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Rede der Parlamentarischen Staatssekretärin Katherina Reiche Nachhaltiger Handel - Chance für Wirtschaft, Konsumenten und Umwelt

Datum: 23.03.2011
Ort: St. Gallen

- Es gilt das gesprochene Wort. -

I. Einleitung

Anrede,

Nachhaltigkeit und ihre Prinzipien sind inzwischen fester Bestandteil der gesellschaftlichen Debatte. Was vor allem in der Umweltpolitik seinen Ursprung hatte, durchzieht heute alle Politikbereiche von der Wirtschafts-, Finanz- bis hin zur Wissenschafts- und Bildungspolitik.

Nachhaltigkeit bedeutet ja nichts anderes, als dass wir unseren Kindern und Enkeln die Chance auf ein Leben in Wohlstand und in einer intakten Umwelt erhalten wollen. Zur Wahrheit gehört aber eben auch, dass wir das heute zum Teil immer noch tun.

Eine Zahl veranschaulicht dies besonders eindrucksvoll: Der heutige „ökologische Fußabdruck“ der Menschheit liegt bei einem Ressourcenverbrauch von 1,4 Planeten. Das bedeutet, dass die Erde über ein Jahr und vier Monate braucht, um den Verbrauch der Menschheit eines Jahres zu decken. Hat man dabei vor Augen, dass die Weltbevölkerung weiter stark wächst, so wird deutlich, dass ein weiter so keine Option ist.

Wir stehen also vor der Aufgabe, dass wir das, was wir uns als Gesellschaft und Politik vorgenommen haben, auch in die Tat umsetzen.

Auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Entwicklung kommt insbesondere unseren Konsum- und Produktionsmustern eine Schlüsselrolle zu. Denn eine Vielzahl von Umweltauswirkungen ist direkt oder indirekt auf diese zurückzuführen.

Wie also ist in diesem Bereich Nachhaltigkeit umzusetzen?

Eine entscheidende Rolle spielt hier der Handel, der auch im Mittelpunkt der heutigen Veranstaltung steht.

Denn der Handel ist Bindeglied und Mittler zwischen den Verbrauchern und der Industrie.

Er steht zum einen im direkten Kontakt den Verbrauchern, kennt deren Wünsche und muss ihnen auch Rechnung tragen, kann aber auch durch Information und andere Instrumente ein bestimmtes Verbraucherverhalten aktiv fördern.

Zum anderen kann er Wünsche der Konsumenten nach Einhaltung ethischer Grundsätze, ökologischer, ökonomischer und sozialer Kriterien unmittelbar aufnehmen und an die Industrie weitergeben.

Einfacher gesagt als getan. Denn natürlich wollen beispielsweise viele Konsumenten etwas gegen den Klimawandel tun. Oftmals kennen sie aber nicht den Zusammenhang zwischen Konsummustern und dem damit zusammenhängenden Treibhausgasemissionen. Dies zu vermitteln, ist also eine wichtige Aufgabe.

Und der Handel ist auch Teil der Wertschöpfungskette. Also kann er selbst auch einen aktiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Schon heute unternehmen Handelsunternehmen hier große Anstrengungen, wenn es etwa um die Verbesserung der Energieeffizienz oder die Optimierung von Logistik geht.

II. Zukunftsmarkt Nachhaltigkeit

Die Konsumgüterindustrie und der Handel stehen durch das Thema Nachhaltigkeit vor entscheidenden Veränderungen.

Das Thema Nachhaltigkeit birgt für Unternehmen und den Handel erhebliches Potential und gilt als neuer Wachstumstreiber.

Nachhaltigkeit kann Wettbewerbsvorteile und Kundenzufriedenheit schaffen, auch Umsätze mittel- und langfristig steigern, aber andererseits Firmen und deren Produkte noch stärker in die Verantwortung nehmen.

So hat beispielsweise ein Discounter in Deutschland im vergangenen Jahr schmerzhaft spüren müssen, wie er von den Verbrauchern mit Konsumenthaltung bestraft wurde, weil es die Privatsphäre seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verletzt hat. Ein Verhalten, das von Kunden als unethisch oder unmoralisch empfunden wurde.

Dies zeigt: Verbraucher achten nicht nur zunehmend darauf, ob Produkte ökologisch unbedenklich sind, sondern sie registrieren die Berichte in den Medien und in Sozialen Netzwerken sehr genau.

