen, die komplexe Politikzusammenhänge zu beschreiben
versuchen, wächst.
Auch das Konstrukt Gender & Environment - ins Deutsche übersetzbar mit "Soziales Geschlecht und Umwelt(politik)" ist "ungetüm-verdächtig". Eine kürzlich erfolgte - nicht-repräsentative - Umfrage unter führenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
des BMU ergab, daß bis in die höchsten Leitungsebenen 50 Prozent den Begriff Gender noch nicht gehört hatten. Entsprechend groß ist der Abwehrreflex und die Kreativität bei der Deutung des unbekannten Wortes. Wenn überhaupt jemand den Begriff kennt, dann als Teil des
den meisten ebenfalls "nebulösen" Begriffs des Gender Mainstreaming. Die Ausgangssituation ist also schwierig. Worum aber geht es bei Gender & Environment?
I Umweltpolitik allgemein
Das Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung als Leitbild der deutschen Umweltpolitik geht auf die Rio-Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung von 1992 und das dort verabschiedete Aktionsprogramm "Agenda 21" zurück. Rund 180 Staaten verständigten sich darauf,
Prozesse zur Umgestaltung der Politik einzuleiten. Ökologie, Ökonomie und Fragen der sozialen Gerechtigkeit sollten als drei gleichberechtigte Dimensionen für eine zukunftsfähige Entwicklung in die Politik integriert werden. Es geht dabei um die gerechte Verteilung von
"Umweltraum" und Einschränkungen zwischen Arm und Reich, zwischen Kindern und Erwachsenen, zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Lebensstilen.
Dies wird in den einzelnen Kapiteln der Agenda 21 deutlich gemacht. Dazu gehört auch, die Demokratie und die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern im Blick zu haben, also die gerechte Verteilung sowohl von Zugangsmöglichkeiten zu Ressourcen als auch von Einschränkungen und eine
gleichberechtigte Einflußnahme auf Entscheidungen.
Das Kapitel 24 der Agenda 21 ist der "Stärkung der Rolle der Frauen" gewidmet. Einfach gesagt geht es darum, Entscheidungen vor dem Hintergrund der verschiedenen Realitäten von Frauen und Männern zu betrachten.
In diesem Kapitel liegt allerdings der Schwerpunkt auf den Problemen des Südens. Hier drängten bereits 1992 Probleme wie die Sorge um das tägliche Trinkwasser auf eine Lösung, die einen ganz massiven Einfluß auf den Lebensalltag - insbesondere den von Frauen - haben. Dazu
kommen Probleme aus den Bereichen Verkehr (z. B. zur Warenversorgung), Gesundheit und Bildung.
Es zeigte sich, daß diese Probleme ohne die aktive Beteiligung von Frauen nicht gelöst werden können. Ihre Aktivitäten treffen deshalb heute trotz vielfältiger, oft kulturell bedingter Widerstände auf zunehmende Akzeptanz.
In den Ländern des Nordens sieht die Situation anders aus. Mangelnde Sorge für die Umwelt wird in unserem täglichen Leben oft nicht so direkt sichtbar und fühlbar, die Auswirkungen treten häufig zeitverzögert auf. Die besondere Betroffenheit von Frauen tritt oft
weniger deutlich zutage als in den Ländern des Südens. Sie ist auch bei den Frauen selbst häufig sehr umstritten.
Vor allem wegen der vielfältigen Lebensstile und unterschiedlichen Lebensformen, die sich zwischen und in den Geschlechtern herausgebildet haben, sind hier differenziertere Konzepte gefragt.
Zwar gibt es wichtige Arbeiten, die in speziellen Politikbereichen wie z. B. in der Raumplanung und in der Verkehrspolitik Gender-Aspekte aufzeigen. So hatte ich mir in der letzten Legislaturperiode als verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis90/Die Grünen im Bundestag die
feministische Verkehrspolitik - auch so ein Wortungetüm! - auf die Fahnen geschrieben. Wir hatten darüber ausgesprochen exotische Debatten im Verkehrsausschuß. Aber die erbittertsten Gegnerinnen und Gegner waren interessanterweise meistens Frauen. So war z. B. eine Kollegin von der
CSU der festen Überzeugung, daß Frauen länger leben, weil sie mehr Fahrrad fahren. Und auch beim Transrapid (selig!) konnte sie keine Gender-Aspekte entdecken, weil sowohl Herren- wie Damentoiletten eingebaut werden sollten.
Ein weiteres Beispiel: Jede bzw. jeder kann sich vorstellen, daß die Einführung des Mehrwegsystems und die Mülltrennung den Frauenalltag verändert und verkompliziert. Wie diese Veränderung aber konkret aussieht, wissen wir nicht. Von einer systematischen Aufbereitung der
gender-relevanten Aspekte im Umweltbereich, geschweige denn der Implementierung der Ergebnisse in umweltpolitische Entscheidungen, kann überhaupt nicht die Rede sein.
Die Gender-Perspektive bereichert also die Umweltpolitik um einen wichtigen Aspekt. Dort, wo es Barrieren zwischen Umweltpolitik und Gender gibt, müssen sie aufgedeckt und thematisiert werden, damit konstruktive Lösungen gefunden werden können - und das gilt für alle
umweltpolitischen Bereiche, nicht nur für Energie und Klima, Umwelt und Gesundheit und Naturschutz.
