Stand: Mai 2011
FAZ: Frau Staatssekretärin, Deutschland ändert gerade seine Energiepolitik und setzt vor allem auf erneuerbare Energie. Welche Bedeutung haben dabei Windparks auf See?
Katherina Reiche: Die Offshore-Windenergie wird eine Schlüsselrolle unter den erneuerbaren Energien einnehmen. Gegenwärtig sind zwar erst 180 Megawatt installiert, unser Ziel ist es aber, bis 2030 bis zu 25 000 Megawatt in Betrieb zu nehmen. Das ist sehr anspruchsvoll, kann aber erreicht werden, wenn wir jetzt durchstarten
Wie will die Politik das erreichen?
Die Offshore-Windenergie ist mit gewaltigen Investitionen verbunden – nicht nur in die Anlagen selbst, sondern auch in Häfen, Schiffe, Werften und in die Energienetze. Wir setzen mit unserer Offshore-Strategie bei folgenden Punkten an: Sicherung der Finanzierung, Verbesserung rechtlicher Rahmenbedingungen, Bündelung von Genehmigungsverfahren sowie Ausbau der maritimen Offshore-Infrastruktur. Das wird auch Thema der Nationalen Maritimen Konferenz am 27. und 28. Mai in Wilhelmshaven sein, zu der die Bundeskanzlerin einlädt.
26 Windparks auf See - 23 davon in der Nordsee und drei in der Ostsee - sind derzeit in Deutschland genehmigt, 40 sollen es einmal sein. Als kommerzieller Windpark ist bisher jedoch allein "Baltic 1" vor der Küste von Mecklenburg-Vorpommern in Betrieb gegangen.
Das Interesse an Offshore ist groß, aber die Finanzierung vieler Projekte gestaltet sich schwierig. Viele Banken zögern bei Krediten wegen der noch bestehenden technischen Risiken. Unser Ziel ist es, hier mit einem Sonderprogramm „Offshore-Windenergie“ bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau mit einem Volumen von insgesamt fünf Milliarden Euro zu helfen. Durch das Programm wollen wir Offshore auch für kommunale Energieversorger und Stadtwerke interessant machen. Entscheidend für Investitionen sind aber klare und verlässliche Rahmenbedingungen über Legislaturperioden hinweg. Daran arbeiten wir.
Wer genehmigt Windparks auf See?
Gegenwärtig sind am Genehmigungsverfahren beteiligt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie das Bundesamt für Naturschutz. Das führt häufig zu Verzögerungen, nicht zuletzt wegen der Interessenkonflikte beim Naturschutz. Deshalb streben wir künftig eine Bündelung des Verfahrens beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie an. Das soll zu einer deutlichen Beschleunigung führen.
Ist die Offshore-Technik ausgereift?
Es gibt mit den Windparks auf See noch zu wenige Erfahrungen. Wie wirken die Kräfte auf hoher See? Wie reagieren die Materialien? Welche Auswirkungen gibt es auf den Meeresboden und die Tierwelt? All das muss weiter erforscht werden. Der erste deutsche Offshore-Windpark „alpha ventus“ nördlich der Insel Borkum ging vor einem Jahr als Versuchsfeld ans Netz. Zwar gibt es auch schon anderswo einige Offshore-Anlagen, in Dänemark etwa. Aber die stehen vergleichsweise nahe an der Küste. Unsere Anlagen stehen 35 bis 40 Meter tief im Meer. Wir sind Vorreiter. Unsere Erfahrungen sind deshalb auch international von Interesse.
Wie soll die auf dem Meer gewonnene Energie transportiert werden?
Die Netzfrage ist zentral, um den Strom vom Norden in die Verbrauchszentren vor allem im Süden zu transportieren. Die Bundesregierung wird ein „Zielnetz 2050“ entwickeln. Zunächst werden die Netzbetreiber zu einer gemeinsamen, zehn Jahre währenden Netzausbauplanung verpflichtet. In einem zweiten Schritt wird eine Bundesfachplanung für die Übertragungsnetze eingeführt. Gegen große Stromtrassen gibt es jedoch erhebliche Widerstände. Hier müssen wir für mehr Akzeptanz werben und auch neue Wege gehen. Dabei stehen alle in der Pflicht, vom Netzbetreiber bis zu den Unternehmen.
Welche Zukunft haben die Windanlagen auf dem Land, wenn die Zukunft doch auf dem Meer liegt?
Die attraktiven Flächen sind begrenzt. Deshalb wird das sogenannte Repowering, also der Austausch älterer durch neuere, leistungsstärkere Anlagen, immer wichtiger. So kann am Ende die Stromausbeute deutlich gesteigert werden. Es gibt zudem die Absicht, die Höhenbegrenzung bei Windrädern zu verändern. Auch könnten innovative Systeme bei der Windenergie vielleicht neue Perspektiven eröffnen. So wird beispielsweise ein neuer Technologieansatz von Windkraftanlagen mit Segeln erprobt, die an einer Art Seilbahn befestigt sind. Ein mittelständischer Unternehmer plant, in Mecklenburg in den nächsten Jahren eine Musteranlage zu errichten.
Die Fragen stellte Frank Pergande.