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Rede von Bundesumweltminister Peter Altmaier beim Dialogforum Commerzbank AG im Haus der Commerzbank

Datum: 13.12.2012
Ort: Berlin

Sehr geehrter Hr. Herkenhoff,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
meine sehr verehrten Damen und Herren!


Sie reden heute über die Frage, wer die Energiewende finanziert. Ich denke hierüber  seit sechs Monaten nach, Tag und Nacht. Das macht auch nichts, denn allzu viele graue Haare kann ich, wie Sie sehen, nicht mehr bekommen. Aber die Finanzierung, und vor allem die Frage, wer finanziert, es ist in der Tat eine ganz zentrale.

Ich verrate Ihnen auch, was aus meiner Sicht, die Antwort ist: Wir alle finanzieren die Energiewende. Letzen Endes handelt es sich bei den Kosten der Energiewende um volkswirtschaftliche Kosten – für den Ausbau der Netze, für den Ausbau der erneuerbaren Energien und für die Erreichung ihrer Marktfähigkeit. Es geht um volkswirtschaftliche Kosten, wenn wir darüber reden, mit welchen Investitionen wir in Zukunft Versorgungssicherheit gewährleisten können.

Und weil es sich um volkswirtschaftliche Kosten handelt, muss man darüber diskutieren, wie diese Kosten verteilt werden: Die einen sagen, sie müssen über die EEG-Umlage beglichen werden, das heißt durch den Stromverbraucher. Die anderen sagen, wir sollten die Energiewende über die Steuern finanzieren: Über die Mehrwertsteuer, dann würde der private Verbraucher die Kosten tragen und die Wirtschaft wäre sehr gut aus dem Schneider. Wenn wir das über Einkommens- und Körperschaftssteuern machten, dann wäre die Lage eine andere.

Klar ist: Bezahlen muss es so oder so immer einer. Und deshalb ist es das Anliegen des Bundesumweltministers, dass die Zeche nicht ganz so hoch ausfällt. Im Augenblick aber sind wir dabei, in einem fröhlichen Überbietungswettbewerb dafür zu sorgen, dass sie stetig höher, aber nicht, dass sie niedriger ausfällt. Auch weil es natürlich Interessen gibt, weil es bei Kosten immer auch um Wertschöpfung geht: Das Geld, das die Verbraucher über die EEG-Umlage zahlen, wird zum Bespiel für Windräder und Photovoltaikanlagen ausgeschüttet – und daran verdienen viele: Nehmen Sie ein kleines unschuldiges Windrad an der Küste in Schleswig-Holstein. Dort erzielt zunächst der Landwirt Pachteinnahmen, die größer sind, als wenn er im Lotto einen 5er oder einen schlecht bezahlten 6er hätte. Dann kann die Firma, die das Windrad dort aufstellt, ihre Erträge erzielen, dann bekommt auch die Gemeinde etwas davon ab, dann verdienen all diejenigen, die das Windrad warten und pflegen müssen.

Eine ganze Reihe Unternehmen verdienen daran – aber sie schaffen natürlich auch Arbeitsplätze, etwa beim Offshore-Wind: Wir haben heute in Deutschland noch nicht einmal ein Gigawatt installierter Offshore-Leistung und doch bietet der Bereich bereits etwa 10.000 Arbeitsplätze. Wir haben bundesweit, quer durch die Republik Wertschöpfung dadurch, dass Stahl, dass Maschinen, dass Rotorblätter, dass Anstrichfarbe für Windräder, dass Komponenten für die Photovoltaikanlagen geliefert werden.

