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Wettbewerbsvorteil Ressourceneffizienz Rede von Katherina Reiche auf der 8. Netzwerkkonferenz Ressourceneffizienz

Datum: 28.11.2011
Ort: Hörsaalruine der Charité Berlin

- Es gilt das gesprochene Wort. -

I. Einleitung

Anrede,

vor wenigen Tagen haben 12 große deutsche Unternehmen, darunter ThyssenKrupp und BASF, die Gründung einer „Allianz zur Rohstoffsicherung“ angekündigt, die vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) koordiniert werden soll.

Die Bundesregierung begrüßt diese Initiative. Sie ist aber auch ein weiterer Beleg dafür, wie sehr unser tägliches Handeln und Wirtschaften immer stärker von der weltweiten Verfügbarkeit von Ressourcen abhängt.

Weltweit werden heute jährlich annähernd 60 Mrd. Tonnen Rohstoffe verbraucht, fast 50 Prozent mehr als vor 30 Jahren, mit steigender Tendenz. Die wesentlichen Treiber für den zunehmenden Rohstoffverbrauch sind bekannt: die wachsende Weltbevölkerung, von circa 4,3 Mrd. im Jahr 1980 über heute sieben Mrd. auf geschätzte 9,3 Mrd. in 2050, und ein zunehmender pro-Kopf-Verbrauch in Schwellenländern wie Brasilien, China oder Indien.

Diese Entwicklung in der Ressourcennutzung übersteigt inzwischen bei Weitem die Fähigkeit unseres Planeten, die Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen zu generieren, und beeinträchtigt damit die Perspektiven zukünftiger Generationen auf wirtschaftlichen Wohlstand und sozialen Zusammenhalt.

Dies ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche und soziale Herausforderung:

Steigende und stark schwankende Rohstoffpreise und die Unsicherheit über die Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe belasten die deutsche Wirtschaft stark.

Die ökonomischen Folgen knapper werdender Rohstoffe sind für Deutschland, einem hochindustrialisierten und relativ rohstoffarmen Land, besonders relevant. Deutschland ist zu fast 100 Prozent Nettoimporteur bei Metallerzen, Phosphat, Graphit und Magnesit und zu einem erheblichen Teil bei Energierohstoffen, zahlreichen Industriemineralen und Metallraffinadeprodukten.

Bei einem durchschnittlichen Materialkostenanteil von ca. 45 Prozent im deutschen produzierenden Gewerbe beeinträchtigen starke Schwankungen von Rohstoffpreisen auch den deutschen Mittelstand schwer.

Eine Ahnung, wie groß die Probleme in der Kostenkalkulation werden können, bieten z.B. ein paar Zahlen zur Entwicklung des Kupferpreises: Allein in den letzten drei Jahren schwankte der Preis für eine Tonne Kupfer zwischen unter 3.000 US-$ Anfang 2009 und über 10.000 US-$ Anfang 2011. Derzeit liegt der Preis bei ca. 7.000 US-$.

Eine Steigerung der Ressourceneffizienz kann daher erheblich zu Kostensenkung, Planungssicherheit und Wettbewerbsvorteilen für deutsche Unternehmen und damit zur Förderung von Beschäftigung und Sicherung von Arbeitsplätzen beitragen.

Gerade hierin liegt auch der große Wert des Netzwerks Ressourceneffizienz mit seiner nunmehr 8. Netzwerkkonferenz. Denn mit es bündelt Know-how und Erfahrung zu ressourcenschonender Produktion, Produkten und Management. Und es dient der gegenseitigen Information und organisiert den Austausch. Das Netzwerk bietet also ganz praktische Ansätze. Auch deshalb bin ich heute gerne zu Ihnen gekommen.

Deutschland hat die besten Voraussetzungen sich zu einer ressourceneffizienten Gesellschaft zu entwickeln. Innovationskraft, eine moderne Industriestruktur, anspruchsvolle Umweltstandards und ein hohes Umweltbewusstsein der Bevölkerung tragen dazu bei.

Um diese Entwicklung zu unterstützen, sind geeignete politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen von zentraler Bedeutung. Dafür ist ein breit angelegtes Programm der Bundesregierung zum sparsamen und effizienten Umgang mit natürlichen Ressourcen und Rohstoffen erforderlich.

Die Bundesregierung hat daher in ihrer Rohstoffstrategie vom 20. Oktober 2010 die Erarbeitung eines nationalen Ressourceneffizienzprogramms, kurz ProgRess, beschlossen.

II. Inhalt des ProgRess-Entwurfs

Ziel des Ressourceneffizienzprogramms ist es, Wohlstand und Wirtschaftswachstum vom Ressourceneinsatz unabhängiger zu machen, d.h. zu entkoppeln, und die mit dem Ressourceneinsatz verbundenen Umweltbelastungen zu minimieren.

