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Stand: Februar 2012

"Wachstum neu denken – Der Aufbruch in ein neues Energiezeitalter"

Dr. Norbert Röttgen

Wir leben heute in einer Zeitenwende, die ohne Zweifel historisch ist. Kern dieser Zeitenwende ist ein Prozess der "Entgrenzung", den wir seit rund einem Jahrzehnt in fast allen Lebensbereichen mit wachsender Geschwindigkeit und Dramatik erleben: Unsere mediale Kommunikation ist durch das Internet innerhalb nur eines Jahrzehnts geradezu revolutioniert worden: Wir kommunizieren in Echtzeit rund um den Globus, jeder ist im Web 2.0 überall zu Hause.

Nicht zuletzt diese Kommunikationsrevolution hat zur überschäumenden Dynamik und Unkontrollierbarkeit der Finanzmärkte geführt. Die Gewichte der Weltwirtschaft beginnen sich durch den Aufstieg großer Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien zu verschieben. Sicherheitspolitisch sind wir mit einem inzwischen buchstäblich grenzenlosen Terrorismus konfrontiert. Ein weiteres Phänomen der Entgrenzungsdynamik ist der Klimawandel, der in den letzten zehn Jahren zu der beherrschenden umwelt- und geopolitischen Herausforderung der Weltgemeinschaft geworden ist. Kurzum: Ein vielschichtiger Prozess der Entgrenzung hat die alte Weltordnung aufgelöst.

Das Paradox der Moderne

Dieser Prozess hat ein merkwürdiges Paradox der Moderne verstärkt und besonders stark sichtbar gemacht: Dass ein kurzfristig orientiertes Profitstreben und Hinterherjagen hinter kurzfristigen Vorteilen den Erfolg langfristiger Ziele und dauerhafter Stabilität gefährdet. Das erleben wir in Gestalt einer hemmungslosen Verschuldungspolitik vieler Staaten ebenso wie in Form einer von Gier getriebenen Jagd nach immer höheren Renditen, die zu einer Finanzkrise ungeahnten Ausmaßes geführt hat.

Diese Kurzfristigkeit des Denk- und Gestaltungshorizonts spiegelt aber auch ein Verständnis von Wachstum, das jahrzehntelang mit hohen Risiken und auf Kosten unserer natürlichen Lebensgrundlagen erkauft war. Das Wachstum der Vergangenheit beruhte seit der Industrialisierung auf dem Verbrauch von Energie, von natürlichen und endlichen Ressourcen. Je mehr verbraucht wurde, umso mehr Wohlstand gab es. Das war die einfache Logik. Seit mehr als zwanzig Jahren steht allerdings fest, dass wir mehr verbrauchen, als der Planet regenerieren kann. Das liegt vor allem am weltweiten Bevölkerungswachstum.

Heute haben wir schon eine Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen, bis 2050 werden es 9 Milliarden sein – Menschen, die alle den Anspruch auf Wohlstand, Bildung und Gesundheit wie in den hochentwickelten Gesellschaften haben. Mit einem "Weiter so" des alten, auf kurzfristige Profite hin orientierten Wachstumspfads steuern wir angesichts dieser Dynamik auf die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen zu: Wenn die Erderwärmung ungebremst fortschreitet und auf vier, fünf oder sechs Grad steigt, dann wird das Leben auf der Erde, wie wir es heute kennen, nicht mehr möglich sein. Zunehmende Versteppung, anhaltende Dürren, wiederkehrende Naturkatastrophen, das Abschmelzen der Gletscher, kurzum: die Zerstörung unserer Lebensräume, wären die Folge – und damit eine Welt großer Konflikte und Kriege um immer knappere Ressourcen, eine Welt voller Instabilität und Unordnung.

Die Lebensbedingungen der nächsten Generationen zum Maßstab der Entscheidungen heute machen

So muss es nicht kommen, so darf es nicht kommen. Wir können eine stabilere, eine menschlichere, eine sicherere Ordnung schaffen, wenn wir unser Denken und Handeln langfristiger orientieren, wenn wir lernen, politisch nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten zu denken. Für die Entscheidungen, die wir heute treffen, müssen wir die Lebensbedingungen und Lebensperspektiven der nächsten Generation zum aktuellen politischen Entscheidungsmaßstab machen.

