
- Es gilt das gesprochene Wort. -
Ich begrüße Sie recht herzlich im Berliner Dienstsitz des Bundesumweltministeriums. Mit unserem Gebäude bieten wir den passenden Rahmen für die heutige Veranstaltung. Denn als erste Bundesbehörde überhaupt arbeiten wir in einem Niedrigenergie- und Passivhaus. Dabei ist es gelungen, denkmalpflegerische Bewahrung der alten Bausubstanz des preußischen Landwirtschaftsministeriums sowie eines Teils der Berliner Mauer mit nachhaltigem und innovativem Bauen zu verbinden.
Mit unserem Ministerium leisten wir einen Beitrag zum Klimaschutz. Gleichzeitig ist es inzwischen auch Modellprojekt für viele andere Vorhaben geworden.
Deshalb freue ich mich, mit Ihnen heute über Herausforderungen von Energieeffizienz an Politik und Wirtschaft zu sprechen. Gerade auch mit Blick auf die Ziele, die wir uns in Europa gesetzt haben.
Die Zielsetzung ist bekannt: Bis zum Jahr 2020 soll die Energieeffizienz in Europa um 20 Prozent gesteigert und die Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens 80 Prozent gesenkt werden. Hierdurch soll ein Beitrag zum globalen Klimaschutz geleistet sowie Innovation und Fortschritt in den Mitgliedstaaten vorangetrieben werden.
Um diese Maßgabe zu erreichen, müssen wir unsere Energiesysteme grundlegend modernisieren, von der Strom- und Wärmeerzeugung bis zu der Art, wie wir wohnen und wie wir uns fortbewegen. Gleichzeitig gilt es, das Zieldreieck der Energiepolitik, eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung zu wahren. Dies ist eine der zentralen Herausforderungen gerade auch vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung.
Mit der Energiewende haben wir in Deutschland einen umfassenden Umbau unserer Energieversorgung eingeleitet. Wir erzeugen schon heute einen Viertel unseres Stroms mit Windkraft-, Sonnenenergie-, Biomasse- und Wasserkraftanlagen. Das leistet einen Beitrag zum Klimaschutz, macht unabhängiger von fossilen Brennstoffimporten und ersetzt teure Importe durch heimische Wertschöpfung.
Erzeugung ist das eine, der Verbrauch das andere. Unser Umgang mit Energie muss - und kann - viel effizienter werden. Mit bestehenden und zukünftigen Technologien und Dienstleistungen können wir Strom, Wärme und Treibstoff sparen und zugleich unsere Kosten reduzieren. Es ist längst möglich, Häuser so zu bauen, dass sie mehr Strom und Wärme erzeugen als sie selbst verbrauchen. Moderne Bürocomputer kommen mit einem Bruchteil des Stroms gegenüber älteren Geräten aus. Auch in der Industrie besteht durch den Einsatz von hocheffizienten Motoren und Beleuchtungssystemen die Möglichkeit viel Energie und Geld einzusparen.
Die Studie "Contribution of Energy Efficiency Measures to Climate Protection within the European Union until 2050" des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung betritt Neuland.
Selten wurde der europäische Energieverbrauch so detailliert aufgeschlüsselt, und zum ersten Mal ist es auch gelungen, diesen Verbrauch präzise über die kommenden Jahrzehnte fortzuschreiben. Vor allem prüft die Studie die unterschiedlichsten Verbrauchersektoren intensiv auf ihre Einsparpotentiale ab.
Das Ergebnis ist erfreulich: Die Chancen und Möglichkeiten einer Politik, die massiv auf Energieeffizienz setzt, sind viel größer als von vielen erwartet. Obwohl Strom im Energiesystem kontinuierlich an Bedeutung gewinnt, halten die Autoren der Studie es technisch für möglich, den Stromverbrauch zu stabilisieren. Mehr noch: Es ist vorstellbar, den Verbrauch an Endenergie um mehr als die Hälfte, den an Primärenergie sogar um mehr als zwei Drittel zu senken.
Über 90 Prozent aller Einsparmaßnahmen könnten sich der Studie zu Folge selbst tragen. Europaweit identifizieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein jährlich steigendes Einsparvolumen. 2050 könnten so in 12 Monaten 500 Mrd. Euro eingespart werden. Diese Zahlen unterstreichen das enorme Potenzial, das die Energieeffizienz uns in Europa bietet.
Hierfür sind allerdings enorme Anstrengungen erforderlich. Dies zeigt auch ein Blick auf unsere bestehenden Zielsetzungen. Um die ehrgeizigen europäischen Ziele zur Energieeffizienz erreichen zu können, sind weitere Schritte erforderlich.
In Deutschland wollen wir dazu beitragen, den Primärenergieverbrauch europaweit bis 2020 um 20% zu senken. Das ist machbar, aber es erfordert konsequente Politik. Hieran arbeiten wir im Bundesumweltministerium. Mit der Mittelstandsinitiative Energiewende und der Stromsparinitiative wollen wir uns gezielt an kleine Unternehmen und private Haushalte wenden, um Energieeffizienzpotenziale zu erschließen und Energiekosten zu sparen. Mit unserer Kommunalen Klimaschutzrichtlinie fördern wir konkrete Klimaschutzmaßnahmen vor Ort.
Auch in Europa müssen die Anstrengungen noch erheblich gesteigert werden. Denn ohne weitere Maßnahmen wird die Europäische Union ihr Ziel bei Weitem verfehlen. Ein wichtiger Schritt ist die jüngst in Brüssel verabschiedete Energieeffizienzrichtlinie mit einem verbindlichen Einsparziel und verpflichtenden Maßnahmen, zum Beispiel im Gebäudebereich, für die Mitgliedstaaten.
Die Fraunhofer Studie zeigt detailliert, dass Energieeffizienz nicht nur ein unverzichtbarer Baustein unserer Klimaschutzpolitik ist. Energieeffizienz bietet gewaltige volks- und betriebswirtschaftliche Chancen. Diese Chancen müssen wir nutzen.
Unsere Unternehmen durch kluge politische Entscheidungen genau dabei zu unterstützen, ist Aufgabe der Politik in der Europäischen Union und in den Mitgliedstaaten.
In diesem Sinne freue ich mich auf eine spannende Diskussion.
Vielen Dank.