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Stand: März 2011

"Wir müssten schneller aussteigen"

stern: Herr Röttgen, war’s das mitder Atomkraft?

Dr. Norbert Röttgen: Die schrecklichen Ereignissevon Japan sindeine Zäsur, nach der sich dieFrage der Sicherheit grundlegendneu stellt.

Wir dachten immer, unsere Atomkraftwerkeseien bombensicher?

Wenn sie nicht sicher wären,würden sie abgeschaltet.Unsere Atomkraftwerke sind sicher- diesen Satz sagen Sie noch uneingeschränkt?Sicherheit ist keine mathematischeGröße. Sicherheit ist auchRisikobewertung. Und unser Bewusstseinfür den Rest an Risiko,das nicht beherrschbar ist,ist gerade gestiegen. Es geht umeine Neubewertung von Gefahren.Die Japaner haben ja dieErdbebengefahr gesehen undsich darauf eingestellt – bis zueiner Stärke von 8,2. Es wurden9,0. Wir haben auch Risiken,etwa die Gefahr terroristischerAnschläge. Wir müssen nun neubewerten, ob die Vorkehrungenausreichen. Wir machen erstmalsdie Erfahrung, dass sich auch einklitzekleines Restrisiko realisierenkann.

Die Kraftwerksbetreiber argumentieren:Bei uns gibt es weder Tsunamisnoch Beben der Stärke 9, warumalso aufrüsten?

Das ist eine sehr kurzsichtigeBetrachtung. Natürlich sindauch unsere Kernkraftwerkegegen Erdbeben einer bestimmtenStärke gesichert. Aber wirmüssen doch prüfen, ob es nichtpassieren kann, dass auch wirvon der Natur widerlegt werden.Auch bei der Terrorgefahrmüssen wir uns fragen: Reichenunsere Abwehrmechanismenaus?

Musste dafür erst etwas passieren?Macht nur Schaden klug?

Die Geschichte des Menschenzeigt leider, dass er sich nicht nurdurch Erkenntnis verändert, sondernstärker noch durch Erfahrung,auch durch Scheitern undKrise. Ich darf aber daran erinnern:Wir haben als erstes Industrielandder Welt beschlossen,dass Kernenergie ein Auslaufmodellist.

Moment! Das war Rot-Grün. Sie habenerst mal die Laufzeiten wiederverlängert.

Ja, aber in unserem Energiekonzepthaben wir erstmals konkretbeschrieben, wie die Energieversorgungnach dem Ende der Kernkraftaussehen soll – und wie wirüberhaupt dahin kommen.

Sie haben voriges Jahr zahlreicheBerechnungen anstellen lassen.Wann könnten wir frühestens komplettauf Atomstrom verzichten?

Das hängt davon ab, wie entschlossenund konsequent wirauf erneuerbare Energien umstellen.Da ist unter Rot-Grün beimLeitungsausbau und bei denSpeicherkapazitäten fast nichtsgeschehen.

Was sind die angekündigten Sicherheitsüberprüfungenbitte schönwert, wenn wir gar nicht sofortaussteigen können?

Weil wir morgen nicht aussteigenkönnen und sicher noch 10 bis15 Jahre Kernenergie haben werden,muss zwingend alles indie Sicherheit investiert werden,aber auch alles. Und zwar biszum letzten Tag.

Das Ergebnis der Überprüfung darfalso keinesfalls lauten: Wir könnendie Meiler nicht mehr betreiben?

Nein, nein, nein. Es wird jedesWerk einzeln überprüft und dannwird bewertet. Gibt es Risiken,die wir nicht tragen wollen, musses vom Netz.

Der bayerische UmweltministerMarkus Söder will Isar 1 abschalten.Werden jetzt alle älterenSiedewasserreaktoren vom Netzgenommen, die wie Fukushimafunktionieren?

Es ist richtig, dass wir uns die älterenReaktoren besonders genauanschauen.

Brauchen würden wir die alten Meilernicht. Wir produzieren schon heutemehr Strom, als wir benötigen.

Wir hatten schon vor Japan einenergiepolitisches Konzept erarbeitet,von der Kernenergiewegzukommen. Es ist bekannt,dass ich weniger als zwölf Jahrezusätzliche Laufzeit wollte. Jetzthaben wir eine neue Situation.Laufzeiten erscheinen seit Japanin einem neuen Licht: als Laufzeitvom Restrisiko. Wir müssen neudefinieren, welche Risiken wirbereit sind hinzunehmen - odereben nicht.

Wer wird das denn am Ende zu entscheidenhaben? Sie? Wir alle?

Die Gesellschaft. Wir müssen dieseFrage dringend aus der politischenKampfzone herausführen.Ich glaube nämlich nicht, dass esVertrauen schafft, wenn nach Japanalle mit den Antworten kommen,die sie schon vorher immergegeben haben, egal ob pro oderkontra. Alle müssen lernen. Dasist das Gebot der Stunde. Manmuss die Risiken transparent machenund dann diskutieren, welcheman noch tragen will.

Erleben wir jetzt wenigstens denAusstieg aus der Laufzeitverlängerung?

Ja, wir stellen Laufzeiten zur Diskussion,auch zur Disposition undwerden sie insbesondere für ältereKraftwerke neu bestimmen,vor allem unter dem Gesichtspunktdes Schutzes vor terroristischenAttacken.

Warum sind Sie so defensiv? Waswürde passieren, wenn Norbert Röttgenallein das Sagen hätte?

Genau das: eine neue Definition …

Nicht ausbüxen, bitte!

Wenn’s nach mir ginge, müsstenwir schneller als beschlossen ausder Kernenergie aussteigen. Fürdie älteren Werke gäbe es keineLaufzeitverlängerung. Über dieneuen muss man reden.

Alte Meiler abschalten, die Laufzeitenverkürzen und Sicherheitsstandardserhöhen – da gehen Ihnen dieEnergiekonzerne auf die Barrikaden.Die wollen Geld verdienen.

Aber fürs Geldverdienen brauchtman in einer demokratischenGesellschaft Akzeptanz. Wer mitKernenergie auch in Zukunft Geldverdienen möchte, muss diese Akzeptanzgewinnen. Wir arbeitengerade an dieser Akzeptanz.

Es gibt aber eine Art Garantie für dieAbschöpfung von Gewinnen.

Aber die Laufzeiten regelt derGesetzgeber. Wir haben ein Gesetzbeschlossen. Gesetze sindänderbar.

Hand aufs Herz: Das Moratoriumhätte es ohne die anstehendenLandtagswahlen doch nie so schnellgegeben!

Ich lehne die parteitaktische Behandlungdieses Themas ab.Glauben Sie’s oder nicht.

Im Ausland wird teilweise wiederüber die „German angst“ gespottet.

Es ist keine Angst, wenn manrational über Risiken redet. DieBilder aus Japan haben jedenergriffen, mich auch. Da ist etwasgeschehen, was die Welt verändert.

Sie haben Ihre Partei vor einem Jahrdavor gewarnt, Atomenergie zumAlleinstellungsmerkmal der CDU zumachen …

Ich glaube, da lag ich nicht sofalsch.

Wann wird das letzte AKW inDeutschland abgeschaltet sein?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Das Interview führten Andreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz.

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