Sehr geehrte Herren Minister,
sehr geehrte Herren Staatssekretäre,
sehr geehrter Herr Generaldirektor Armin, Exzellenzen,sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich heiße Sie sehr herzlich zur feierlichen Eröffnung des Innovations- und Technologiezentrums der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien, hier in Bonn, auf dem Petersberg, willkommen! Heute ist ein besonderer Tag für die Region Bonn, für Deutschland, aber vor allem für die globale Agenda eines neuen Energiezeitalters! Denn das Innovations- und Technologiezentrum, das wir heute eröffnen, ist nicht irgendein Innovationszentrum unter vielen anderen, es ist etwas Neues, etwas Besonderes. Denn es ist Teil der neuen, bisher einzigen, erstmaligen internationalen Regierungsorganisation für erneuerbare Energien. Diese internationale Organisation ist ein Signal dafür, dass der Aufbruch in ein neues Energiezeitalter weltweit begonnen hat. Sie ist ein Symbol dafür, dass die Regierungen dabei weltweit zusammenarbeiten und bereit sind voneinander zu lernen. Und sie ist ein beispielhaftes Instrument, um einer großen politischen und wirtschaftlichen Vision Gestalt zu geben.
Das neue Bonner Innovations- und Technologiezentrum ist ein wesentlicher Teil der neuen Agentur. Es wird Szenarien erarbeiten, wie die Erneuerbaren Energien in allen Teilen der Welt gefördert und voran gebracht werden, wie Technologien verbessert werden können, wie ihre Wirtschaftlichkeit gesteigert werden kann und wie die Einführung in die Märkte weltweit gelingt. Denn das wollen wir erreichen. Also konkret: Mit welcher Politik schaffen es Regierungen am besten, die Technologien in ihren eigenen Ländern voranzubringen? Wie und vor allem wie schnell lassen sich die erneuerbaren Energien, z.B. in Afrika, so ausbauen, dass ein nachhaltiges Energiesystem entsteht? Und wie werden sich die Kosten entwickeln? Das heißt vor allem, wie werden sie möglichst schnell fallen? Kurzum, hier wird das fachliche Fundament für die konkrete Beratung von Regierungen gelegt. Mit dem IITC haben wir in Bonn jetzt ein einzigartiges Wissenszentrum für das neue Energiezeitalter.
Wir Bonner – Herr Kollege Westerwelle, der aus dieser Region stammt und Bonn als Wahlkreis hat ebenso wie ich, der ich den Petersberg hier zu meinem Bundestagswahlkreis zählen darf – wir freuen uns natürlich mit den anderen Bonnern und Bonnerinnen und mit den Bürgerinnen und Bürgern aus dieser Region besonders, dass diese bedeutende Einrichtung, dass das IITC, hier seinen Sitz in Bonn hat. Keine andere Stadt in Deutschland hat eine vergleichbare Bedeutung für die nationale und internationale Umweltpolitik. Und darum, bei aller Befangenheit, kann ich mir auch als deutscher Umweltminister keinen besseren Ort für das IITC in Deutschland vorstellen als Bonn.
Wir gründen diese Institution in einem besonderen Jahr, im Jahre 2011. Genau vor 25 Jahren ist das Bundesumweltministerium gegründet worden als strategische, politische Reaktion auf die Katastrophe von Tschernobyl. In diesem Jahr haben wir als Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima in Deutschland eine Energiewende beschlossen. Vor 15 Jahren zog das Klimasekretariat der Vereinten Nationen von Genf an den Rhein. Seither ist Bonn noch für viele andere Einrichtungen der Vereinten Nationen zum anerkannten Standort geworden. Und heute eröffnen wir das Forschungsinstitut der weltweit einzigartigen Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien. Und nicht nur die aus der Region stammenden Bundesminister, sondern die gesamte Bundesregierung ist stolz darauf Gastland und Gaststadt sein zu dürfen für diese Einrichtung. Und dieser Stolz und die Freude darüber, die drücken wir auch durch politische Unterstützung, durch finanzielle Unterstützung in allen wichtigen Bereichen aus.
