- Es gilt das gesprochene Wort -
Anrede
(Lieber Herr Weinzierl, sehr geehrte Frau Ministerin Tack, sehr geehrte Damen und Herren)
(Herrn BM entschuldigen und Grüße ausrichten)
"Zusammenhalt, Verständigung, Miteinanderauskommen: All das geschieht nicht von allein. Dafür muss man etwas tun. Unsere Gesellschaft lebt von denen, die sehen, wo sie gebraucht werden, die nicht dreimal überlegen, ob sie sich einsetzen und Verantwortung übernehmen."
Mit diesen Worten hat Bundespräsident Christian Wulff in seiner Weihnachtsansprache vom vergangenen Jahr in wenigen Worten zusammengefasst, was die Seele unserer Bürgergesellschaft ausmacht: Das ehrenamtliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger in unserem Land.
Keine der großen Herausforderungen, denen wir uns in Politik und Gesellschaft gegenübersehen - sei es der demographische Wandel, die Reform des Bildungswesens oder die Energiewende - wird ohne aktive und engagierte Bürgerinnen und Bürger erfolgreich bewältigt werden können.
Unsere Gesellschaft ist auf ihre freiwilligen und gemeinwohlorientierten Beiträge angewiesen. Das ehrenamtliche, freiwillige Engagement hat heute einen so hohen Stellenwert in Deutschland, dass wir darauf nicht mehr verzichten können. Und mit Blick auf die demografische Entwicklung wird die Bedeutung sogar noch weiter zunehmen.
Mehr als jeder dritte Bundesbürger ab 14 Jahren engagiert sich in Deutschland freiwillig in Verbänden, Initiativen oder Projekten. Die Bereitschaft der Bürger dazu hat in den vergangenen zehn Jahren immer weiter zugenommen.
Insgesamt engagieren sich rund 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Sie setzen ihre Phantasie, ihre Kraft und oft auch eigenes Geld und ihre Zeit für eine lebenswerte Zukunft ein.
Allein die Mitgliedsverbände des DNR leisten im Jahr über 10 Millionen Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Das ist nicht nur eine beeindruckende Zahl, sondern auch ein Wert, der gar nicht groß genug geschätzt und gewürdigt werden kann.
Sie arbeiten für praktischen Naturschutz, sie informieren, klären auf, wecken Bewusstsein für die Notwendigkeit von Ressourcenschonung und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und bieten auch anderen die Möglichkeit, aktiv zu werden.
Mit diesem Engagement für den Umwelt- und Naturschutz nehmen Sie oft auch eine wichtige soziale Funktion wahr: Indem Sie sich mit allen zusammenfinden, die sich engagieren wollen, leisten Sie einen aktiven Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft, zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen.
Sie alle zeigen, wie viel jeder Einzelne beitragen und an Positivem erreichen kann und wie viel Freude und persönliche Genugtuung das birgt - bei aller Arbeit, die natürlich auch regelmäßig nötig ist.
Für diese Arbeit möchte ich Ihnen Allen an dieser Stelle herzlich danken, ganz persönlich, aber auch stellvertretend für die vielen Ehrenamtlichen im DNR.
Staatliches Handeln kann ehrenamtliches Engagement nicht ersetzen. Vielmehr ziehen wir alle an einem Strang - und meistens auch mehr oder weniger in dieselbe Richtung.
Dies gilt insbesondere für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Das gehört zu den ganz großen umweltpolitischen Herausforderungen, die wir nur zusammen bewältigen können.
Das auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002 in Johannesburg vereinbarte Ziel, bis zum Jahr 2010 den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt entscheidend zu verlangsamen, konnte nicht erreicht werden.
Die biologische Vielfalt und damit der Reichtum unserer Erde gehen noch immer in dramatischem Ausmaß zurück.
Erst in der vergangenen Woche wurde erneut wieder über die dramatische Situation in unseren Weltmeeren in verschiedenen Medien, selbst in Boulevardzeitungen, berichtet.