Viele Menschen glauben ja, die Energiewende habe in dem Moment begonnen, als wir uns entschieden haben, aus der Kernenergie auszusteigen. Meine Damen und Herren, das ist nicht so! Die Energiewende läuft seit mindestens 10 Jahren. Nämlich seit wir uns entschlossen haben, die großzügigsten Einspeisevergütungen in ganz Europa zu schaffen. Vielleicht hätte es keinen Boom der Erneuerbaren gegeben, wenn wir heute noch in einer Phase der Hochzinspolitik wären, weil sich dann kaum jemand für Investitionen in Photovoltaik und Windenergie interessiert hätte. Da die Zinsen nun aber so sind, wie sie sind, haben die Leute überlegt, wo sie denn ihr Geld anlegen können, und dabei haben sie die erneuerbaren Energien gefunden: Ein Windrad, eine Photovoltaikanlage, die machen keinen Ärger, die produzieren außer Strom nichts anderes als Geld. Und je nachdem, wo ihre Photovoltaikanlage steht und wo ihr Windrad errichtet wird, haben sie über 20 Jahre garantierte Rendite zwischen 5 und 15 %. Einige sagen, es gäbe sogar noch höhere Renditen. Ich kann das nicht verifizieren, aber es reicht ja, dass es jedenfalls Renditen sind, die weit über das hinausgehen, was man sich vorstellen kann. Und genau diese Renditen sind  der Grund, weshalb wir heute  in Deutschland einen Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung von 25% haben – soviel wie die Kernenergie in ihren besten Zeiten.

Es gibt kein anderes westliches Industrieland vergleichbarer Größenordnung, in dem die Energiewende heute schon so weit gediehen ist. Wir haben Dänemark und wir haben Norwegen und Österreich, wo die Wasserkraft eine große Rolle spielt. Wir haben Brasilien, wo Bioenergie, Biosprit aus Zuckerrohr, Zuckerrüben und Rohrzucker wichtig sind, aber es gibt kein Industrieland, in dem es heute einen so hohen Anteil erneuerbarer Energien aus einem breiten Mix von Technologien gibt wie bei uns. Und die Entwicklung geht weiter: Die Photovoltaik hatte in Deutschland über das ganze Jahr hinweg einen Anteil an der Stromversorgung von nur fünf Prozent. Aber sie leistet gerade im Juni, Juli etwas, wenn die Sonne so richtig knallt und morgens um 11:00 Uhr der Himmel wolkenlos ist. Dann produzieren die 31.000 installierten Megawatt Photovoltaik soviel Strom wie etwa 20 mittelgroße Kernkraftwerke, und das auf einen Schlag – ungefähr die Hälfte dessen, was wir in dieser Sommerzeit an Strom überhaupt brauchen. Das ist phantastisch. Aber das zeigt auch, was zu tun ist: Der erneuerbare Strom muss ins System integriert werden. Das verändert die komplette Struktur der Stromversorgung in Deutschland. Dies alles bringt technische Herausforderungen mit sich, die erheblich sind. Denn wir wollen nicht, dass uns die Netze durchbrennen, dass wir in Situationen mangelnder Netzstabilität kommen. Deshalb ist auch die Energiewende längst kein Thema mehr für irgendwelche ökologisch angehauchten Idealisten, die zu Hause bei Kerzenschein überlegen, ob sie vielleicht noch eine Photovoltaikanlage mitfinanzieren, indem sie das Sparschwein schlachten. Die Energiewende ist ein Projekt geworden, das die deutsche Volkswirtschaft mitten in ihrem Herzen trifft.

Ich habe einmal gesagt, die Energiewende ist eine Operation am offenen Herzen der Volkswirtschaft während eines Rennens um Wettbewerbsfähigkeit, das keine Sekunde unterbrochen wird, sondern weiter geht. Es ist nicht so, dass wir das Rennen mit der Energiewende nicht gewinnen könnten, ganz im Gegenteil: Ich will sogar, dass wir das Rennen gewinnen, indem wir die  Energiewende zum Erfolg führen. Aber es bedeutet auch, dass wir sehr genau darüber nachdenken müssen, wie wir die Energiewende organisieren und was die Voraussetzungen dafür sind, dass diese Operation gelingt. Man kann an einem Beispiel schildern, was es bedeutet, wenn das Ausbautempo der Erneuerbaren sich in dem Maße beschleunigt, wie es sich bei der Photovoltaik beschleunigt hat, und wie es sich augenblicklich gerade beim Ausbau der Offshore-Windenergie beschleunigt: Es bedeutet nämlich, dass wir die Ausbauziele, die wir eigentlich für die nächsten 30 Jahre vorgesehen hatten, vermutlich in den nächsten 10 Jahren erreichen werden. Wir hatten uns mindestens 35 Prozent erneuerbare Energien bis 2020 vorgenommen. Beim jetzigen Ausbautempo – wenn sich nichts ändern würde – kämen wir locker auf 45 oder 50 Prozent.

