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Archiv 16. Legislaturperiode
Parl. Staatssekretärin Astrid Klug
Stand: 21.11.2008
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Titel: Wir brauchen dringend eine Energiewende - und wir brauchen alle großen Verbraucherländer dazu!
- Redner/in: Parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug
- Anlass: World Energy Outlook 2008
- Datum/Ort: 19.11.2008, Besucherzentrum BMFSFJ, Berlin
Sehr geehrter Herr Birol,
Sehr geehrter Herr Krewitt,
Sehr geehrter Herr Schäfer,
Sehr geehrter Herr Lehmann,
Sehr geehrter Herr Rid,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Die Internationale Energieagentur hat heute den World Energy Outlook 2008 in Berlin vorgestellt. Der World Energy Outlook ist jedes Jahr eine der mit Spannung erwarteten Veröffentlichungen über energiewirtschaftliche und energiepolitische Fragen. Seit seiner diesjährigen Erstveröffentlichung vor einer Woche hat der World Energy Outlook 2008 bereits große Resonanz in der Öffentlichkeit gefunden - aber auch Unruhe ausgelöst. Wichtig ist die Kernaussage. Diese lautet: Die heutige globale Energieversorgung ist nicht nachhaltig. Sie beschleunigt in unverantwortlicher Weise den globalen Temperaturanstieg um mehr als 6 Grad Celsius. Das bringt - daran gibt es keinen Zweifel mehr - die Welt ökonomisch und ökologisch aus den Fugen und ist unverantwortlich für die kommenden Generationen. Der Bericht weist deshalb völlig zu Recht auf die Notwendigkeit einer Energiewende hin und mahnt nachdrücklich ein grundlegendes Umsteuern im Energiesektor an. Aus diesem Grund bin ich sehr froh, dass wir heute die Möglichkeit haben, die Ergebnisse des World Energy Outlook 2008, insbesondere mit Blick auf mögliche alternative Klimaszenarien, zu diskutieren.
Es ist anerkannt, dass wir die globalen Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens 50% bis 2050 reduzieren müssen, um zu verhindern, dass die globale Erwärmung im Durchschnitt 2°C überschreitet. Nur dann werden wir in der Lage sein, die Folgen des Klimawandels zu lindern und seine schlimmsten Konsequenzen abzuwenden. Die Industrienationen müssen, um das 2°C Ziel zu erreichen, ihre Emissionen sogar um 60 - 80% senken. Die Europäische Union hat sich bereits letztes Jahr unter deutscher Präsidentschaft das Ziel gesetzt, ihre Emissionen um bis zu 30% bis 2020 zu reduzieren - wenn andere Industriestaaten folgen. In diesem Fall wird Deutschland 40% seiner Treibhausgasemissionen bis 2020 mindern.
Was ist hierzu notwendig, nicht nur in Deutschland oder in der EU - sondern weltweit? Der World Energy Outlook 2008 enthält drei Szenarien. Wenn wir so weiter machen wie bisher, zeigt das "Referenzszenario" einen beschleunigten Temperaturanstieg der weltweiten Durchschnittstemperaturen auf voraussichtlich 6°C. Dies bedeutet gleichzeitig, dass wir die Folgen des Klimawandels nicht mehr beherrschen, geschweige denn mindern können. Die dann existierende Welt hätte mit der heutigen nicht mehr viel gemein. Das "550 Policy-Szenario", welches eine Stabilisierung der Treibhausgasemissionen bei 550ppm in 2030 anstrebt, erreicht das 2°C-Ziel ebenfalls nicht. Nur im "450 Policy-Szenario", das eine Stabilisierung der Emissionen bei 450 ppm avisiert, würde laut World Energy Outlook dieses Ziel erreicht. Dies bedeutet aber eine radikale Umkehr in der Energiewirtschaft, Umstrukturierungen, die schnell, effizient, und im großen Maßstab vollzogen werden.
Wie der World Energie Outlook belegt, muss ein Großteil der Emissionen im Energiebereich eingespart werden. Die vorgeschlagenen Alternativszenarien verdienen eine vertiefte Analyse. Eine der entscheidenden Fragen dabei ist die zeitnahe Verfügbarkeit von Technologien. Dagegen halte ich es für unbedingt notwendig, dass wir:
- Weniger Energie verbrauchen, indem wir intelligente Nutzungskonzepte und Energieeffizienz auf allen Ebenen und mit allen Akteuren vorantreiben,
- den Anteil erneuerbarer Energien erhöhen und dazu die Politikberatung und den Technologie- und Wissenstransfer mit einer internationalen Agentur für erneuerbare Energien ("IRENA") weiträumig ausbauen
- und technologische Innovation zur Emissionsvermeidung, bspw. im Verkehrssektor, fördern.