Die Geschwindigkeit, in der dieser Prozess immer noch abläuft, ist beängstigend.
Das nehmen wir nicht nur durch Informationen aus der ganzen Welt wahr. Wir erleben es auch bei unseren Spaziergängen, sehen oft vor der Haustüre, wo es im Argen liegt: in Wald und Feld, auf Wiesen und an Gewässern.
Dies darf uns aber nicht entmutigen, sondern sollte vielmehr ein Ansporn für uns sein, aktiv zu bleiben und nach neuen Wegen zu suchen.
Denn die Krise der Biodiversität ist genau so groß wie die Klimakrise.
Beim Schutz von Natur und biologischer Vielfalt geht es zunächst ganz klar um unsere Verantwortung für die Natur. Und zwar nicht nur für uns, sondern auch für künftige Generationen.
Natur hat einen eigenen Wert und ein eigenes Recht. Aber nicht nur ethische Gründe sind ein Motiv, biologische Vielfalt zu erhalten. Wir sind auch ökonomisch gut beraten, in die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu investieren.
Die biologische Vielfalt ist Basis für vielfältige Dienstleistungen der Natur, die Existenzgrundlage für Mensch und Wirtschaft sind: Denken Sie beispielsweise an Hochwasserrückhaltung, an sauberes Trinkwasser, an Kohlenstoffspeicherung, an natürliche Wälder als Referenzflächen für nachhaltige Forstwirtschaft, an pflanzliche Wirkstoffe für medizinische und kosmetische Anwendung, an die Bestäubungsleistung von Insekten für Wiesen, Weiden, Obst und Gemüse.
Natur ist unser Kapital. Es ist vernünftiger und günstiger, in den Schutz der biologischen Vielfalt zu investieren als die Schäden zu bezahlen, die bei einem verschwenderischen, verbrauchenden Umgang mit der Natur entstehen.
Die von Deutschland initiierte Studie "The Economics of Ecosystem Services and Biodiversity" (TEEB-Studie) hat hier auf internationaler Ebene bahnbrechend gewirkt.
Wir wollen ihre Grundgedanken jetzt in Deutschland mit dem Projekt Naturkapital anwenden. Es geht um die Umsetzung der Empfehlungen der internationalen TEEB-Studie in Deutschland: Letztlich geht es darum, Unterstützung und Akzeptanz für den Naturschutz in Deutschland zu stärken, indem die grundlegende Bedeutung der Natur für die Gesellschaft und unser Leben verdeutlicht wird.
Schließlich geht es in der Naturschutzpolitik auch darum, die Identifikation der Menschen mit den Naturschätzen ihrer Region und die Kooperation unterschiedlicher Akteure zu stärken. Es geht darum, Regionen in ihrer regionaltypischen Eigenart zu unterstützen - letztlich das, was man "Heimat" nennt.
Auf der 10. UN-Konferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt im japanischen Nagoya im letzten Jahr hat die Weltgemeinschaft die Richtung der internationalen Politik zum Schutz der biologischen Vielfalt in einem neuen strategischen Plan für die nächsten 10 Jahre vorgegeben.
Das neue übergeordnete Ziel besteht darin, bis 2020 den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt zu stoppen. Ein sehr ambitioniertes, aber auch notwendiges Ziel.
Zur Umsetzung dieses Ziels wurden 20 konkrete Unterziele und Zwischenziele festgelegt, die es bis 2020 und zum Teil sogar schon bis 2015 zu erreichen gilt.
Ein ehrgeiziger Plan zur Mobilisierung der erforderlichen finanziellen Mittel soll die Umsetzung begleiten.
Die Vereinten Nationen haben im Dezember 2010 für die Jahre von 2011 bis 2020 die UN-Dekade zur biologischen Vielfalt ausgerufen.