ProgRess soll auch dazu beitragen, die Ziele der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zu erreichen, insbesondere das Ziel, die Rohstoffproduktivität bis 2020 gegenüber 1994 zu verdoppeln.

Alleine bei einer Steigerung der Produktivität können wir aber nicht stehen bleiben. Letztlich kommt es darauf an, durch Ressourceneffizienz auch insgesamt den Einsatz neu abgebauter Rohstoffe zu reduzieren. Nur dann können wir die Umweltbelastungen, die der Ressourceneinsatz mit sich bringt, tatsächlich verringern.

Denn es geht um die größte Herausforderung unserer Zeit – den Schutz der natürlichen Ressourcen. Energieträger und Rohstoffe sind weltweit sehr ungleich verteilt. Es ist eine große Herausforderung, eine wachsende Weltbevölkerung mit steigendem Wohlstand nachhaltiger und ressourceneffizienter als bisher zu versorgen.

Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen, marktwirtschaftliche Anreize und mehr Investitionen in Innovation und Bildung, um dieser Herausforderung begegnen zu können. Hierfür brauchen wir Innovationen, Ingenieurinnen und Ingenieure, die Forschung und Entwicklung vorantreiben sowie Unternehmerinnen und Unternehmer, die die Zukunft gestalten.

III. Inhalte und Maßnahmen von ProgRess

Geprägt ist das deutsche Ressourceneffizienzprogramm von insgesamt 4 Leitideen:

  1. Ökologische Notwendigkeiten mit ökonomischen Chancen, Innovationsorientierung und sozialer Verantwortung verbinden;
  2. Globale Verantwortung als zentrale Orientierung unserer nationalen Ressourcenpolitik sehen;
  3. Wirtschafts- und Produktionsweisen in Deutschland schrittweise vom Verbrauch neu abgebauter nicht erneuerbarer Rohstoffe unabhängig machen;
  4. Nachhaltige Ressourcennutzung durch gesellschaftliche Orientierung auf qualitatives Wachstum langfristig sichern.

Im zweiten Teil des Programms werden konkrete Maßnahmen anhand einer Analyse der gesamten Wertschöpfungskette entwickelt. Dabei werden 5 Handlungsfelder betrachtet:

  1. nachhaltige Rohstoffversorgung sichern,
  2. Ressourceneffizienz in der Produktion steigern,
  3. Konsum auch auf Ressourceneffizienz orientieren,
  4. ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft ausbauen sowie
  5. übergreifende Instrumente nutzen.

Insgesamt 20 Handlungsansätze werden identifiziert, darunter die umfassende Einbeziehung von Ressourceneffizienz in die Produktgestaltung, die Schaffung öffentlichen Bewusstseins und die Förderung der Marktchancen von ressourceneffizienten Produkten und Dienstleistungen.

Das Programm setzt insbesondere auf Marktanreize, auf Information, Beratung, Bildung und Forschung sowie auf die Stärkung freiwilliger Maßnahmen und Initiativen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Beispiele sind Effizienzberatung für kleine und mittlere Unternehmen, Unterstützung von Umweltmanagementsystemen, das Einbeziehen von Ressourceneffizienz in die technische Normung und in die öffentliche Beschaffung, die Stärkung freiwilliger Produktkennzeichen und Zertifizierungssysteme und der Ausbau der Kreislaufwirtschaft.

Denn Potentiale zur Steigerung der Ressourceneffizienz sind noch reichlich vorhanden:

So können Unternehmen einen Beitrag leisten durch die Anwendung Ressourcen schonender, abfallarmer Produktionsverfahren und die Entwicklung von Produkten, die möglichst ressourcenleicht, langlebig, reparaturfreundlich, wiederverwendbar und recycelbar sind.

Beispiele aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesumweltministeriums zeigen, dass technologische und Prozessinnovationen zu ganz erheblichen Einsparungen an Material, Energie und Kosten führen können: So erbrachte zum Beispiel eine Innovation im Fertigungsverfahren von Titan-Großbauteilen, die u.a. in der Luftfahrtindustrie benötigt werden, 80 Prozent Material- und 75 Prozent Energieeinsparung je Kilogramm Titan-Fertigteil.

Auch Konsumenten können durch ihre Kauf- und Nutzungsentscheidungen zur Ressourcenschonung beitragen. Etwa durch den Kauf energie- und ressourceneffizienter Haushaltsgeräte, wie er auch durch die Ökodesign-Richtlinie unterstützt wird.

Damit geben sie zugleich den Unternehmen einen Anreiz, ressourceneffiziente Produkte zu entwickeln. Das Konzept „Nutzen statt Besitzen“ eröffnet neue Geschäftsmodelle und erlaubt ein ressourcenleichteres Wirtschaften: Von Car-Sharing über den Verleih von Maschinen in Baumärkten, bis hin zum Chemikalien-Leasing gibt es zahlreiche Beispiele und Chancen für innovative Unternehmer.