Dass die heutigen Wähler und die Parteien von heute die Lebensperspektiven und Lebensgrundlagen von künftigen Wählern zum Maßstab machen, ist alles andere als selbstverständlich. Es ist überaus anspruchsvoll und darin Ausdruck von demokratischer Reife. Aus dieser Perspektive der Verantwortung gegenüber den folgenden Generationen heute Politik zu machen, ist die vielleicht größte demokratische Anstrengung unserer Zeit. Aber sie ist zwingend notwendig. Denn gerade das Phänomen des Klimawandels zeigt: Wir müssen jetzt die strukturellen Weichen für die Zukunft stellen. Wir müssen heute antizipierend Entscheidungen über Entwicklungen treffen, die teilweise erst in Jahrzehnten eintreten werden, aber durch Entscheidungen heute beeinflusst werden.

Egal, wie wir uns entscheiden: Das Verhalten von heute hat irreversible Konsequenzen für die nächsten Jahrzehnte. Insbesondere in den Industrieländern müssen wir Fortschritt so gestalten, dass künftige Generationen weltweit nicht nur ausreichend mit Energie und Ressourcen versorgt werden, sondern dass für sie Spielräume zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gestaltung bestehen bleiben. Heute geht es darum, die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung umzusetzen. Diese Prinzipien sind Generationengerechtigkeit, mehr Lebensqualität, internationale Verantwortung und sozialer Zusammenhalt. Das müssen wir anpacken – mit Hilfe neuen Wissens, neuer Technologien und nicht zuletzt mit Hilfe neuer Kooperationen.

Nachhaltiges Wachstum durch technologischen Fortschritt

Im Mittelpunkt muss dabei eine Politik für Wachstum und Fortschritt stehen. Verzicht auf Wachstum ist nicht die Lösung der Probleme des (post-) industriellen Zeitalters. Das Grundprinzip der Moderne ist und bleibt Wachstum. Nur mit Wachstum bleiben wir zukunftsfähig. Nur so bleibt unsere Gesellschaft solidarisch, denn es kann nur das verteilt werden, was auch erwirtschaftet worden ist. Allerdings kommt es auf eine neue Art des Wachstums an, auf ein Wachstum, das sich vom Verbrauch endlicher natürlicher Ressourcen entkoppelt. Die große Chance liegt darin, von einer Ressourcen verbrauchenden zu einer Ressourcen schonenden Wirtschafts- und Lebensweise zu gelangen.

Aber – und das ist entscheidend – das geht nicht mit weniger, sondern nur mit mehr technologischem und wirtschaftlichem Fortschritt. Mehr Lebensqualität für eine wachsende Weltbevölkerung werden wir nur mit technologischen Innovationen erreichen. Ressourcenverbrauch wird nicht durch Verzicht, sondern im Kern durch Entwicklung ressourcenschonender Technologien reduziert. Das Rad der Zivilisation zurückdrehen zu wollen, ist aussichtslos. Für eine Politik des Verzichts auf Wachstum gibt es nicht nur keine politischen Mehrheiten, sondern sie bietet auch keine Perspektive für eine stabile und humane Weltordnung. Es geht also darum, das Rad der Zivilisation durch die Entwicklung ressourcenschonender Technologien nach vorne zu drehen.

Es gibt keinen Grund, verzagt in die Zukunft zu schauen. Noch nie zuvor hat es eine solche technologische Innovationsdynamik für ein neues Zeitalter nachhaltiger Energien und Produkte gegeben: "Fliegende Kraftwerke sollen Windenergie ernten", "Fenster verwandeln sich in Kraftwerke", "Dehnbare Solarzellen schaffen eine neue Superhaut", "Erster Solar-Wäschetrockner der Welt", "Bakterien produzieren Kunststoff", "Enzyme verwandeln Abfall in Rohstoffe", "Strom auf dem Balkon selbst erzeugen", "Hochhäuser werden zu Gewächshäusern" – das sind nur einige Überschriften von Nachrichten aus der Zukunft, wie wir sie heute fast täglich wahrnehmen, wenn wir die Medien aufmerksam verfolgen. Sie beschreiben faszinierende Innovationen, die wie Science Fiction wirken und doch heute schon erforscht oder sogar in neue Verfahren und Produkte umgesetzt werden. Ich bin überzeugt: Die Propheten des Untergangs werden nicht Recht behalten.