Ich hätte mir gewünscht, dass der Bericht noch etwas konkreter ausgefallen wäre und mehr Transparenz im Hinblick auf Annahmen und Aussagen über derzeit bereits einsetzbare Technologien und die notwendigen politischen Rahmenbedingen geschaffen hätte. Dies sind die Leitplanken, die wir als Grundlage für das Kyoto-Folgeabkommen brauchen. Ein neues Klimaschutzregime, dass wir unbedingt im kommenden Jahr brauchen - im Übrigen auch, um unseren Wirtschaften und Gesellschaften verlässliche Rahmenbedingungen zu setzen. Um diese Herausforderungen zu meistern, brauchen wir eine Strategie, die an vielen Punkten gleichzeitig ansetzt: Wir müssen erneuerbare Energien und Effizienzkonzepte noch stärker als bisher einsetzen. Wir müssen die Forschung und Entwicklung neuer sauberer Technologien weiter und schneller vorantreiben. Darüber hinaus ist eine internationale Kooperation und Zusammenarbeit notwendig.
Die Bundesregierung hat hierzu eine integrierten Klima- und Energiepolitik mit einem 29 Punkte umfassenden Programm entwickelt und wir haben uns bis 2020 ambitionierte Ziele gesetzt:
- Wir bauen den Anteil der erneuerbaren Energien im Strombereich auf mindestens 30 % aus.
- Wir verdoppeln die Energieeffizienz gegenüber 1990.
- Den Anteil der Kraft-Wärme-Koppelung an der Stromerzeugung verdoppeln wir auf 25 %.
- Und wir verdoppeln die Wärmeproduktion durch die erneuerbaren Energien auf 14%.
Diese Ziele sind ehrgeizig, aber technisch und wirtschaftlich machbar!
Mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit müssen wir neben den notwendigen Investitionen für eine Energiewende auch die Gesamtkosten für Energie im Blick haben. Die von der IEA hier projizierten zusätzlichen Investitionskosten sind, denke ich vertretbar, insbesondere mit Blick auf die im Stern-Report prognostizierten Kosten des Nichthandels. Darüber hinaus trifft der World Energie Outlook die Aussage, dass die Kosten für fossile Energieträger steigen werden. Einen Ausblick auf die zu erwartenden Preissteigerungen gibt der erwartete nominale Anstieg des Ölpreises auf 200 $/bbl im Zeitraum 2006 bis 2030 und einen prognostizierten CO2-Preis von bis zu 180 $/t. Gerade aus diesen Gründen müssen jetzt Energieeffizienz und erneuerbare Energien stärker in den Fokus gerückt werden. Insbesondere im Bereich der Energieeffizienz liegen enorme Einsparungspotentiale.
Der Ansatz des World Energy Outlook 2008 belegt ein weiteres Mal die Notwendigkeit für einen fundamentalen Richtungswechsel in der weltweiten Energieversorgung. Ansonsten wird das eintreffen, was Sir Nicolas Stern uns allen prophezeit: Die wirtschaftlichen Schäden des Klimawandels werden unsere Volkswirtschaften massiv beschädigen. Wir werden klimabedingte Wohlfahrtsverluste haben, die weit über das hinausgehen, was uns gegenwärtig die Finanzkrise beschert. Nicolas Stern spricht von bis zu 20 % des weltweiten Bruttosozialprodukts! Deshalb ist es essentiell, dass die IEA nun warnend ihre Stimme erhebt und "business as usual" als "no go" brandmarkt. Der World Energy Outlook 2008 stößt damit zu Berichten wie dem "Energy Technology Perspectives Report", den IPCC-Berichten oder dem "Stern-Report".
Für Ihre Arbeit möchte ich Ihnen ganz herzlich danken. Ich freue mich auf die Diskussion und fände es sehr gut, wenn Sie, Herr Birol, am Ende auch einige Anregungen aus diesem Kreis mit nach Paris nehmen könnten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