Wenn der Anteil der erneuerbaren Energien steigt, dann muss man Antworten finden, wie man die Netze stabil hält. Mein Fraktionskollege Thomas Bareiß etwa ist ein ganz engagierter Befürworter von Speichertechnologien. Viele, zum Beispiel die Bauindustrie, fordern die Errichtung vom Pumpspeicherwerken – und sagen: Dafür sind wir mit Beton, mit Bagger, mit Planierraupe sofort zur Stelle. Die Frage ist nur, ob wir uns  Pumpspeicherwerke für die Energiewende überhaupt leisten können und wollen: Früher liefen Pumpspeicherwerke regelmäßig gegen Mittag leer, weil in der Mittagszeit mehr Strom verbraucht wurde. Nachts wurden sie dann mit billigem Strom wieder aufgefüllt. In bestimmten Zeiten des Jahres brauchen wir das immer noch, aber längst nicht in allen. Denn häufig steht uns in der Mittagsspitze die Solarenergie zur Verfügung – die Sonne scheint gerade dann am intensivsten, wenn am meisten Strom gebraucht wird. Andererseits können wir auf die Pumpspeicherwerke auch nicht ganz verzichten, weil wir sie in den Augenblicken brauchen, in denen die Sonne nicht scheint, weil der Himmel bewölkt ist oder weil es dunkel ist oder weil es sehr kalt ist und weil Schnee auf den Solarpaneelen liegt. Das heißt: Wir haben auf der einen Seite die Solarenergie, die Geld kostet. Auf der  anderen Seite die Pumpspeicherwerke, die sich in vielen Fällen ebenfalls nicht mehr von allein rechnen. Wir haben demnächst in Deutschland soviel installierte erneuerbare Energie, dass wir den normalen Energieverbrauch im Sommer komplett über erneuerbare Energien abdecken können, über Biomasse, Windenergie und Photovoltaik. Gleichzeitig gibt es aber überhaupt  keinen Anlass, die vorhandenen fossilen Kapazitäten zurückzufahren. Denn wir müssen dafür sorgen, dass immer genug Strom zur Verfügung steht. Dazu gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: Die einen sagen, wir brauchen ein Speichergesetz, mit dem wir in großem Maße Speicher fördern. Die anderen sagen, wir müssen Kapazitätsmärkte schaffen. Der Dritte setzt allein auf den Netzausbau. Und es gibt die Möglichkeit, die Speicherforschung zu fördern und voranzutreiben – ebenfalls mit finanziellen Folgen.

Zur gleichen Zeit müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie hoch denn der Betrag ist, den wir volkswirtschaftlich insgesamt finanzieren wollen. Immer wieder höre ich ein: „Naja, das sind ja nur 0,2 Cent je Kilowattstunde mehr“. Das mag stimmen, aber diese 0,2 Cent aus den unterschiedlichen Bereichen, die addieren sich und am Ende sagt Tante Frieda dann wieder: „Wie? Ist der Strom schon wieder teurer geworden!“ Wir haben alle gewusst, die Energiewende ist nicht zum Nulltarif zu haben, aber ich sehe auch keine unbegrenzten Spielräume für Preiserhöhungen nach oben.