Aber eines ist auch gewiss: Ein Selbstläufer ist der Fortschritt nicht. Wir müssen alles dafür tun, die Chancen, die sich heute sowohl wirtschaftlich als auch technologisch und kulturell ergeben, auch wirklich zu ergreifen. Die Wohlstandsfrage des 21. Jahrhunderts wird darin liegen, wer es am intelligentesten schafft, mit immer weniger Einsatz von knappen, teuren Ressourcen, von knapper, teurer Energie zu produzieren. Darum entstehen mit den Energie- und Umwelttechnologien die Märkte der Zukunft. Das Weltmarktvolumen für Umwelt- und Energietechnologien umfasst heute schon rund 2 Billionen Euro. Es wird sich allein in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Diejenigen, die sie anbieten, werden die Exportweltmeister der Zukunft sein. Diejenigen, die darin investieren, werden die Technologieführer der Zukunft sein. Diejenigen, die diese Märkte am stärksten nutzen, werden Wachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand für ihre Kinder und Enkel schaffen und sichern.

Deutschland hat im internationalen Wettbewerb eine sehr gute Ausgangsposition: Wir haben mit rund 15 Prozent den relativ größten Weltmarktanteil an Umwelttechnologien und sind Exportweltmeister bei Umweltschutzgütern. Wir sind hier besonders innovativ: 23 Prozent aller vom Europäischen Patentamt erteilten Patente im Umwelt- und Energiesektor entfallen auf deutsche Unternehmen. Und die Umweltwirtschaft ist ein Jobmotor: Inzwischen sind rund 2 Millionen Arbeitsplätze in diesen Branchen entstanden (das sind knapp 5 Prozent aller Beschäftigten), davon allein 370.000 im Bereich der erneuerbaren Energien. Schätzungen rechnen bis 2020 für grüne Dienstleistungen mit rund 800.000 und bei der Energieeffizienz mit ca. 500.000 neuen Arbeitsplätzen.

Deutschland hat also die besten Chancen, zum Vorreiter auf diesem Wachstumsmarkt zu werden. Wir müssen sowohl wirtschaftlich wie politisch alles dafür tun, dass es diese Chance auch wahrnimmt und nicht verspielt. Und wir müssen diese Chance heute nutzen, nicht erst in einigen Jahren. Jetzt werden die Karten neu gemischt, jetzt entscheidet sich, wer morgen vorangeht oder hinterherläuft. Und ich will, dass Deutschland vorangeht. Als führendes Industrieland haben wir dafür die besten Voraussetzungen.

Aufbruch in ein neues Energiezeitalter

Der Kern einer wachstumsorientierten Generationenpolitik ist der Aufbruch in ein neues Energiezeitalter. Denn die Energiefrage war immer der Kern wirtschaftlicher und industrieller Entwicklung. Das wird auch in Zukunft so sein. Mit dem Energiekonzept hat die Bundesregierung 2010 zum ersten Mal eine umfassende und langfristig orientierte Strategie für den Aufbruch in ein neues Energiezeitalter der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz vorgelegt. Ihre Ziele sind so ehrgeizig wie notwendig: Wir wollen 40 Prozent der Treibhausgasemissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 einsparen, bis 2020 den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung von heute 20 Prozent auf mindestens 35 Prozent zu steigern und den Primärenergieverbrauch bis 2050 zu halbieren.

Wie dringlich dieser Aufbruch ist, hat uns die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima vor knapp einem Jahr in eindrücklicher Weise vor Augen geführt. Sie ist ein Menetekel dafür, dass selbst das scheinbar geringste Restrisiko doch zum größten anzunehmenden Unfall und damit zu unabsehbaren Folgen für uns und die nach uns kommenden Generationen führen kann. Es ist damit zum Menetekel für das Ende des industriellen und atomaren Energiezeitalters geworden.

