- Es gilt das gesprochene Wort. -
Sehr geehrte Frau Generaldirektorin,
sehr geehrte Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir eine besondere Freude und Ehre, Sie als Vertreter des weltumspannenden Netzwerks von über 560 Biosphärenreservaten in über 100 Staaten der Erde, die unter dem Dach des UNESCO-Programms "Der Mensch und die Biosphäre" vereint sind, in Deutschland begrüßen zu können. Auch der Anlass, zu dem wir uns hier in Radebeul bei Dresden im schönen Freistaat Sachsen zusammenfinden, ist ein überaus erfreulicher: Das UNESCO-Programm "Der Mensch und die Biosphäre" besteht seit gut 40 Jahren.
Mit der Schaffung dieses überaus erfolgreichen Programms hat die UNESCO vor vier Jahrzehnten große Weitsicht bewiesen. Ist es zu Beginn in den frühen 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts als reines Wissenschaftsprogramm gestartet, das zunächst vorwiegend der Beobachtung und Analyse der menschlichen Einflüsse auf unseren Naturhaushalt diente, gilt es heute als innovatives Instrument für die weltweite Umsetzung der Idee einer nachhaltigen Entwicklung. Dabei geriet der klassische Naturschutz, der sich vor allem auf den Artenerhalt und den Schutz der Lebensräume fokussiert, nicht aus dem Blickfeld, sondern wurde vielmehr sinnvoll erweitert und ergänzt um Themen wie nachhaltiges Wirtschaften, Regionalentwicklung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und vieles mehr. Insbesondere nach dem Umweltgipfel von Rio 1992 rückte das Ziel eines harmonischen Miteinanders von Mensch und Natur, von Erhalt und nachhaltiger Nutzung der biologischen Vielfalt stärker in den Vordergrund.
Es ist gut zu wissen, dass es mit den von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservaten so viele Regionen auf unserem Planeten gibt, in denen ganz praktisch auf vielfältige Weise wirtschaftliche Entwicklung im Einklang mit der natürlichen Umwelt für und mit den Menschen möglich ist ohne Raubbau zu betreiben und unsere Lebensgrundlagen in Frage zu stellen. Denn der Verlust an biologischer Vielfalt schreitet weltweit leider immer noch voran. So wird jährlich auf der Erde eine Waldfläche von der Größe Griechenlands vernichtet. Schon während ich hier zu Ihnen spreche, sind es allein rund 170 Fußballfelder. Damit verschwinden nicht nur Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten, auch die "Dienstleistungen" der Natur, die wir täglich so selbstverständlich nutzen, werden beeinträchtigt. Frische Luft, sauberes Wasser, fruchtbare Böden und gesunde Nahrungsmittel, Medizinprodukte, Schutz vor Naturgefahren, Raum für Freizeit und Erholung sowie vieles mehr sind ohne die biologische Vielfalt undenkbar.
Die Schöpfung zu erhalten ist daher kein postmaterieller Luxus einer verwöhnten Industriegesellschaft, sondern das Gebot der Stunde. Denn es ist die Lebensversicherung für unsere Kinder und Kindeskinder.
Das geht alle Länder an, die entwickelten ebenso wie die weniger entwickelten, wobei die Hauptlast und Verantwortung ganz besonders bei den großen Industrienationen und Schwellenländern liegt, die zu den Verlusten ungleich mehr beitragen als andere.
Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist auch angesichts der vor uns stehenden globalen Entwicklungen wie die zunehmende Weltbevölkerung und die damit notwendig verbundenen größeren Anstrengungen zur weltweiten Armutsbekämpfung erforderlich.
Hier ist es ein großer Verdienst der UNESCO durch Partnerschaften des Nordens mit dem Süden, der entwickelten mit den weniger entwickelten Staaten, einen wichtigen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit, zu einem Vorteilsausgleich und zu mehr internationaler Fairness zwischen Arm und Reich geleistet zu haben. Deutschland beteiligt sich hier in großem Umfang, nicht nur im Rahmen seiner Entwicklungshilfe. Das Bundesumweltministerium hat sich beispielsweise beim Aufbau zweier Biosphärenreservate in Äthiopien engagiert und dies sind gewiss nicht die letzten Projekte in Afrika, die wir durchführen.
Der Schutz der biologischen Vielfalt ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Bisher hat diese Menschheitsaufgabe aber nicht die gleiche Aufmerksamkeit erlangt wie das Thema "Klimawandel".
Mit dieser internationalen Fachkonferenz möchten wir gemeinsam mit den weiteren Veranstaltern UNESCO, Bundesamt für Naturschutz und Deutsche UNESCO-Kommission dazu beitragen, den Erhalt der biologischen Vielfalt stärker ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Denn Aufmerksamkeit ist notwendig für politi-sches Handeln, das nur erfolgreich sein kann, wenn es ein langfristiges Engagement von Politik und breiter Bevölkerungsschichten gibt. Was beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel vielfach gelungen ist, muss beim Schutz der Biodiversität noch erreicht werden.