Eine Frage, die sich gestellt hat, war die der Offshore-Haftung. Offshore-Windkraft  ist ganz entscheidend für Norddeutschland. Dort hat eine ganze Küstenregion ihre Zukunftshoffnung auf die Offshore-Windenergie gesetzt. Aus Sicht des BMU war das auch richtig, weil wir auf hoher See grundlastfähigen Windstrom produzieren können, den wir brauchen, um die Fluktuation der Erneuerbaren im Griff zu haben. Nur haben alle Beteiligten dieses Projekt unterschätzt. Der Kapitalbedarf der Windparkbetreiber ist unterschätzt worden. Der Kapitalbedarf der Netzgesellschaft Tennet ist unterschätzt worden. Die technische Schwierigkeit, 100 km Gleichstromleitungen auf hoher See zu verlegen und an den Enden jeweils ein Umspannwerk von der Größe von zwei Fußballfeldern zu bauen, ist unterschätzt worden. Dieses ganze Unterschätzen hat vor einigen Monaten dazu geführt, dass das Projekt Offshore in Not geraten war. Als ich mein Amt angetreten habe, haben wir uns  entschieden, Offshore zu retten, weil wir viel höhere volkswirtschaftliche Kosten gehabt hätten, wenn wir das Projekt an die Wand gefahren hätten. Dies und alles Vorherige gibt Ihnen einen ungefähren Eindruck von den Fragen, die auf uns zukommen und die wir lösen müssen.

Ich will mich dafür einsetzen, dass wir bei der Energiewende Verlässlichkeit, Planbarkeit und Versorgungssicherheit gewährleisten, indem wir zügig, aber ohne Hast, die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen – Rahmenbedingungen, damit alle Beteiligten wissen, wo und wie sie investieren können und was sie für die nächste Zukunft erwartet. Dazu gehört eine Reform des EEG, dazu gehört aber auch dass wir einen nationalen Konsens über den Ausbau der erneuerbaren Energien schaffen. Eben das habe ich auch schon mehrfach öffentlich gesagt, etwa in meinem 10-Punkteprogramm.

Dass wir einen nationalen Konsens zum Ausbau der erneuerbaren Energien brauchen, kann ich Ihnen am Beispiel der Windenergie demonstrieren: Bei der Windenergie haben die Länder Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen gesagt: Wir haben sehr viele freie Flächen, wir haben wenig Einwohner, wir haben auch wenig Industrie, wir kriegen auch nicht so schrecklich viel neue Industrie, aber wir haben eines – viel Wind. Deshalb wollen wir für die ganze Republik Windstrom produzieren, und zwar auch für die Bundesländer im Süden und Südwesten, wo die großen Industrieansiedlungen sind. Deshalb setzen wir auf Onshore- und Offshore-Windenergie. Das ist eine wunderbare Überlegung, nur ist es leider auch so, dass man den Nordlichtern im Süden nicht so richtig traut und deshalb sagt: Wir wissen ja gar nicht, ob die im Norden es auch schaffen, genügend Windenergieanlagen zu bauen. Und wenn sie sie wirklich gebaut kriegen, dann wissen wir noch immer nicht, ob die Leitungen auch bis hinter den Deich reichen werden. Und wenn auch das gelingen sollte, dann wissen wir noch längst nicht, ob sie es schaffen werden, 900 km Leitung vom Deich bis nach München oder an den Bodensee zu legen. Und weil wir im Süden alles können – alles außer Hochdeutsch –, machen wir unseren Windstrom besser doch einfach selbst. Dann behalten wir auch die Wertschöpfung im Ländle. Man kann dazu nun sagen: Das ist ja auch ihr gutes Recht. Das Problem ist nur, dass wir jede Kilowattstunde Windenergie mit einer Einspeisevergütung für 20 Jahre garantieren müssen. Und: Wenn man den Strom vom Norden in den Süden bringt und vom Süden in den Norden und wenn dieser Strom sich auf der Höhe von Frankfurt trifft, dann wird es einen großen Knall und einen Kurzschluss geben. Und wenn es dazu kommt, dann wird das Projekt Energiewende beerdigt, aber die Einspeisevergütung für alle Windräder, die noch Strom produzieren, der nicht mehr gebraucht wird, müssen wir trotzdem noch 20 Jahre weiter zahlen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
so wird klar, dass wir keine 16 verschiedenen Konzepte brauchen, sondern eine nationale Ausbaukonzeption! Als ich das gesagt habe, wurde ich von den Bundesländern zum Republikfeind erklärt. Es ist behauptet worden, ich wolle der Windenergie an den Kragen. Nichts ist falscher als das! Ich habe nur das gesagt, was vernünftig ist und was an sich jeder Mensch einsehen kann. Inzwischen haben die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin auch wirklich beschlossen, dass wir eine nationale Ausbaukonzeption brauchen. Sie haben beschlossen, dass das EEG, das zentrale Instrument werden soll, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu steuern, sowohl mengenmäßig als auch in der regionalen und geografischen Verteilung. Es soll auch für eine Abstimmung auf den Leitungsausbau sorgen und den Ausbau der erneuerbaren Energien mit den bestehenden konventionellen Energien koordinieren. Mittlerweile haben sich die Bundesländer auch bereit erklärt, ihre eigenen Länderausbauziele zu modifizieren. Das ist ein wichtiger Schritt, auch wenn die Länder noch nicht gesagt haben, ob sie ihre Ziele nach unten oder nach oben modifizieren wollen. Das muss in der zweiten Stufe ausdiskutiert werden. Wenn wir hier eine Einigung haben, dann können wir sie auch in Gesetzesform gießen.