Mit dem im Juni 2011 vom Deutschen Bundestag beschlossenen Gesetzespaket zur Energiewende hat die Politik daraus die Konsequenzen gezogen. Es verbindet den erstmals zeitlich klar festgelegten Ausstieg aus der wirtschaftlichen Nutzung der Atomenergie mit einem strategisch umfassenden Konzept für den Einstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Diese Verbindung hat es so in Deutschland noch nicht gegeben. Sie schafft zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in dieser politischen und wirtschaftlichen Kernfrage einen politischen Konsens – einen Konsens, der tragfähig und dauerhaft ist und die Gesellschaft nicht länger spaltet. Er eröffnet auch die Chance, über das Verfahren zur ergebnisoffenen Suche eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle ebenfalls einen Konsens zu erzielen. Seitdem arbeiten wir Schritt für Schritt daran, die beschlossenen Maßnahmen umzusetzen.

Die Energieversorgung der Zukunft

Die Energiewende bedeutet eine grundlegende Transformation hin zu einer völlig neuen Struktur der Energieversorgung. Das heißt erstens: Die erneuerbaren Energien werden stetig zum Hauptpfeiler der Energieversorgung ausgebaut. Bis 2050 soll ihr Anteil an der Stromversorgung mindestens bei 80 Prozent liegen. Das ist realistisch, wenn wir die Dynamik beibehalten, mit der wir es geschafft haben, ihren Anteil innerhalb der letzten zehn Jahre auf heute gut 20 Prozent zu verdreifachen.

Damit geht zweitens einher, dass die Energieversorgung dezentraler wird, denn Photovoltaik, Windenergie an Land und Biomasse kommen aus den verschiedensten Quellen. Das schafft z.B. neue Chancen für Energiegenossenschaften, die sich kommunal gründen oder auch für energieautarke und regenerativ sich versorgende Städte.

Die Energieversorgung wird damit drittens auch mittelständischer strukturiert sein. Wir werden als großes Industrieland weiterhin das Engagement großer Energieversorgungsunternehmen brauchen, aber es werden sich auch viel mehr Mittelständler dort engagieren.

Die Energieversorgung wird viertens technologisch anspruchsvoller werden. Das betrifft nicht nur die konventionellen Technologien, die fossile Energieversorgung und die nukleare Energieversorgung. Es wird vielmehr ein permanenter technologischer Lernprozess und Innovationsprozess in unserem Land starten.

Ein fünfter Punkt ist, dass die Energieversorgung sehr viel stärker durch die Verbraucher gesteuert werden wird, weil sie nicht mehr nur passive Abnehmer sein werden. Der Verbraucher wird in Zukunft mit intelligenten Zählern und intelligenten Leitungen selber bestimmen, wann er welchen Strom zu welchem Preis beziehen will. Wenn zum Beispiel Aluminiumhütten oder Kühlhäuser dann intensiv produzieren, wenn der Strom von den Anbietern preiswerter bereitgestellt wird, können Angebot und Nachfrage flexibler aufeinander abgestimmt werden. So können einerseits die Energiepreise stabil gehalten werden und zugleich wird die Autonomie des Verbrauchers erheblich gestärkt.

Und sechstens: Wir werden unsere Energie stärker im eigenen Land produzieren. Das ist nicht zuletzt ein Gebot industriepolitischer Sicherheit. Denn die deutsche Wirtschaft ist im internationalen Vergleich in ihrer Produktion überdurchschnittlich abhängig von Energieimporten und damit besonders verwundbar bei steigenden Öl- und Gaspreisen. Wir müssen und wir werden also die Abhängigkeit vom Import und damit auch von (geo-)politischen Abhängigkeiten, aber auch die Volatilität der Preise reduzieren. Durch Energieeffizienz und den Ausbau der erneuerbaren Energien können wir die Abhängigkeit von Energieimporten um immerhin 7 Mrd. Euro jährlich vermindern. Wir werden darum den Energieimport aus dem Ausland durch eine Wertschöpfung in Deutschland ersetzen.