Immer mehr Verbraucher interessiert es, zum Beispiel unter welchen Arbeitsbedingungen Konsumgüter, die sie erwerben, in ihren Erzeugerländern hergestellt wurden.

Das Thema Nachhaltigkeit setzt auf das verantwortungsvolle Handeln und Wirtschaften. Wer heute aus strategischen Gründen die Weichen auf Nachhaltigkeitsprozesse im eigenen Unternehmen nicht setzt, wird morgen zunehmend Marktanteile verlieren.

Nicht nur der Preis oder die Qualität als Mehrwert, sondern auch die Verantwortung, die so genannte Corporate Social Responsibility, eines Unternehmens wird in Zukunft entscheidend sein.

Die Ausrichtung des Sortiments auf nachhaltige, Produkte, die Berücksichtigung der Umwelt, der Umgang mit Ressourcen, faire Arbeitsbedingungen und gesellschaftliches Engagement prägen die öffentliche Wahrnehmung des Unternehmens und können Wettbewerbsvorteile gegenüber den Mitbewerbern schaffen.

Wer als Handelsunternehmen im Verdrängungswettbewerb die strategischen Chancen eines auf Nachhaltigkeit setzenden Konzepts erkennt, wird sich langfristig am Markt behaupten können.

Nachhaltigkeit ist heute als strategischer Ansatz im Handel weit verbreitet.

Ernst & Young haben in ihrem Handelsbarometer vom Herbst vergangenen Jahres ermittelt, über alle Bereiche hinweg - vom Fachmarkt bis zum Internethändler – dass die übergroße Mehrheit der befragten Händler nachhaltigem Wirtschaften eine sehr große oder eher große Bedeutung beimisst.

Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen gehen davon aus, dass auch in den kommenden Jahren das Thema Nachhaltigkeit weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Insbesondere der Lebensmittelhandel ist dieser Meinung; 88 Prozent der Befragten sieht eine steigende Wichtigkeit des Themas.

Und auch der Trend zu Bio-, Fair-Trade- und nachhaltig produzierten Produkte bleibt dem Handelsbarometer zu Folge bestehen. Über alle drei Kategorien hinweg sehen knapp neun von zehn der befragten Unternehmen sehr gute oder eher gute Marktperspektiven.

Befragt man die Verbraucher, ergibt sich ein ähnliches Bild. Umfragen ergeben ein grundsätzlich großes Interesse an nachhaltigen Produkten, teilweise wird sogar eine größere Zahlungsbereitschaft für nachhaltige Produkte eingeräumt. Natürlich muss man hier die Einschränkung machen, dass dies natürlich nicht für alle Verbraucher möglich ist und hier auch Unterschiede zwischen den Einkommensschichten bestehen.

Dennoch sind Nachhaltigkeit im Handel und nachhaltiger Konsum noch längst keine Selbstläufer in Deutschland.

Ein Beispiel: 2010 gab jeder Bundesbürger 3,30 Euro im Durchschnitt für Konsumgüter mit dem Fairtrade-Logo aus - also für die Gewissheit, dass die Hersteller der Ware in den ärmeren Ländern gerecht entlohnt wurden und ihr Personal unter vertretbaren Gesundheitsbedingungen arbeitete. Gemessen an anderen europäischen Staaten ist das jedoch gering: In der Schweiz etwa lag der Pro-Kopf-Konsum fairer Waren 2008 schon über 22 Euro.

Die Diskussion leidet allerdings nicht zuletzt daran, dass der Begriff der Nachhaltigkeit nach wie vor für viele Verbraucher nur eingeschränkt bekannt und wenig konkret ist.

Der Nestle-Studie 2011 zum Essverhalten in Deutschland zufolge haben nur rund zwei Drittel der Bevölkerung den Begriff bereits gehört, davon ist nur gut die Hälfte in der Lage, den Begriff von sich aus sinnvoll mit Inhalt zu Füllen.

Zudem klaffen im Kontext sozialer Verantwortung Anspruch und Zahlungsbereitschaft teils weit auseinander: So halten es etwa 66 Prozent der Bevölkerung für wichtig, dass bei der Erzeugung von Lebensmitteln Kinderarbeit vermieden wird, aber nur 31 Prozent würden für entsprechende Produkte einen nennenswerten Aufpreis akzeptieren.