Dann müssen wir allerdings immer noch diskutieren, wie wir das neue EEG gestalten. Eine Möglichkeit ist, dass wir die Einspeisevergütung degressiv ausgestalten. Ich habe mit Hubertus Heil zusammen die Photovoltaiknovelle verhandelt, und da haben wir gesagt, dass wir eine regelmäßige Degression schaffen wollen: Je weiter die Photovoltaik ausgebaut wird, desto mehr gehen die Fördersätze für neue Anlagen zurück. Das machen wir nicht aus Jux und Dollerei, sondern damit es einen Druck gibt, die Preise für die Anlagen weiter zu senken und die Effizienz weiter zu steigern.

Ich habe vorhin gesagt: Wir wollen die Energiewende schaffen, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Standort leidet. Das schaffen wir natürlich  nur, wenn die 80 Prozent Erneuerbaren, die wir 2050 haben wollen – und einige bei den Grünen sagen sogar 100 Prozent –, wenn wir die so günstig produzieren, dass sie auch bezahlbar und dass sie wettbewerbsfähig sind. Also muss der Preis für den Strom runter. Deshalb haben wir für die Photovoltaik vereinbart, dass es dann, wenn 52.000 Megawatt Leistung installiert sind, gar keine Einspeisevergütung mehr für neue Anlagen geben wird. Warum? Weil wir davon ausgehen, dass die PV, wenn es soweit ist, wettbewerbsfähig geworden ist. Installieren würde man PV sogar, wenn sie noch nicht ganz so preiswert geworden sein sollte. Ich meine Anlagen, mit denen Sie den Strom herstellen, den sie selber verbrauchen. Hier müssen sie keine EEG-Umlage und keine Steuern zahlen. Dadurch wird der selbst produzierte Strom nämlich wesentlich billiger. Den bekommen Sie dann für  11 oder 12 Cent gegenüber 28 oder 30 Cent.

Ich bin vor 14 Tagen nach Hause in meinem Wahlkreis gekommen. Da gibt es am Ortseingang einen großen Discounter, der mit A anfängt und mit i aufhört, und dort waren die Handwerker vor Wintereinbruch eifrig damit beschäftigt, das ganze riesige Dach mit Photovoltaik zuzukleistern. Warum? Die haben riesige Kühltruhen und Kühlregale und im Sommer auch Klimaanlagen ohne Ende. Und genau dann, wenn hierfür am meisten Strom gebraucht wird, scheint die Sonne am stärksten. Nun können sie ihren Stromverbrauch dann mit ihrem eigenen Photovoltaikstrom decken und machen dabei noch ein super Geschäft.