Es geht also um nichts weniger als eine grundlegend veränderte Energiestruktur: Mit den Erneuerbaren als Hauptquelle, mit dezentraleren Betreiberstrukturen, mit mehr Markt und Wettbewerb, mit intelligenten Netzen und Speichertechnologien und einem echten europäischen Stromnetz, um Strom aus erneuerbaren Energiequellen innerhalb Europas reibungslos transportieren zu können.

In der Verbindung all dieser Elemente liegt das Revolutionäre der Energiewende. Das langfristige Ziel muss sein, dass Energieverbraucher wie Privathäuser, Fabriken und Fahrzeuge zugleich zu Energieerzeugern werden – und das miteinander verbunden in einem dezentralen und zugleich länderübergreifenden "Energie-Internet". Die Verbindung der Energiewende mit der "digitalen Revolution" ist der Schlüssel zu einer effizienten Infrastruktur aus intelligenten Netzen, Speichertechnologien und Verbrauchern, die zugleich Erzeuger sind.

Mit mehr Markt und Wettbewerb zu einer Infrastruktur regenerativer Energien

Diese Ziele sind keine Utopie. Wenn wir im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft ordnungspolitisch die richtigen Weichen stellen, dann werden wir auf diesem Weg erfolgreich sein. Das heißt, die erneuerbaren Energien dynamisch auszubauen und dort zu fördern, wo sie besonders aussichtsreich sind – in Deutschland ist das insbesondere die Windenergie. Es heißt aber auch, die Förderung der Erneuerbaren zu vereinfachen, ihre Kosteneffizienz zu belohnen und sie vor allem stärker in den Markt zu integrieren.

Der Erfolg des EEG ist also daran zu messen, dass es sich durch eine volle Integration der erneuerbaren Energien in den Markt selbst abschafft. Ein gutes Beispiel ist die Förderung des Solarstroms. Mit dem so genannten "atmenden Deckel" sinkt bei wachsendem Zubau automatisch und kontinuierlich die Vergütung. Und die Kostenbremse greift. Gegenüber 2008 wurden die Vergütungssätze für Photovoltaik nahezu halbiert. Trotz einem hohen Ausbautempo der erneuerbaren Energien bleibt damit auch die EEG-Umlage, die alle Stromkunden für den Ausbau der erneuerbaren Energien zahlen, nahezu stabil.

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg hin zu mehr Markt und weniger Kosten ist, nicht mehr nur Prämien und Vergütungssätze für die Produktion zu bezahlen, sondern auch einen Anreiz zu geben, sich nach der Nachfrage zu richten. Die Marktprämie hat sich als Instrument auf diesem Weg bewährt. Mit ihr können Anbieter durch marktorientiertes Verhalten überdurchschnittliche Preise am Markt erzielt werden. Denn im Gegensatz zur starren Einspeisevergütung des EEG ist die optionale Marktprämie nicht kostendeckend. Aber weil der Strom von den Anlagenbetreibern direkt vermarktet wird, kommen die Markterlöse hinzu, so dass ein Umsatzplus erreicht werden kann – wenn, und das ist eben der Anreiz – die Einspeisung marktgerecht erfolgt. Beispielsweise kann eine Biogasanlage den produzierten Strom durch entsprechende Speichermöglichkeiten in geringerem Umfang in den Markt einspeisen, wenn der Börsenpreis niedrig ist und umgekehrt dann mehr produzieren und einspeisen, wenn er wieder höher liegt.

