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Stand: 07.12.2009


  • Redner/in: Dr. Joachim Faber, Vorstand Allianz SE
  • Anlass: Pressekonferenz des BMU zum Klimaschutzdialog Wirtschaft und Politik
  • Datum/Ort: 04.12.2009, Berlin

- es gilt das gesprochene Wort -

Ich freue mich, dass die neue Bundesregierung beim Klimaschutz so ausdrücklich auf den Dialog mit Industrie, Mittelstand und Finanzsektor setzt.

Als Versicherer und Investor ist die Allianz mit diesem Thema seit einigen Jahren intensiver beschäftigt.

Und wir erleben jetzt in Deutschland - rechtzeitig vor der Klimakonferenz in Kopenhagen - einen Paradigmenwechsel, den wir für einen Durchbruch beim Klimaschutz nutzen sollten.

Drei Viertel der deutschen Unternehmen gaben beim Carbon Disclosure Project - der weltweit größten Klimainitiative von Investoren - an, dass sie den Klimaschutz eher als wirtschaftliche Chance, denn als Risiko für ihr Geschäft einschätzen.

Gleichlautende Signale waren vom BDI und auch vom Wirtschaftsrat der CDU zu hören.

Wir erleben einen Paradigmenwechsel, in dem der Klimaschutz in Deutschland erstmals von Wirtschaft und Politik nicht mehr als regulatorische Bürde, sondern mehrheitlich als machbar und ökonomisch sinnvoll anerkannt wird.

Ich möchte Ihnen aus Sicht der Allianz - aus der Perspektive des Versicherers und Investors - darstellen, warum dieser Paradigmenwechsel richtig ist und warum er genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Versicherer und ihre Kunden sind bereits heute zunehmend von den Folgen des Klimawandels betroffen.

40 % der Schäden im Industriegeschäft resultieren aus Naturkatastrophen.

Und die Auszahlungen an Opfer solcher Katastrophen sind in den vergangenen 30 Jahren um das 15-fache gestiegen.

Auch wenn es vereinzelt Skeptiker gibt, die den Klimawandel infrage stellen, wenn es einzelne Jahre mit weniger Stürmen (wie 2009) und Pausen in der Temperaturzunahme gibt - als Risikomanager sind wir ausreichend vom Klimawandel überzeugt. Wir wollen mit unseren Kunden die Handlungsspielräume nutzen, solange wir sie noch haben.

Versicherer werden vom Klimawandel gleich doppelt betroffen sein. Erstens: die Schadensereignisse werden gravierender und nehmen zu. Zweitens: mit dem gesellschaftlichen Risikobewußtsein und mit dem Wohlstand in den Schwellenländern wächst das Volumen versicherter Güter.

Wir können uns als Versicherer dieser Aufgabe nicht entziehen. Es ist nicht nur unser Geschäft, es ist auch unsere volkswirtschaftliche Funktion, den Wohlstand unserer Kunden abzusichern. Und unsere Aufgabe ist es darüber hinaus, Fortschritt, und damit künftigen Wohlstand durch die Versicherung neuer Technologien zu ermöglichen.

Die drohenden Schadensszenarien werden aber mit dem bisherigen Geschäftsmodell der Assekuranz nicht mehr zu decken sein.

Wenn Jahrhundertstürme im Zehn-Jahrestakt hereinbrechen, wenn der Meeresspiegel um mehr als einen halben Meter ansteigt, wenn Kalifornien und Südeuropa zu Wüsten werden und wenn 70 % der Inder ihre Existenz verlieren, weil sich der Sommermonsun verschiebt, haben wir die Grenzen der Versicherbarkeit überschritten.

Prävention wird daher zur wichtigsten Grundlage des Versicherungsgeschäfts. Wir werden noch stärker als heute Risiken im Dialog mit unseren Kunden, mit Behörden und der Politik minimieren müssen. Wo können Häuser gebaut werden, wie sollten sie gebaut werden, wo und wie sollten Unternehmen ihre Waren lagern und transportieren, wo und wie sollten Dämme Überflutungen verhindern?

Eine größere Rolle wird zukünftig auch der Kapitalmarkt spielen. Investoren werden dabei helfen, Spitzenrisiken durch sogenannte "Cat-Bonds" versicherbar zu machen. Bereits heute decken sie rund 5 % dieser Risiken ab. Ihr Anteil könnte in den nächsten zehn Jahren auf 20 % steigen.