Mit dem IITC gewinnt Bonn als Standort der globalen Umwelt- und Energiepolitik noch mehr Profil. Wir wollen als deutsche Bundesregierung den VN-Standort weiter stärken. Wir haben die Bewerbung um das Wissenschaftsgremium von IPBES, der Wissenschaftseinrichtung für Biodiversität, beschlossen und werben dafür, das Sekretariat dieses Gremiums hier anzusiedeln. Und wir wollen auch erreichen, dass die Weltgesundheitsorganisation ihr Europäisches Zentrum für Umwelt und Gesundheit, das bislang in Rom residiert, hier nach Bonn verlegt. All das zeigt, welchen Stellenwert die deutsche Bundesregierung der internationalen Umweltpolitik beimisst und dass sie eine solche Politik nicht als ein Randthema, sondern als ein strategisches Thema globaler Ordnungsgestaltung ansieht. Und wir wollen Bonn in besonderer Weise damit verbinden.
Wir leben in besonderen Zeiten, in einer Zeitenwende, in einer Zeit der Zäsuren. Es ist eine Zeit, die Unsicherheiten stiftet, die Ängste erzeugt und die mit dem Verlust von Sicherheitsgefühl und Identitäten verbunden ist. Seit mehr als 20 Jahren steht fest, dass wir mehr verbrauchen, als der Planet regenerieren kann. Wir sind gerade in Europa und auch weltweit bemüht, auf eine Staatsverschuldungskrise, die sich ausweiten kann zu einem Flächenbrand – nicht nur in Europa, sondern weltweit – eine strategische Antwort zu geben. Aber genauso wie Staaten zu viele Finanzschulden gemacht, also auf Kosten der nächsten Generation gelebt haben und damit unser Zusammenleben schon heute gefährden, genauso nehmen wir seit Jahren, seit Jahrzehnten zu viele Ökoschulden auf. Und die Tendenz und die Gefährdungen nehmen zu.
Wir werden in einer Generation nicht mehr nur 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten sein, sondern 9 Milliarden Menschen. Das sind Menschen vor allem aus armen Ländern wie Äthiopien oder Nigeria, in denen sich die Bevölkerung verdoppeln, verdreifachen wird. Diese Menschen wollen so leben wie wir, und sie haben das gleiche Recht auf Krankenversicherung, auf Mobilität und auf eine hohe Lebenserwartung. Das heißt, der Ressourcenverbrauch, der Energiehunger wird tendenziell fortschreiten. Und darum ist die heute dominante Wirtschaftsweise, die sich in ihren Wachstumsbemühungen an den Verbrauch endlicher natürlicher Ressourcen koppelt, eine Wirtschaftsweise, die uns in eine globale Sackgasse führen wird, die in Konflikten und Kriegen um immer knapper werdende Ressourcen endet und Instabilität und Unordnung erzeugt. Aber wir sind dem nicht ausgeliefert. Wir müssen und können auch gar nicht das Rad zurückdrehen und nun Verzicht üben und auf Wachstum und Industrie entwickeln, wir würden dadurch kein Problem lösen, sondern nur Probleme verschärfen. Aber wir brauchen eben einen Wandel, eine Transformation, eine Veränderung, die nicht weniger Lebensqualität, sondern Sicherung von Leben, von Überleben und Lebensqualität und Wachstum bedeutet: Indem wir von einer Ressourcen verbrauchenden zu einer Ressourcen schonenden, ressourceneffizienten Wirtschafts- und Lebensweise gelangen. Wir brauchen Wachstum, sonst werden wir kollabieren. Und andere Länder, ob es Schwellen- oder Entwicklungsländer sind, lassen sich auch nicht vorschreiben, auf Wachstum zu verzichten. Aber wir müssen das Wachstum vom Verbrauch natürlicher endlicher Ressourcen entkoppeln. Wir müssen Fortschritt so gestalten, dass er nicht nur die Perspektive dieser Generation umfasst, sondern dass er Voraussetzungen für die nächsten Generationen schafft, dass diese mit ausreichend Energie und Ressourcen versorgt werden und noch gesellschaftliche, wirtschaftliche und individuelle Entfaltungsspielräume haben. Vom Gelingen dieses Transformationsprozesses hängt der Wohlstand der nächsten Jahre und Jahrzehnte ab.