Die große Herausforderung liegt darin, alle Elemente der Energiewende im Sinne eines Masterplans koordiniert in Angriff zu nehmen und gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen umzusetzen. Diese Aufgabe ist nicht zu unterschätzen. Wir müssen unsere Infrastruktur grundlegend modernisieren. Wir brauchen mehr Leitungen. Strom muss mit innovativen Technologien über weite Strecken ohne große Verluste transportiert werden können. Dazu müssen die Nord-Süd-Trassen ausgebaut und verbessert werden. Wir brauchen ein deutsches Overlay-Netz, das zukünftig Strom aus Offshore-Windparks im Norden in die Verbrauchszentren in der Mitte und im Süden Deutschlands transportiert. Und es kommt auch darauf an, den deutschen Strommarkt in den europäischen Verbund zu integrieren. All das planen wir mit einem "Zielnetz 2050". Wahr ist allerdings auch, dass es ganz ohne fossile Energieträger nicht gehen wird, um die volatile Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien auszugleichen. Gas ist dabei aus Klimaschutzgründen weitaus besser als Kohle geeignet. Deshalb werden wir zunächst in den industriellen Stromnachfragezentren hocheffiziente, hochflexible Gas- und Dampfturbinenkraftwerke bauen, deren Investitionskosten im Vergleich zu anderen Kraftwerken sehr gering sind. Ihre Planungs- und Bauzeiträume sind überdies mit vier bis fünf Jahren sehr überschaubar. Sie sind überdies sehr effizient und werden direkt dort errichtet, wo die Nachfrage ist. Gaskraftwerke, die in Minutenschnelle hoch und runter gefahren werden können, bilden damit den komplementären Kraftwerkspark zu der volatilen Stromeinspeisung durch die Erneuerbare-Energie-Anlagen.

Ohne eine massive Steigerung der Energieeffizienz geht es nicht

Aber es geht nicht nur um die Strukturen der Energieerzeugung und -versorgung. Die Energiewende läuft auf zwei Beinen. Und das andere Bein ist die Energienutzung, die Frage der Energieeffizienz. Hier müssen wir entscheidend besser werden, denn die intelligenteste Art des Umgangs mit Energie ist die, möglichst wenig davon zu benötigen und sie so sparsam und effizient wie möglich einzusetzen.

Und wir müssen uns vergegenwärtigen, dass das eine Aufgabe ist, die jeden unmittelbar in seinem Alltag betrifft: 40 Prozent des Energiebedarfs entfallen allein auf unsere Gebäude, die immer noch zu viel Energie verschwenden. Allerdings eröffnet gerade die Sanierung unserer Wohnungen und Häuser auch besonders große wirtschaftliche Wachstumschancen. Hier liegt das vielleicht größte Konjunkturprogramm für unseren Mittelstand und unser Handwerk. Deshalb setzt die Bundesregierung erhebliche finanzielle Anreize für die Gebäudesanierung – denn jeder staatlich investierte Euro erzeugt Investitionen mit dem Faktor 8.

Mehr Energieeffizienz heißt aber auch, den Endenergieverbrauch des Verkehrs bis 2020 um 10% und bis 2050 um rund 40% zu senken: 6 Millionen Elektrofahrzeuge sollen 2030 auf Deutschlands Straßen fahren - gespeist mit Strom aus Sonne, Wind, Biomasse und Wasser durch Batterien, die zugleich zur Speicherung erneuerbaren Stroms dienen.

Das Ziel muss sein, Deutschland zu einer der effizientesten Volkswirtschaften der Welt zu machen. Dafür brauchen wir nicht nur finanzielle Anreize, sondern auch hohe und verbindliche Effizienzstandards. Der starke innovative Impuls solcher Standards ist unbestreitbar: Dass die USA heute technologisch bei Fahrzeugen, Kraftwerken und Haushaltsgeräten hinter Deutschland rangieren, liegt wesentlich daran, dass diese Effizienzstandards dort fehlen. Deshalb brauchen wir anspruchsvolle Energieeffizienzrichtlinien wie die aktuelle Richtlinie der EU-Kommission, gerade weil wir nicht nur energieeffizienter werden, sondern auch unsere Innovationsfähigkeit und Technologieführerschaft behaupten wollen.