Auch der Staat ist Konsument. Mit einem Umfang von 260 Mrd. Euro pro Jahr besitzt das öffentliche Beschaffungswesen eine starke Marktmacht zur Unterstützung ressourceneffizienter Produkte. Das Bundesumweltministerium setzt sich dafür ein, dass diese bei der öffentlichen Beschaffung noch stärker genutzt wird.

Dass auch in der Kreislaufwirtschaft noch enorme Potenziale schlummern, zeigen die in kleinen Mengen eingesetzten Technologiemetalle.

Mit jedem Handy, welches nicht einem hochwertigen Recycling zugeführt wird, gehen Metalle wie Gold, Silber, Palladium, Kupfer, Tantal oder Kobalt verloren. Zwar werden diese Metalle nur in geringen Konzentrationen eingesetzt. Aber bei einer weltweiten Produktion von 1,3 Mrd. Handys pro Jahr summieren sich diese Kleinstmengen auf jährlich über 30 Tonnen an Gold und über 300 Tonnen an Silber.

Darüber hinaus kann die Standardisierung von Produkten helfen, Abfälle zu verringern und dadurch Ressourcen zu schonen. Das einheitliche Ladegerät für Handys, das 2011 in der EU für Smartphones eingeführt wurde, ist ein Beispiel. Nach Angaben der Europäischen Kommission entstehen allein durch nutzlos gewordene Ladegeräte in der EU jedes Jahr mehr als 51.000 Tonnen Elektroschrott.

Gleichzeitig ist dies ein gutes Beispiel, wie ein effizienter Umgang mit Ressourcen auch dazu führen kann, die Lebensumstände zu erleichtern.

Ich freue mich ganz besonders, dass wir gemeinsam mit dem VDI das Zentrum für Ressourceneffizienz (VDI ZRE) aufbauen konnten, das inzwischen eine Reihe von sehr guten Beratungs- und Schulungsangebote entwickelt hat, die sich insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen richten.

Das VDI ZRE hat gerade mit unserer Unterstützung eine zweijährige Informationskampagne zu den Wettbewerbsvorteilen der Ressourceneffizienz unter dem Titel „Das zahlt sich aus“ gestartet. Es lohnt sich, sich die Beratungsangebote des ZRE anzuschauen und zu nutzen.

IV. Verfahren zur Implementierung von ProgRess

Der ProGress Entwurf wird in den nächsten Monaten innerhalb der Bundesregierung abgestimmt werden. Ein Kabinettsbeschluss ist in Abhängigkeit vom Fortschritt bei den Ressortabstimmungen für Anfang 2012, rechtzeitig vor der UN-Nachhaltigkeitskonferenz Rio+20 im Juni 2012, vorgesehen.

Im derzeitigen Entwurf sind bereits zahlreiche Stellungnahmen und Beiträge von Verbänden, zivilgesellschaftlichen Akteuren und der Wissenschaft eingeflossen.

Das Bundesumweltministerium hat dazu in diesem Jahr einen umfangreichen Konsultationsprozess mit Arbeitstreffen, Gesprächen, Veranstaltungen durchgeführt, an dem sich viele von Ihnen mit großem Engagement beteiligt haben.

Dafür möchte ich Ihnen an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken.

V. Ausblick

Das Programm für Ressourceneffizienz wird nicht das Ende, sondern der Anfang eines Prozesses in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in unserem Land sein. Die Umsetzung der im ProgRess angesprochenen Maßnahmen erfordert ein hohes Maß an Eigeninitiative der Schlüsselakteure, eine enge Kooperation von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und letztlich das Engagement der Bürgerinnen und Bürger.

Das Programm soll für alle Akteure einen fundierten und langfristigen Orientierungsrahmen bieten. Seine Umsetzung wird zum Erhalt der ökologischen Lebensgrundlagen, zu wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und nachhaltiger Beschäftigung beitragen und die Perspektiven künftiger Generationen auf Wohlstand erhalten.

Ich bin überzeugt: Das Ressourceneffizienzprogramm der Bundesregierung wird ein wesentlicher Beitrag zur langfristigen Sicherung unserer Wettbewerbsfähigkeit und ein zentraler Baustein auf dem Weg zu einer nachhaltigen ökologischen Marktwirtschaft sein.

Es wird zudem ein wichtiger Baustein zu einer Green Economy, die auf Marktwirtschaft, Wettbewerb und soziale Verantwortung setzt. Unser Ziel ist nicht bloß über Nachhaltigkeit zu reden, sondern ein Geschäftsmodell daraus zu machen.

Vielen Dank.

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