Damit wird die zentrale Bedeutung, die der Erhaltung der biologischen Vielfalt für eine nachhaltige Entwicklung zukommt, noch unterstrichen.
Die UN bekräftigen dadurch nicht nur die ökologische Bedeutung, sondern auch die vielfältigen sozialen, ökonomischen, kulturellen und ästhetischen Werte der Biodiversität sowie ihre Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung.
Die UN-Dekade soll dazu beitragen, globale Biodiversitätsziele umzusetzen.
National sind wir mit der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, die 2007 vom Kabinett beschlossen wurde, bereits gut aufgestellt.
Unsere Nationale Strategie ist eine umfassende und sehr anspruchsvolle Strategie, die auch international viel Anerkennung erfahren hat, weil sie zukunftsorientierte Visionen und konkrete Ziele für alle biodiversitätsrelevanten Bereiche enthält.
Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt enthält rund 330 konkrete und oft quantifizierte Ziele mit einem Zeithorizont bis 2020 - sie liegt damit synchron zu dem internationalen neuen strategischen Plan der Convention on Biological Diversity, kurz CBD - und deckt übrigens auch genau die Zeitspanne der UN-Dekade zur biologischen Vielfalt ab.
Die Ziele setzen an sowohl bei dem Schutz von Arten und Lebensräumen als auch bei dem Schutz der genetischen Vielfalt von wildlebenden und domestizierten Arten.
So sollen nach der Nationalen Strategie beispielsweise• bis 2020 für den größten Teil der Rote-Liste-Arten die Gefährdungssituation um eine Stufe verbessert haben. Spezielle Zielsetzungen gelten u.a. der weiteren Entwicklung von Wäldern, Flüssen, Auen und Mooren. • In Deutschland soll es wieder Wildnisgebiete geben, in denen sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln kann. Bis zum Jahr 2020 soll dies auf mindestens 2 Prozent der Landesfläche möglich sein. • Gleichzeitig soll aber auch die biologische Vielfalt in den Kulturlandschaften, die prägend für Deutschland sind, bis 2020 gesteigert und die Vielfalt, Schönheit und regionaltypische Eigenart dieser Landschaften bewahrt werden.Außer dem Schutzgedanken greift die Nationale Strategie die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt auf. Neben Zielen zum naturverträglichen Wirtschaften, zur Vorbildfunktion des Staates und zur Bodennutzung allgemein sind für wichtige Flächennutzungen spezielle Ziele formuliert: Landwirtschaft, Rohstoffabbau und Energiegewinnung, Siedlung und Verkehr sowie Erholung und Tourismus.
Weitere Ziele befassen sich mit stofflichen Einträgen, dem Klimawandel, den genetischen Ressourcen und dem gesellschaftlichen Bewusstsein.
Die Verwirklichung der Ziele und Umsetzung der Maßnahmen der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt sind von der Bundesregierung oder dem Bundesumweltministerium allein nicht zu erreichen. Wir brauchen die Beteiligung der Länder, Städte und Kommunen, der Schutz- und Nutzerverbände, von Wirtschaft und Industrie. Und wir brauchen die Unterstützung von Ihnen, den Umwelt- und Naturschutzverbänden. Wir hoffen und setzen dabei auch auf die vielen ehrenamtlichen Naturschützer.
Kurz: Alle müssen mitmachen, denn es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung.
Das Bundesumweltministerium hat deshalb bereits im Dezember 2007 einen umfangreichen Dialogprozess zur Einbeziehung der gesellschaftlichen Gruppen in die Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt gestartet.
Bisher wurden 3 Nationale Foren, 7 regionale Foren und rund 20 Dialogforen mit spezifischen Akteursgruppen durchgeführt.
Die Länder Bayern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und das Saarland haben bereits eigene Biodiversitätsstrategien aufgestellt und andere Länder sind dabei, dies ebenfalls zu tun.