Viele werden sich nun fragen: Ist das nicht alles viel zu ambitioniert und vor allem viel zu teuer? Belasten wir damit nicht unsere Kinder und Enkel mehr, als dass wir ihnen damit nützen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Wir könnten natürlich so weiter machen. Wir könnten auf Investitionen verzichten. Aber wer heute den Investitionsaufwand dafür scheut, der mag die nächsten 5 oder 10 Jahre Kosten sparen, aber er wird in den nächsten 10, 20 oder 30 Jahren nicht mehr zum Gewinner des Wettbewerbes um Wohlstand und Wachstum zählen. Deshalb dürfen wir die zweifelsohne hohen Aufwendungen für die Energiewende nicht nur als volkswirtschaftliche Kosten sehen, sondern müssen sie als langfristige Investitionen in Wachstum begreifen. Auch das ist ein entscheidender Aspekt von Generationenpolitik.

Ressourcen- und Rohstoffeffizienz werden über die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen entscheiden

Wie wichtig eine langfristigere Entscheidungsperspektive gerade in der Wirtschaft ist, zeigt sich besonders deutlich an einem weiteren Aspekt des Wandels zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise: Fast alle Experten sind sich heute darin einig, dass die Material- und Ressourceneffizienz in Zukunft für Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen entscheidend sein wird.

Insgesamt werden in Deutschland jährlich Materialien im Wert von rund einer halben Billion Euro verarbeitet. Dabei haben wir im deutschen produzierenden Gewerbe einen durchschnittlichen Materialkostenanteil von ca. 45 Prozent – bei einem Kostenanteil für Löhne von ca. 18 %. Und der Kampf um unsere natürlichen Rohstoffe und Ressourcen wird immer härter. 2010 sind bei uns die Rohstoffpreise in Deutschland um 40 Prozent gestiegen. 2011 war das teuerste Öljahr in der Geschichte. Und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass die Preise angesichts weltweit steigender Nachfrage wieder sinken werden. Aber es geht nicht nur um Preise, es geht vor allem um Verfügbarkeit. Wir wollen Industrieland bleiben. Wir brauchen dringend Mengenmetalle wie Eisen, Stahl, Aluminium oder Kupfer. High-Tech-Produkte erfordern Technologie- und Edelmetalle wie seltene Erden, Indium, Lithium, Tantal oder Gold. Aber wir erleben Versorgungsengpässe, auch durch Exportbeschränkungen, etwa bei seltenen Erden.

Deutschland ist als rohstoffarmes Land durch seine Importabhängigkeit verwundbar. Ein intelligenter Umgang mit dem Rohstoffbedarf in der Produktion und ein intelligenter Einsatz von Rohstoffen aus dem Recycling werden damit zu einer Kernfrage für wirtschaftliche Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. So enthält beispielsweise eine Tonne Handyschrott 60-mal mehr Gold als eine Tonne Golderz. Oder wenn wir beispielsweise recyceltes Kupfer statt neu abgebautem Kupfer nutzen, sparen wir 50 Prozent Energie, 100 Prozent Schwefelsäure und 50 Prozent Schlacke ein. Die Deutsche Materialeffizienzagentur geht davon aus, dass Unternehmen durch effizientere Verfahren und Abläufe ca. 20 Prozent an Materialkosten einsparen könnten. Und: Die nötigen Investitionen amortisieren sich in aller Regel über sehr kurze Zeiträume von 6 Monaten bis 2 Jahren.

Die Rohstoffquelle unseres Landes ist unser Technologievorsprung. Damit haben wir schon viel erreicht, worauf wir stolz sein können. In den letzten zwanzig Jahren ist die Rohstoffproduktivität der deutschen Wirtschaft um beeindruckende rund 47 Prozent gestiegen! Und nach Erhebungen der Statistiker ging der Rohstoffverbrauch zwischen 2000 und 2010 sogar um rund 11 Prozent zurück. Auf diesen Leistungen können wir aufbauen.

Um dies zu unterstützen, wird die Bundesregierung ein nationales Ressourceneffizienzprogramm verabschieden, das die Wirtschaft auf dem Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft unterstützt – für jeden Schritt in der Wertschöpfungskette. Es gibt bisher kaum ein Land, das ein solch umfassendes nationales Programm zur Ressourceneffizienz entwickelt hat.