Auch die Windenergie muss marktfähig werden. Das ist klar. Es gibt ein EVU in Deutschland, dass in Amerika bereits Windstrom für 5 amerikanische Cent produziert. Dies ist also möglich, und zwar ganz ohne Subventionen. Dummerweise ist es in den USA nur eben so, dass der Strom aus Schiefergas inzwischen für 2,5 Cent die Kilowattstunde zu haben ist. Das zeigt auch: Wir müssen uns Gedanken machen, wie es im Verhältnis zu unseren Nachbarn aussieht, wie es im Verhältnis zu unseren Konkurrenten aussieht. Es muss unser Ziel sein, dass die Energiewende gelingt, ohne sämtliche großen wichtigen Firmen der Grundstoffindustrie zu verlieren, die stark im internationalen Wettbewerb stehen. Wir sind stolz, dass wir in Deutschland immer noch 26 % unserer Arbeitsplätze in der Industrie haben. Meine englischen Freunde sagten mir vor 10 Jahren: Ihr werdet gegen uns verlieren, weil ihr noch viel zu viel „manufacturing“ habt. Ihr müsst auf „services“ setzen. Inzwischen sehen sie, wohin sie kommen mit ihren „services“. Das sage ich als großer Freund von Großbritannien. Mittlerweile hat sich herausgestellt, wie wichtig industrielle Arbeitsplätze in Krisenzeiten für ein Land wie Deutschland sind. Deshalb wollen wir sie erhalten!

Deshalb haben wir uns entschieden, energieintensive Branchen durch eine besondere Ausgleichsregelung zu unterstützen: Wenn Stromkosten bei einem Unternehmen 30 Prozent der Ausgaben ausmachen, dann macht es natürlich einen Unterschied, ob der Strom 5 Cent die Kilowattstunde oder 28 Cent die Kilowattstunde kostet. Also haben wir Befreiungstatbestände geschaffen – von den 5,27 Cent die Kilowattstunde EEG-Umlage entfallen ungefähr 1,5 Cent auf diese Regelung und darauf, dass jedes Unternehmen, das seinen eigenen Strom produziert, egal ob erneuerbar oder konventionell, ebenfalls von der Umlage befreit ist.

Inzwischen gibt es eine echte Bewegung hin zum  selbstproduzierten Strom. Es gibt immer mehr Unternehmen – VW ist das neueste Beispiel unter den großen Stromverbrauchern –, die in wenigen Jahren 75 Prozent ihres eigenen Stroms erzeugen wollen, nicht nur, weil sie so enthusiastisch für die Energiewende wären, sondern weil Ihnen aufgefallen ist, dass sie damit ein gutes Geschäft machen. BASF, das soviel Strom verbraucht wie eine deutsche Großstadt, hat seit Jahr und Tag auf eigene Stromerzeugung umgestellt. Auch das hat Folgen: In dem Maße, in dem Unternehmen ihren Strom selbst produzieren und keine EEG-Umlage mehr zahlen, sinkt die Zahl der Unternehmen, die die Umlage zahlen müssen. Und dann steigt die EEG-Umlage, auch wenn das Ausbautempo im Griff ist.

Die EEG-Umlage kann auch dann steigen, wenn kein einziges neues Windrad gebaut wird, aber der Börsenstrompreis weiter sinkt. Der Börsenstrompreis ist in den letzten Jahren um über einen Cent gesunken, sinkt vielleicht noch weiter – durch die erneuerbaren Energien und weil die Importe für Gas und Kohle günstiger werden: Je niedriger der Börsenstrompreis ist, desto höher ist die Differenz, die wir mit Ihrer EEG-Umlage finanzieren müssen.

Das schildere ich hier auch, damit Sie sehen, wie schwierig es ist, ein EEG zu stricken, das der Energiewende zum Erfolg verhilft, das die Kosten begrenzt und das den Ausbau der erneuerbaren Energien trotzdem in einem überschaubaren Rahmen weitergehen lässt. Die EEG-Reform ist mir ein ganz wichtiges Anliegen! Ich höre immer wieder, wir sollten den Einspeisevorrang abschaffen. Andere sagen, wir sollten ein Quotenmodell einführen. Aber sobald man anfängt, über die Konsequenzen nachzudenken, stellt man fest, dass die Dinge in der Praxis doch etwas komplizierter sind.

