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Stand: Januar 2012

"Apokalypse, nein danke!"

Christ & Welt: Macht euch die Erde untertan, heißt es im Alten Testament. Der Mensch scheint zu gehorchen: Der Raubbau an natürlichen Ressourcen nimmt zu, und der Ausstoß von Kohlendioxid auch. Hat der Mensch Gottes Befehl falsch verstanden?

Norbert Röttgen: In der Genesis kommt eine sehr kluge Weltsicht zum Ausdruck, nämlich, dass das Schicksal der Schöpfung nicht aufgespalten werden kann. Der Mensch ist ein besonderer Teil der Schöpfung. Als Ebenbild des Schöpfers hat Gott ihm ein Beispiel gegeben, wie er mit der ihm anvertrauten Schöpfung umgehen soll. Sie ist ihm zur Pflege anvertraut, nicht zur Zerstörung. Die Formulierung "untertan machen"wird häufig missverstanden als ein Appell zur Ausbeutung. Das wird uns nun bewusst, weil wir erfahren, was es bedeutet, wenn der Mensch an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, nämlich ein Wachstum betreibt, das sich seiner eigenen Grundlagen beraubt.

Ist es für einen katholischen Umweltminister möglich, sich vom Diktat des Wachstums zu befreien?

Über die Frage, ob es Wachstum gibt oder nicht, entscheiden nicht mehr die Europäer. Die Chinesen werden uns nämlich nicht fragen, ob wir mal eine Wachstumspause aus ökologischen Gründen einlegen wollen, unddie Inder auch nicht. Ich glaube, dass wir in Deutschland und in Europa Wachstum brauchen. Eine älter werdende Gesellschaft ohne Wachstum würde mit erheblichen Wohlstandsverlusten und sozialen Spannungen einhergehen. Genauso klar ist aber auch, dass es nicht das Wachstum der Vergangenheit geben kann, nämlich ein Wachstum, das sich an den Verbrauch endlicher, immer knapper werdender Ressourcen gekoppelt hat. Ein neues, effizient mit Ressourcen umgehendes Wachstum ist die Modernisierungsfrage unserer Zeit, in ökonomischer und in ethischer Hinsicht.

Wir suchen ja schon sehr lange danach …

Deutschland ist auf diesem Wege schon ein gutes Stück vorangekommen …

Stört es Sie, dass Klimaschutz hierzulande immer noch als Kostenfaktor wahrgenommen wird?

Es stört mich, und ich ärgere mich darüber, dass oft von denen, die es besser wissen, nicht gesagt wird, dass es sich um Investitionen handelt. Das sind Kosten, das will ich gar nicht bestreiten, aber wenn wir die Investitionen heute unterlassen, werden die Kosten für die Reparatur um ein Vielfaches höher sein. Dieser Aspekt wird von manchen nicht beleuchtet. Das wiederum ist Ausdruck einer kurzfristigen wirtschaftlichen Betrachtungsweise, die mich sehr stört. Wir machen doch in der Finanzmarktkrise gerade die Erfahrung, dass der kurzfristige Erfolg die Ursache für die Vernichtung von wirtschaftlichen Werten und gesellschaftlichem Zusammenhalt ist.

Brauchen wir eine Ethikkommission für die Energiewende, damit wir nicht so kurzfristig denken?

Wir können weder den ökonomischen Sachverstand noch unsere ethische Verantwortung auf eine moralische Instanz delegieren. Die Energiewende muss von der gesamten Gesellschaftals erfolgreiches Projekt begriffen werden. Das tun übrigens sehr viele, man muss nicht immer alles schwarzmalen.

Zwischen Wollen und Wirken besteht eine große Kluft. Alle sind für Klimaschutz, doch keiner will mehr Geld für Wärmedämmung, Flugtickets oder Benzin bezahlen. Wie viel Wahrheit verträgt die Energiewende?