Deutschland ist international Vorreiter auf dem Weg zu einer "Green Economy"

Deutschland zeigt damit, dass wir Vorreiter sein wollen auf dem Weg zu einer Wirtschaft, die aus ökonomischen wie ökologischen Gründen Emissionen reduziert, Stoffkreisläufe schließt und konsequent auf Effizienz und Erneuerbare Energien setzt. In den Investitionen in mehr Ressourceneffizienz, in die erneuerbaren Energien, in "intelligente" und länderübergreifende Netze, in mehr Energieeffizienz in unseren Gebäuden und in neue Formen ressourcenschonender Mobilität liegt die größte Modernisierungschance unserer Wirtschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das Know-How dafür ist da, um diesen neuen Wachstumszyklus anzuführen und diese führende Stellung gegenüber mächtigen Konkurrenten wie China zu behaupten.

Eine der größten Gefahren der Finanzkrise liegt darin, dass zu wenig Kapital für die notwendigen Investitionen bereitgestellt wird. Hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben für die Banken, die gerade kleineren und mittleren Unternehmen mehr Wagniskapital zur Verfügung stellen müssen. Wir brauchen sie, damit neues Wachstum entsteht und damit eine wesentliche Ursache der Krise bekämpft werden kann.

Meine Vision für die nächsten zwei Jahrzehnte ist: 2030 sind neue Leitmärkte für Umwelt- und Effizienztechnologien entstanden und klassische Wirtschaftszweige durch Umweltinnovationen transformiert worden. Deutschland ist auf dem Weg zu einer emissionsarmen Wirtschaft weit vorangekommen. Die deutsche Wirtschaft ist durch eine sehr viel höhere Energie- und Ressourceneffizienz weitaus weniger abhängig von Rohstoff- und Energieimporten und damit noch wettbewerbsfähiger geworden. Deutschland ist in den wichtigsten Energie- und Umwelttechnologien ein hoch innovativer Technologie- und Marktführer. Die Energie- und Umwelttechnologien sind zum maßgeblichen Motor des Strukturwandels in Deutschland geworden. Dadurch sind Hunderttausende zusätzliche Arbeitsplätze entstanden.

Deutschland hat sich zu einer "Green Economy" entwickelt und als führende Exportnation in besonderem Maße von der Transformation der Weltwirtschaft profitiert. Deutschland ist zu einer der effizientesten Volkswirtschaften der Welt geworden und hat damit auch einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels geleistet.

Die Energiewende ist ein großes nationales Gemeinschaftsprojekt

Die Energiewende ist kein Projekt der nächsten Jahre, sondern ein Projekt der nächsten Jahrzehnte, ein großes nationales Gemeinschafts- und Generationenprojekt. Es ist vor allem ein Projekt der Bürgerinnen und Bürger, die gewillt sind, ihren Beitrag dazu zu leisten, ja es ist die Chance, Bürgerbeteiligung und Demokratie in unserem Land zu stärken. Entscheidend dafür ist, dass Planungen zusammen mit den Menschen vor Ort gemacht werden, nicht gegen sie!

Gemeinsam zu planen und zu entscheiden, ist das politische Leitbild der Energiewende. Die Gesellschaft ist dazu bereit – von den Energiegenossenschaften, die sich kommunal gründen, von energieautarken und regenerativ sich versorgenden Städten, von den Investitionen, die von neuen mittelständischen Unternehmen ausgehen, über die Faszination unserer Ingenieure, sich den neuen technologischen Herausforderungen zu stellen, bis hin zu dem gesellschaftlichen und parteiübergreifenden Konsens, den wir in dieser Frage erreicht haben. Hier liegt eine große Chance für unsere Gesellschaft, zusammenzukommen, etwas zu leisten und ein Beispiel zu geben, dass diese Energiewende erstmalig in einem führenden, großen, hochtechnologischen Industrieland gelingt. Es ist die Chance, auf der Basis von ethischer Fundierung und technologischer Modernisierung und Innovation in einem Industrieland ein neues Verständnis von Wachstum und Fortschritt zu praktizieren.

Damit geht Deutschland keinen Sonderweg, sondern kann international zum Modell für die Verbindung von Wachstum, Ressourcenschonung, technologischen Innovationen und Nachhaltigkeit werden. Hier liegt die Zukunft – made in Germany.

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