Auf kommunaler Ebene führte ein Dialogforum zu der Deklaration für biologische Vielfalt in Kommunen, die mittlerweile von rund 190 Städten und Gemeinden unterzeichnet wurde. Ich würde mich freuen, wenn hier weitere Unterzeichner hinzukommen.
Mit Leben gefüllt wird die Nationale Strategie für biologische Vielfalt durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt, das wir im Dialog mit vielen Akteuren entwickelt haben.
Die Förderschwerpunkte "Arten in besonderer Verantwortung Deutschlands", "Hotspots der biologischen Vielfalt" und "Ökosystemdienstleistungen" wurden im Vorfeld intensiv mit allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen diskutiert und sind dort auf breite Zustimmung gestoßen.
Viele von Ihnen waren an diesen Dialogen beteiligt und haben sie durch ihre Beiträge bereichert.
Dass es uns gelungen ist, in Zeiten, in denen Einsparungen an der Tagesordnung sind und Fördertitel normalerweise gekürzt werden, das Bundesprogramm biologische Vielfalt als dauerhaftes Förderprogramm mit einem Mittelansatz von 15 Millionen Euro jährlich ins Leben zu rufen, ist ein großer Erfolg für den Naturschutz.
Übrigens wird das Bundesprogramm nicht zu Lasten der sonstigen Fördermöglichkeiten im Naturschutz geht.
So besteht insbesondere auch das erfolgreiche Förderprogramm chance.natur weiter, mit dem seit 1979 insgesamt 76 gesamtstaatlich repräsentative Naturschutzgroßprojekte mit einer Gesamtfläche von rund 3.500 Quadratkilometern vom Bund unterstützt wurden.
Neben der Nationalen Strategie und dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt verfolgen wir weitere Ansätze zur Erhaltung der biologischen Vielfalt mit Nachdruck.
So hat die unionsgeführte Bundesregierung bereits in der vergangenen Legislaturperiode vereinbart, gesamtstaatlich repräsentative Naturschutzflächen des Bundes als Nationales Naturerbe unentgeltlich in eine Bundesstiftung einzubringen oder an die Länder, Verbände und sonstige Stiftungen zu übertragen.
Dafür wurden 125.000 Hektar festgelegt. Eine Größenordnung von zwölf Nationalparken nationalen Zuschnitts.
Die Flächenübertragungen der 1. Tranche mit rund 100.000 Hektar sind weitgehend abgeschlossen. Die Arbeiten zur Sicherung der 2. Tranche mit 25.000 Hektar wurden zügig aufgenommen.
Mit dem Nationalen Naturerbe ist es uns gelungen einen "Naturschatz" in Deutschland zu schaffen, der einmalig ist und dessen immenser Wert immer deutlicher wird. Eine zentrale Weichenstellung für den Naturschutz in unserem Land.
Alle Maßnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt werden nur dann Erfolg haben, wenn es uns gelingt, die Bedeutung biologischer Vielfalt noch besser als bisher zu kommunizieren.
Dies gilt auch für das Bundesprogramm Biologische Vielfalt.
Information und Kommunikation muss hier bei allen Vorhaben eine zentrale Rolle spielen.
Nur wenn wir die Menschen von der Notwendigkeit der Erhaltung der biologischen Vielfalt überzeugen, wenn wir ihren Verstand, aber auch ihr Herz ansprechen, wenn wir sie für Natur so begeistern, dass sie Naturschutz von sich aus wollen, wenn wir sie aktiv in die Projekte einbinden und zum Mitmachen bewegen, werden wir Erfolg haben.
Niemand kann diese Aufgabe besser erfüllen als Sie, die vielen ehrenamtlichen Naturschützer "vor Ort". Noch einmal herzlichen Dank für Ihren Einsatz und Ihr Engagement.
Lassen Sie uns gemeinsam an dieser großen Herausforderung arbeiten. Ich wünsche uns viel Erfolg!
Vielen Dank.