• Titel: Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Gila Altmann, MdB

  • Untertitel: Veranstaltung "Berlin fährt Rad" am 4. Juni 2000
  • Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Gila Altmann
  • Anlass: Veranstaltung "Berlin fährt Rad"
  • Datum: 04.06.2000

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe FreundInnen,

auch ich freue mich, heute an dieser Veranstaltung teilnehmen zu dürfen, um das Umweltfestival 2000 zu eröffnen.

Nach so vielen Reden, in denen schon so vieles Richtige gesagt wurde, nach so vielen Bekenntnissen fürs Fahrrad ist es schwierig, dies alles noch zu toppen.
Darum versuche ich es gar nicht erst, nur soviel:
Auch ich fahre Fahrrad, obwohl man nach der letzten Presseberichterstattung durchaus einen anderen Eindruck gewinnen könnte.

Wenn man bedenkt, dass Städte wie Münster und Erlangen mit Radverkehrsanteilen von 40%, Bremen, Freiburg, Karlsruhe, Hannover, Cottbus immerhin noch mit 15-22% weit oben liegen, fragt man, wo ist Berlin? Berlin liegt bei ziemlich mageren 5%.
Aber nur von ferne betrachtet sind 5% sehr niedrig und einer Hauptstadt nicht angemessen. Von nahem betrachtet wundert einen eher, wieviel Fahrrad hier gefahren wird, erinnert das Fahrradfahren oftmals an ein survival of the fittest.

Fahrradfahren in Berlin hat schon eine Abenteuerkomponente. Warum in die Ferne schweifen, wo doch der Kick direkt vor der Tür zu haben ist? Allein am Alexanderplatz auf die mittlere Linksabbiegespur zu gelangen, treibt den Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen.

Und dann vor dem Umweltministerium sogar die Wettfahrt mit dem 100er Bus bis zum Reichstag zu gewinnen, steigert den Ausstoß der Glückshormone exorbitant.

Angedacht war ja mal das fahrradfreundliche Regierungsviertel, das aber am Gerangel scheiterte, wer zuständig sein durfte für die Planung, Bund oder Land. Wie gut, dass nichts daraus geworden ist, welches unmittelbare Gefühl des täglichen Überlebenskampfes um den begrenzten Straßenraum hätte man uns damit vorenthalten.

Ich habe hier in Berlin erfahren dürfen, dass meine Auffassung, dass dort, wo ein Auto ist, kein Fahrrad mehr hinpaßt im Umkehrschluss noch lange nicht gilt: dort wo ein Fahrrad ist, paßt immer noch ein Auto oder ein LKW hin.

Das Fahrrad ist auch unter emanzipatorischen Gesichtspunkten wichtig.
Davon ist ja in der letzten Woche viel die Rede gewesen. Doch nicht das Auto emanzipiert, sondern das Fahrrad. Hier sind alle gleich, die Oma mit ihren Einkaufsnetzen am Lenker, der Vater, der sein Kind durch die Abgase in den Kindergarten manövriert, die Politikerin, die haarscharf an den ersten Punkten in Flensburg vorbei schrappt. Das, was mir in 30 Jahren Autofahren nicht gelang, mit dem Fahrrad hätte ich es beinahe geschafft, dank der grün - weißen Freunde, denen die 5% anarchistisches Zweiradpotential anscheinend über Gebühr zu schaffen macht.

Aber nun soll alles besser werden. Die Bundesregierung ist wild entschlossen, den Fahrradverkehr zu fördern. Dazu hat sie schon mal einen Bund-Länder-Arbeitskreis Radverkehr gegründet, will

  • die integrierte Verkehrsplanung in den Städten vorantreiben,

  • die Infrastruktur bei Radfern- und -nahwegen besonders in den neuen Bundesländern verbessern,
  • die Bike- und Ride-Anlagen an den Bahnhöfen durch GVFG- Mittel forcieren und

  • die Bahn auch sonst motivieren, das Fahrrad stärker als bisher nicht nur zur Kenntnis sondern auch mitzunehmen.

    Man wundert sich, dass unter den derzeitigen Bedingungen die Mitnahme der Fahrräder von 200.000 1990 auf 600.000 1999 gestiegen sind. Auch das zeugt von der Hartnäckigkeit und Leidensfähigkeit der Fahrradfahrerinnen.

    Die Niederlande haben einen Radverkehrsanteil von 27%, der damit mehr als doppelt so hoch ist wie in Deutschland. Das ist kein Wunder, denn dort hat der Fahrradverkehr in den Städten absoluten Vorrang. Davon sind wir leider noch weit entfernt.

    Damit wir dem in absehbarer Zeit ein gutes Stück näherkommen, müssen alle Ebenen, die für Radverkehrsförderung eintreten, kooperieren. Das Angebot zur Zusammenarbeit von meiner Seite ist ernst gemeint, aus umwelt- und verkehrspolitischen, aus sozialen und gesundheitlichen Gründen.

    Das Fahrrad ist mehr als nur ein Verkehrsmittel, es ist ein Stück Lebensqualität und gehört zu einer intelligenten Mobilitätspolitik untrennbar dazu.

    In diesem Sinne wünsche ich uns für die Zukunft, dass immer mehr Leute nicht unter, sondern auf die Räder kommen.