II Stellenwert der Gender-Thematik im BMU
Im BMU ist das Thema Nachhaltigkeit und Gender bzw. Geschlechterdemokratie ein zwar wichtiges, aber auch neues Thema. Welchen Stellenwert die Thematik im BMU hat, kann man daran ablesen, daß die Brainstorming-Gruppe "Gender Mainstreaming" inzwischen in ein Projektteam umgewandelt und
das Projekt "Umsetzung des Gender Mainstreaming im BMU" in die Projektplanung des Hauses aufgenommen wurde. Die Beschäftigung mit der Thematik im Rahmen des Projektes belegt, daß der Begriff Gender Mainstreaming, wie er auf der UN-Frauenkonferenz in Peking festgelegt wurde, auch
für sämtliche Aktivitäten des BMU zentral sein soll.
Das inhaltliche Niveau allerdings, auf dem auf manchen Ebenen diskutiert wird, zeigt auch, daß es noch großen Nachholbedarf gibt. So übersetzen Einzelne Gender Mainstreaming gerne als "Geschlechter-Hauptströmung"; Diskussionen drehen sich um den Begriff ("Ist
nicht sexy.") und nicht um Inhalte.
Auf der anderen Seite hatten im BMU die Arbeiten schon begonnen, als der Kabinettsbeschluß zur Umsetzung des Gender Mainstreaming gefaßt wurde. Zur Erprobung der Umsetzung des Gender Mainstreaming hat sich das BMU für die Methode des Gender Impact Assessment (GIA) - wieder so ein
Wortmonster! - entschieden.
Anhand eines Pilotprojektes aus dem Bereich des Strahlenschutzes soll die Umsetzung versuchsweise realisiert werden. Dies ist doppelt spannend, da es sich beim Strahlenschutz um ein von der Gender-Forschung weitgehend unbearbeitetes Feld handelt. Meine eigenen Erfahrungen aus Belarus, wo ich mich
seit einigen Jahren im Rahmen der Tschernobyl-Hilfe engagiere, zeigen, wie unterschiedlich Frauen und Männer auf solche Belastungen reagieren. Die Frauen sorgen für die Familie, die Männer flüchten sich häufig in den Alkohol.
Zur Umsetzung des Gender Impact Assessment wurde das o.g. Projektteam eingerichtet, in dem alle Abteilungen des Hauses vertreten sind. Bezeichnenderweise ist allerdings die Männerquote in diesem Gremium minimal. Die Motivation der Gruppenmitglieder ist hoch, zur Durchsetzung in ihren
Abteilungen brauchen sie allerdings häufig noch Unterstützung. Parallel zu der Gruppenarbeit sollen dazu Fortbildungsveranstaltungen für das ganze Haus angeboten werden. Ziel des Pilotvorhabens ist es, die Erfahrungen später auf die anderen Aufgaben des Hauses zu übertragen
und das Verfahren praxistauglich zu machen. Da es sich dabei um eine gänzlich neue Aufgabe handelt, wird es dazu eine wissenschaftliche Begleitforschung geben.
Für uns ist bei diesem Projekt entscheidend, über die formelle Ebene der Beteiligung von Frauen und Gleichstellungspolitik hinaus vor allem die inhaltlichen Facetten zu betrachten. Es geht uns darum, die zahlreichen Arbeiten und Forschungsergebnisse, die es auf dem Gebiet Nachhaltigkeit
und Gender bereits gibt, zu bündeln und in der Praxis anwendbar zu machen.
III Weitere Aktivitäten des BMU
Diverse Vorhaben wurden und werden aus dem Umweltforschungsplan unterstützt:
Bereits abgeschlossen wurde die Erstellung einer Datenbank "Nachhaltigkeit und Gender". (Dr. Angela Franz-Balsen stellt das Projekt in ihrem Beitrag vor.) Das Institut für Sozialökologische Forschung erstellt derzeit eine Sekundäranalyse des Geschlechterrollenwandels
für Umweltbewußtsein und Umweltverhalten auf der Basis vorliegender empirischer Untersuchungen zum Umweltbewußtsein. Das Projekt hat das Ziel, neue Möglichkeiten nachhaltiger Lebensstile im Alltag beider Geschlechter zu erschließen. Außerdem wird zur Zeit eine
Dokumentation zum aktuellen Stand von Forschung und Diskussion zum Thema "Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit" angefertigt.
Parallel dazu wird es eine Veranstaltungsreihe für das Umweltbundesamt und das BMU geben, in der der aktuelle Wissensstand zu gender-spezifischen Fragestellungen in ausgewählten Themenfeldern der Nachhaltigkeitsdiskussion verfügbar gemacht werden soll.
Für 2001 schließlich ist geplant, geschlechts- und altersspezifische Potentiale für umweltpolitische Handlungsorientierungen im Alltag zu ermitteln. Dieses Vorhaben soll an die vorherigen Analysen anschließen und konkrete Möglichkeiten zur Umsetzung im Rahmen von
Umweltpolitik und Umweltbildung erarbeiten.
Das BMU wird zur Vorbereitung der 9. Sitzung der Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD-9) und der Gipfelkonferenz Rio+10, die 2002 stattfindet, im Januar 2001 in Berlin einen Fachworkshop zum Thema "Gender and the Environment: Learning from the South" durchführen. Diese
Veranstaltung erfolgt auch in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung.
Für diese Veranstaltung wünsche ich mir ebenso wie für den heutigen Workshop , dass wir möglichst konkrete Handlungsoptionen erarbeiten und die theoretischen Grundsatzdiskussionen außen vor lassen. Das BMU erwartet ganz eigennützig umsetzungstaugliche Vorschläge
für die umweltpolitische Arbeit in Behörden, Parteien, Stiftungen und Verbänden, um Geschlechtergerechtigkeit nicht nur zu diskutieren, sondern auch praktizieren zu können.
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