Prävention und Kapitalmarkt werden helfen, die heute bereits unvermeidbaren Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Nicht weniger - aber auch nicht mehr!

Wir setzen uns daher für einen umfassenden Klimaschutz ein - wir empfehlen:

  • verbindliche CO2-Reduktionsziele für die Industriestaaten - 40 % bis 2020, - 95 % bis 2050; und für die Schwellen- und Entwicklungsländer – 30 % bis 2020, - 60 bis 80 % bis 2050 (Basis 1990)
  • verbindliche Reduktionspfade im Rahmen nationaler Klimagesetze
  • die Einführung eines globalen Emissionshandels bis spätestens 2020, mit der Auktionierung aller Zertifikate
  • sowie Finanz- und Technologietransfers in die Schwellenländer, die zu einer fairen Verteilung der Lasten und einer effektiven Nutzung der Chancen führen.

Die Allianz unterstützt den Klimaschutz auch durch eigene Maßnahmen. Auch wir werden unsere CO2-Emissionen bis 2012 um 20 % (Basis 2006) senken. Und wir bieten unseren Kunden global bereits über 50 sogenannte "grüne" Produkte an.

Den Versicherer und seine Kunden treiben eher die Risiken zum Klimaschutz. Den Investor treiben vor allem auch die Chancen.

Um diese Chancen zu erkennen und deutlich zu machen, hat die Allianz gemeinsam mit der Umweltstiftung WWF und dem PIK (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) kürzlich die Studie RECIPE (Report on Energy and Climate Policy in Europe) vorgelegt.

RECIPE baut auf dem Stern-Report von 2006 auf, der erstmals die Kosten des Klimaschutzes bezifferte (1 % GDP/BIP).

RECIPE sagt nun konkret, wie sich die Kosten regional verteilen, welchen Einfluss unterschiedliche Wachstumsstrategien auf diese Kosten haben, welche Sektoren wie betroffen sind und wie diese Sektoren reagieren können.

RECIPE gibt damit nicht nur den Wirtschaftssektoren, sondern auch Investoren und der Politik Orientierung - auch für die Verhandlungen in Kopenhagen.

Der frühzeitige Einstieg in einen umfassenden Klimaschutz ist - kaum überraschend - die billigste Variante.

Überraschender ist die Erkenntnis, dass Europa als first mover sogar dann profitiert, wenn die anderen weiter zögern.

Und mindestens ebenso überraschend: Der Klimaschutz würde Europa bis 2050 eine Wachstumsverzögerung von nur einem Jahr kosten. Angesichts der Kosten durch drohende Klimafolgen, die Stern auf bis zu 20 % des BIP schätzte, ist das ein überzeugendes Argument.

Wir empfehlen daher der Politik:

  • In Kopenhagen durch verbindliche Reduktionsziele und –pfade die Weichen für die Dekarbonisierung der Wirtschaft zu stellen.
  • Damit weitere Investitionen in CO2-intensive Kapitalstöcke und Technologien zu vermeiden.
  • Und diese Investitionen umzulenken in erneuerbare Energien, in CCS- und Energieeffizienztechnologien.

Die Allianz leistet auch als Investor bereits ihren Beitrag: Bis 2012 werden wir mindestens 1,5 Milliarden Euro in Wind- und Photovoltaik investieren und weitere Investoren durch Finanzierungs- und Versicherungslösungen unterstützen. Und als einer der grossen Immobilieninvestoren werden wir neue Klimaschutzstandards für Gebäude entwickeln und umsetzen.

Aber ich muss hier ganz deutlich sagen: um die gewaltigen Investitionen für den notwendigen Klimaschutz finanzieren zu können, müssen wir nicht nur ein paar Vorreiter, sondern den gesamten privaten Kapitalmarkt mobilisieren. Dieser private Kapitalmarkt wird nur in Schwung kommen, wenn wir ein rechtlich verbindliches Protokoll für den Klimaschutz bekommen.

Der deutschen Bundesregierung und der EU empfehlen wir daher, dem Paradigmenwechsel für einen weiteren Schritt zu nutzen:

Wer den Klimaschutz nicht nur als ökonomisch sinnvoll akzeptiert, sondern ihn frühzeitig durch vorbildliche Rahmenbedingungen für Industrie und Investoren zu einem Wettbewerbsfaktor macht, wird früher und nachhaltiger durch Wachstum und Investitionen belohnt werden.


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