Der Kern dieses Transformationsprozesses, der ein ökonomischer, politischer und kultureller Prozess ist, ist die Energiefrage. Sie ist entscheidend dafür, ob uns dieser Prozess gelingt. Und wir müssen jetzt die Weichen dafür stellen. Sie entscheiden über die Zukunfts- und Lebensperspektiven unserer Kinder und Enkelkinder. Die Bundesregierung hat mit dem Energiekonzept, das wir in diesem Jahr beschlossen haben, eine strategische Antwort auf diese Herausforderung gegeben. Schon heute, im ersten Halbjahr dieses Jahres, haben wir es erreicht, dass 20,8 % unseres Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Neben der Säule der Entwicklung der erneuerbaren Energien steht in unserem Energiekonzept eine zweite Säule: Die Entwicklung von mehr Energieeffizienz. Unser Ziel ist es, dass Energieeffizienz und erneuerbare Energien die Hauptpfeiler unserer zukünftigen Energieversorgung sein werden. Das ist ein großes technologisches Projekt, ein Innovationsprojekt, ein Modernisierungsprojekt, das wir in Deutschland als einem großen europäischen Energieland erreichen wollen.
Dezentralität, Wettbewerb, aber insbesondere Technologieführerschaft – das sind die Motoren für neues Wachstum und für die Entwicklung hin zu einer ressourceneffizienten Ökonomie und Lebensweise. Deutschland ist mit Ausgaben in Höhe von rund 27 Milliarden Euro Investitionen in dieser Größenordnung der zweitgrößte Investor in erneuerbare Energien weltweit, noch vor den USA. Inzwischen sind es 370.000 Menschen die in der Branche der erneuerbaren Energien arbeiten. Und über 90 % der Menschen in unserem Land sagen: Wir wollen das, wir unterstützen dieses Ziel und sind auch bereit, uns zu beteiligen, wir akzeptieren es auch finanziell. Ich glaube, es ist gelungen, aus dieser Energiewende ein großes nationales Gemeinschaftsprojekt der Bürgerinnen und Bürger, der Kommunen, der Länder, des Bundes, der Ingenieure, der Forscher, der Unternehmer zu machen. Wir haben keinen missionarischen Ehrgeiz, aber das Beispiel, dass eine solche ökonomische, technologische Wende in einem großen Industrieland funktioniert, ja dass sie eine Verbindung von Wachstum und dem Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen ist, das ist doch ein Beispiel, das jedenfalls auch für andere interessant sein könnte.
Die Energiewende ist darum ein technologisches Projekt, ein Wachstumsprojekt, aber es geht auch um Gerechtigkeit. Es geht um das Bild des Menschen und um die Erkenntnis, dass wir heute Verantwortung tragen für den Menschen, der ganz gleich, wo er lebt und wann er lebt, die gleiche Würde hat. Auch hierfür spielt der Ausbau erneuerbarer Energien eine wesentliche Rolle, denn es ist unser Anliegen, dass in Schwellen- oder Entwicklungsländern erneuerbare Energien stärker unterstützt werden. Immer noch sind 1,4 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern an keine Energieversorgung angeschlossen! Eine Ökonomie und Lebensweise, die die endlichen, nur einmal vorhandenen Ressourcen unwiederbringlich verbraucht, schneidet den nächsten Generationen und denjenigen, die noch keine Entwicklungsperspektive haben, die Chance auf Entwicklung ab. Darum ist Ressourcenschonung auch ein ethischer Imperativ, insbesondere für die, die noch keinen Zugang zu Wohlstand haben. Das ist es, was uns antreibt. Den ökonomischen Fortschritt und das ethische Gebot der Nachhaltigkeit für die nächsten Generationen miteinander zu verbinden.
Um beides zu verbinden, ist es so wichtig, dass IRENA eine internationale Organisation ist. Darum freuen wir uns mit IRENA in Abu Dhabi zusammenzuarbeiten, wir freuen uns auf die Kooperation. Und wir sind sicher, dass wir gut, eng und vertrauensvoll und erfolgreich zusammenarbeiten werden. Ich beglückwünsche die Vereinigten Arabischen Emirate zu ihrem Gastgeberstatus für IRENA, und ich bin sicher, dass unsere gute Freundschaft und Kooperation fortgesetzt wird.
Ich finde, heute ist ein guter Tag, an dem wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass eine machbare Vision ein Stückchen Wirklichkeit wird. Ich glaube, dass Politik davon lebt, ein Ziel zu haben, ein vernünftiges Ziel, aber auch ein Ziel, dass eine ethische Dimension hat, für die sich zu arbeiten, auch zu kämpfen lohnt. Und dass wir das schaffen in internationaler Kooperation und Freundschaft, das ist etwas sehr Schönes und Ermutigendes. Und darum wünsche ich dem IITC und IRENA eine gute Zusammenarbeit und viel Erfolg. Vor ihnen liegt eine große Aufgabe. Herzlichen Dank!