Vieles spricht dafür, die Kräfte und Ressourcen für beide Ziele noch besser zu bündeln. So geht ein Teil des Artenschwundes, den wir heute beklagen, auf das Konto des vom Menschen gemachten Klimawandels.
Landschaften verändern sich rasant, am besten abzulesen an den schmelzenden Polkappen und den Gletscherregionen der Hochgebirge. Wassermangel führt zu wachsenden Wüsten, Stürme und zunehmende Niederschläge machen ganze Landstriche – wie zuletzt in Pakistan – unbewohnbar. Andersherum beschleunigt der massive Raubbau an den letzten Urwäldern den Klimawandel. Hier gilt es durch gemeinsame und weltweite Maßnahmen eine verhängnisvolle Spirale zu stoppen.
Dem Weltnetz der Biosphärenreservate könnte aus meiner Sicht dabei eine Schlüsselrolle zukommen. In diesen Modellregionen für nachhaltige Entwicklung lassen sich wie nirgendwo anders neue nachhaltige Nutzungsformen und Anpassungsmöglichkeiten an sich verändernde ökologische, ökonomische und soziale Bedingungen erproben und umsetzen. Schon heute werden in den Biosphärenreservaten modellhaft auch Maßnahmen zum Klimaschutz und der Klimaanpassung entsprechend der Sevillastrategie und des Madrid-Action-Plans umgesetzt. Einige Beispiele, die im Tagungsfoyer ausgestellt sind, zeigen dies anschaulich.
Natürlich gibt es auch Konfliktstoff. Ich will das nicht verhehlen. Dabei geht es weniger um finanzielle Ressourcen als vielmehr um ganz praktische Dinge wie etwa die Landnutzung. In Deutschland spüren wir die Reibungen derzeit besonders deutlich, da wir dabei sind, in historisch einmalig kurzem Zeitraum eine Energiewende - weg vom Atomstrom und hin zur Nutzung erneuerbarer Energien - zu vollziehen. Nach den Bildern von der japanischen Reaktorkatastrophe in Fukushima liegt die Notwendigkeit, auf eine nachhaltige Energieversorgung umzusteuern, auf der Hand.
Das bedeutet, dass wir zusätzliche Flächen etwa für den Anbau von Biomasse sowie das Anlegen von Wind- und Solarparks brauchen. Aber dies darf in der Summe nicht zu Lasten der biologischen Vielfalt in unserem Land gehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien und der Erhalt der biologischen Vielfalt auch im dichtbesiedelten Deutschland miteinander vereinbar sind. Denn nur ein Erfolg auf beiden Feldern wird uns in Richtung nachhaltige Entwicklung deutlich voranbringen. Die Biosphärenreservate machen es beispielhaft vor.
Dies ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass ich gerade auf dieser Veranstaltung einen globalen Pakt für Biodiversität und Klimaschutz als Beitrag zur gerade begonnenen UN-Dekade für biologische Vielfalt vorschlagen möchte, wie er sich auch in dem Ihnen vorliegenden Entwurf der "Dresdner Erklärung" widerspiegelt, die hier in Dresden/Radebeul beraten und verabschiedet werden soll. Ein solcher Pakt könnte Maßnahmen enthalten wie
Deutschland möchte hier mit gutem Beispiel vorangehen. So werden bereits heute im Rahmen der Internationalen Klimainitiative des Bundesumweltministeriums Mittel für weltweite Projekte zum Schutz der biologischen Vielfalt und ihrer nachhaltigen Nutzung bereitgestellt.
In den 15 deutschen UNESCO-Biosphärenreservaten wurden eine Reihe von vor allem landschaftsbezogenen Klimaschutzprojekten durchgeführt und wir sind dabei, ein Klima-Zertifikatesystem entwickeln zu lassen, das neue Finanzierungsquellen für Natur- und Klimaschutzmaßnahmen in den Nationalen Naturlandschaften, das heißt Nationalparks, Biosphärenreservaten und Naturparken, die immerhin insgesamt mehr als Viertel unserer Landesfläche einnehmen, erschließt.
Dies alles ist Teil der Umsetzung einer umfassenden nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, die die Bundesregierung im Jahre 2007 verabschiedet hatte.
Sehr geehrte Frau Generaldirektorin,
sehr geehrte Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich bin zuversichtlich, dass diese internationale Konferenz und die sich anschließende Sitzung des Internationalen Koordinierungsrats des UNESCO-MAB-Programms nicht nur der Entwicklung der Biosphärenreservate neuen Schwung verleiht, sondern auch einen substanziellen Beitrag zum Schutz der Biodiversität leisten wird.
Ich wünsche Ihnen für die Konferenz viel Erfolg und einen fruchtbaren Erfahrungsaustausch sowie bleibende Eindrücke von der wirklich sehenswerten sächsischen Landeshauptstadt Dresden.