Artgerechte Haltung von Tieren ist für 60 Prozent besonders wichtig, dafür zahlen würden jedoch nur 33 Prozent.

Gründe für die schwache Nachfrage nach nachhaltigen Gütern in Deutschland ergeben sich durch den Zeitmangel, sich zu informieren, finanzielle Beschränkungen und unterschiedliche Lebensstile.

Und auch die Unternehmen kommunizieren immer noch sehr selektiv, worauf sich die Nachhaltigkeit ihrer Produkte tatsächlich bezieht. So gibt es je nach Unternehmen verschiedene Initiativen, Labels und Veröffentlichungen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und Aussagen.

Diese Vielfalt und damit verbundene Intransparenz macht es wiederum für den Verbraucher äußerst schwierig, Anstrengungen der Unternahmen in der Nachhaltigkeit zu beurteilen und auch entsprechende Kaufentscheidungen vorzunehmen.

III. Größere Transparenz und Information für mehr Nachhaltigkeit

Es geht also um mehr Information und Transparenz, um den Verbrauchern einen bewussten Konsum zu ermöglichen.

Es geht dabei nicht um Verzicht oder um es ganz klar zu sagen, um "Gängelung", sondern darum, den Verbraucher in die Lage zu versetzen, genau hinzusehen und eine eigene "Gesamtbilanz" zu erstellen.

Der Verbraucher in der Lage sein, nachfragen zu können, wo und wie produziert wird. Und der Verbraucher muss auch Antworten auf seine Fragen finden.

Hier spielt die Produktkennzeichnung eine zentrale Rolle.

Die Tendenz geht zunehmend in die Richtung auf unternehmenseigene Siegel zu setzen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dies der richtige Weg ist.

Wenn auf extern zertifizierte Produktkennzeichnung gesetzt würde, schaffte dies eine höhere Glaubwürdigkeit und erleichterte den Verbrauchern den Vergleich.

Verbunden werden sollte dies mit praktischen und transparenten Informationen.

Beides zusammen hilft es den Verbrauchern bei der Bewertung der Produkte und der dahinter stehenden Unternehmen und motiviert sie zum ökologischen Einkauf.

Wir brauchen deshalb nicht mehr Gütesiegel, sondern mehr Glaubwürdigkeit bei der Produktkennzeichnung.

Der Blaue Engel ist genau ein solches glaubwürdiges Kennzeichen.

Mit 11.000 Produkten von rund 1050 Herstellern ist es zugleich eines der bekanntesten und erfolgreichsten Umweltzeichen der Welt.

Seit 1978 setzt er Maßstäbe für umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen, die von einer unabhängigen Jury nach definierten Kriterien beschlossen werden.

Diese werden so festgelegt, dass nur die besten 20 Prozent des Marktes diese erreichen.

Der Blaue Engel ist ein Leuchtturm, der Verbrauchern den Weg zum nachhaltigeren Produkt weist und umweltbewussten Konsum fördert.

Nach der Reform des Blauen Engels 2008 ist es noch einfacher, beim Kauf eines mit dem Blauen Engel gekennzeichneten Produktes dessen positiven Beitrag für die Umwelt zu erkennen.

Dafür wurde das bekannte produktbezogene Logo dahingehend erweitert, dass in einer neuen Unterschrift jeweils das zentrale Schutzziel steht.

So wird ein klimafreundliches Produkt leicht an der Unterschrift "schützt das Klima" zu erkennen sein. Weitere Schwerpunktthemen sind "schützt Umwelt und Gesundheit", "schützt das Wasser" und "schützt die Ressourcen".

11.000 Produkte sind eine Menge. Gemessen an der tatsächlichen Produktmenge insgesamt aber gering. Hier würden wir uns mehr wünschen.

Ich setze hier auch auf den Handel als Partner, stärker bei seinen Produzenten für den Einsatz des Blauen Engels zu werben. Und ich werbe dafür, dass mehr Produkte mit dem Blauen Engel in Ihren Regalen landen sowie, dass die Verbraucher vor Ort auch Informationen erhalten.

Gleichzeitig setzt sich das Bundesumweltministerium dafür ein, den Blauen Engel auch international zu etablieren.

Kooperationen mit China, Japan und anderen sollen bald Zusammenarbeiten mit ganzen Regionen wie Afrika und den ASEAN-Staaten folgen.