Ich habe vorhin gesagt, dass mit Kosten immer auch Wertschöpfung verbunden ist. Damit kommen all diejenigen ins Spiel, die entweder eine Bank sind oder etwas auf der Bank haben, nämlich das viele private Kapital, das nach Anlagemöglichkeiten sucht. Die Finanzierung der Energiewende durch privates Geld ist eine Aufgabe, die sich lohnt und die zum Erfolg der Energiewende beitragen wird! Man muss dabei nicht immer nur Goldgräberstimmung verbreiten und auch nicht über Renditen von 15 Prozent reden. Vier oder fünf tun es schließlich auch.

Wenn Sie mich fragen, wo sich diese Anlagemöglichkeiten ergeben, dann sage ich: Nicht nur auf den volumenmäßigen Ausbau der Erneuerbaren schauen, wir haben schon 25 Prozent und bis 2020 werden es Mindestens 40 Prozent sein. Klar haben wir da noch Wachstumsspielräume ohne Ende, aber es müssen eben nicht jedes Jahr 20 oder 30 Prozent Zuwachs sein, es reicht auch, wenn wir einen Zuwachs in der Größenordnung von fünf oder sechs Prozent  im Jahr haben.

Besonders interessant ist der Ausbau der Netze: Der Ausbau der Netze kostet an die 40 Milliarden. Hier können Sie als Banker oder als private Investoren Geld anlegen! Es sind einige tausend Kilometer, die neu gebaut werden müssen. Anfang des Jahres wird man wissen, welche Strecken mit Priorität ausgebaut werden. Ich wünsche mir, dass Sie Modelle zur Finanzierung des Netzausbaus durch privates Kapital entwickeln und diese dann auch anbieten – Sie, die Sie im Kapitalgeschäft tätig sind. Ich möchte, dass die Wertschöpfung der Energiewende möglichst breit gestreut wird. Und dass sie bei allen ankommt, nicht nur bei denen, die eine Photovoltaikanlage aufs Dach schrauben können, sondern auch bei denen, die in der Großstadt zur Miete wohnen, oder bei den Rentnern und Pensionären, die zwar ein eigenes Häuschen haben, aber keine 20.000 Euro mehr für eine Photovoltaikanlage.

Die Bürgergenossenschaften, die gemeinsam Windräder errichtet haben, sind aus meiner Sicht erst der Anfang. Wir müssen den Menschen in viel breiterer Weise die Gelegenheit geben, an der Wertschöpfung der Energiewende zu partizipieren. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass wir beim Ausbau der Netze 15 Prozent des Ausbauvolumens für eine Bürgerdividende reservieren, so dass diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die vom Netzausbau betroffen sind, auch die Möglichkeit haben, sich mit ihrem Geld daran zu beteiligen und eine garantierte Rendite von 4,5 bis 5 Prozent zu erwirtschaften.

Die Stadt Dillingen in meinem Wahlkreis hat entschieden, alle öffentlichen Dächer mit Photovoltaikanlagen auszustatten und bietet Bürgerinnen und Bürgern, die keine Immobilie besitzen, die Möglichkeit, sich mit Beträgen ab 500 Euro an dem Ausbau dieser Photovoltaik zu beteiligen – zu 4,5 Prozent Zinsen.

Meine Damen und Herren,
Sie sehen, es gibt sehr viel, was man tun kann. Wir vertrauen auf Sie, vertrauen auf Ihren Erfindungsreichtum. Meine Bitte ist, dass Sie mit ihrer Kreativität dazu beitragen, dass der Strom auch für Tante Frieda bezahlbar bleibt und dass die deutsche Wirtschaft auch ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verliert. Wenn wir das schaffen, dann wird uns diese Energiewende gelingen.
Ich bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!

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