Jetzt liegt natürlich die Frage nahe, ob nicht eine allumfassende Nachhaltigkeitskennzeichnung das Dickicht im Kennzeichnungsdschungel lichten würde.

Ich halte das in der Praxis für nur schwer wenn nicht sogar kaum umsetzbar. Erfolgsversprechender scheint mir dagegen bereits bestehende Siegel um weitere Kriterien zu ergänzen.

Dieser Linie folgen wir und versuchen, den Blauen Engel entsprechend zu stärken.

IV. Klimaschutzdialog mit der Wirtschaft

Wenn es um Nachhaltigkeit im Handel geht möchte ich mit dem Klimaschutz einen Aspekt herausgreifen, der gerade auch in Deutschland eine wichtige Rolle spielt.

2009 hat Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen mit der deutschen Wirtschaft einen Klimaschutzdialog ins leben gerufen, um über erforderliche Maßnahmen zur Verminderung von Treibhausgasemissionen in Deutschland und die hierzu notwendigen Rahmenbedingungen zu diskutieren.

Dazu wurden vier mit Experten aus der Wirtschaft besetzte Arbeitsgruppen gebildet.

  • Arbeitsgruppe 1: Klimaschutz und Gebäude,
  • Arbeitsgruppe 2: Klimaschutz in der Finanzwirtschaft,
  • Arbeitsgruppe 3: Klimaschutz in Industrie und Gewerbe,
  • Arbeitsgruppe 4: Klimaschutz und Produkte.

 

Die vier Arbeitsgruppen hatten den Auftrag, bis Ende des Jahres 2010 jeweils konkrete Maßnahmenvorschläge zur Weiterentwicklung der nationalen Klimaschutzgesetzgebung zu erarbeiten und damit Vorschläge zur Weiterentwicklung des Integrierten Energie- und Klimaprogramms (IEKP) von 2007 vorzulegen.

Diese Arbeitsgruppe 4 bestand aus Teilnehmern von Handel und Produzenten. Herr Dr. Inacker von der Metro, der heute Mittag hier noch referieren wird, hat diese Arbeitsgruppe geleitet.

Der Klimaschutzdialog hat sowohl der Umsetzung des Energiekonzepts der Bundesregierung als auch der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt.

Es wurden Ziele sowie mögliche Maßnahmen formuliert, auch für den Handel, wie beispielsweise

  • die Einführung klimarelevanter Einkaufskriterien beim Bezug von Rohstoffen, Vorprodukten und Energie,
  • die Erhöhung des Anteils klimaverträglicherer Produktalternativen im Eigengeschäft,
  • die Durchführung von Lebenszyklusanalysen,
  • die Optimierung von Logistikprozessen zwischen Dienstleistern und Lieferanten, wie etwa eine gemeinsam genutzte Logistik und Lagerinfrastruktur, die Bündelung und Optimierung von Routen oder
  • Lieferantenbenchmarks.

 

Zudem wurde die Einführung einer Internetplattform angeregt, auf der Unternehmen ihre Ziele und signifikanten Aktivitäten darstellen können.

Wir werden diesen Dialog mit der Wirtschaft fortsetzen. Der direkte Austausch hat sich als sehr fruchtbar erwiesen hat.

Ich denke, dass der Klimaschutzdialog auch Vorbildfunktion für andere Bereiche haben kann und ähnliche Formate auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit vielversprechend sein können.

V. Abschluss

Der Klimaschutzdialog hat gezeigt, dass dem Handel bei der Umsetzung nachhaltiger Konsumweisen eine Schlüsselstellung zukommt.

Der Handel engagiert sich bereits in vielen Bereichen im Bereich Nachhaltigkeit. Es gibt ein weites Feld von Vorreitern.

Es gibt zahlreiche gelungene Beispiele des Nachhaltigkeitsengagements, wie beispielsweise die Senkung des Energieverbrauchs in Verkaufsstätten oder durch Logistikoptimierung.

Der Handel ist Schnittstelle zum Konsumenten. Hier fällt die Kaufentscheidung für ein mehr oder eben weniger umweltfreundliches bzw. nachhaltiges Produkt.

Wenn am hier die nachhaltige Wahl zur einfachen Wahl geworden ist, dann sind gute Voraussetzungen für einen nachhaltigen Konsum geschaffen.

Ich wünsche uns allen eine gute Veranstaltung mit spannenden Beiträgen und interessanten Gesprächen.

Vielen Dank.

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