Wer ist denn keiner oder alle? Ich sehe nicht den Bürger, der sich darüber beschwert, dass er rund 3,6 Cent pro Kilowattstunde Strom für erneuerbare Energien bezahlt. Es gibt diesen Bürgerprotest nicht, sondern ganz imGegenteil, die Bürger unterstützen die Energiewende. Die Zustimmung zum Atomausstieg ist noch weiter gestiegen. Und bei den Flugtickets, die nun teurer werden, weil der Luftverkehr in den Emissionshandel einbezogen wird, höre ich keine Beschwerden von Bürgern. Auch die Lufthansa hat sich nicht beschwert, sondern chinesische und amerikanische Wettbewerber. Es gibt einige wenige Stimmen, die jedes scheinbare oder wirkliche Problem nutzen, um den Gesamtansatz zu diskreditieren, aber die sind absolut nicht repräsentativ. So tritt eine Verzerrung ein - Einzelstimmen, die medial wahrgenommen werden, gelten auf einmal als allgemeine Stimme der Bürger. Das ist unzutreffend. Ich würde mal fragen, was ist eigentlich ein zweites großes Projekt der Politik, das eine derartig breite Unterstützung hat?

Deutschland verzeichnet einen enormen Anstieg beim Ausbau der Solarenergie. Ist die Förderung der erneuerbaren Energien mittlerweile so erfolgreich, dass sie sich erübrigt?

Nein, noch nicht ganz, aber das ist das Ziel. Die Förderung der erneuerbaren Energien ist ja kein Dauersubventionstatbestand, sondern eine Markteinführungshilfe. Und der größte Erfolg dieses Gesetzes wird darin bestehen, dass es sich überflüssig macht, weil die Technologien im Markt angekommen sind. Bei der Fotovoltaik wird es so sein, dass wir in fünf Jahren einige Anlagen haben, die nicht mehr gefördert werden müssen, weil sie wettbewerbsfähig Strom liefern.

Die Förderung läuft also in fünf Jahren aus?

Für diese Anlagen ja. Darum ist die Vergütung, die die Verbraucher bezahlen, degressiv, sie geht immer weiter runter. In diesem Jahr zweimal um 15 Prozent, bis sie überhaupt nichtmehr sein muss. Und wenn sie nicht mehr sein muss, dann darf sie auch nicht mehr sein.

Bisher hieß es immer, teure Ölpreise beschleunigen die Energiewende. Doch fossile Energieträger machen weltweit noch immer etwa 85 Prozent der Primärenergie aus. Müssen die Rohstoffpreise noch weiter steigen?

Auch ein Industrieland wie Deutschland ist nicht in der Lage, die globalen Rohstoffpreise zu beeinflussen. Aber wir sind in der Lage, zu beweisen, dass eine ressourceneffiziente Wirtschaft eine erfolgreiche Wirtschaft ist, weil sie den Verbrauch von knappen Ressourcen, die heute schon teuer und in ihren Preisen volatil sind, durch die Erfindung neuer Technologien ersetzt. Das ist der Kern der Energiewende. Wir bauen um, anstatt auf die Katastrophe zu warten. Eine apokalyptische Strategie halte ich weder für christlich noch für realistisch. Realistisch und christlich ist, das zu machen, was heute schon möglich ist, gerade in einem Industrieland, und dafür den politischen Mut aufzubringen.

Es gibt ja zwei Wege. Einmal, Energie effizient verwenden, und zweitens, Ressourcen mehrfach nutzen.

Und andere Erzeugungsformen von Energie!

Können wir uns den Bau neuer Kraftwerke sparen, wenn die Umweltpolitik Verbraucher und Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit zwingt?

Am Ende wird es nicht mit Zwang funktionieren. Natürlich braucht man staatliche Rahmenbedingungen, die Standards vorgeben, zum Beispiel eine Regelung für Elektroschrott, Recyclingquoten, Effizienzanforderungenund und und. Aber im Kern funktioniert es nur, wenn die ökonomische Grundeinsicht stimmt, dass derjenige wirtschaftlich erfolgreicher ist, der Klima und Ressourcen schonend produziert.

Sollten die Industrienationen ihren Konsum einschränken, damit Entwicklungsländer ihren Nachhol - bedarf stillen können?

Es ist völlig unbestritten, dass diejenigen, die den größten Beitrag zu den Treibhausgasemission leisten, auch die größten Verpflichtungen haben, dies zu ändern. Allerdings ist das ziemlich im Fluss. Denn wenn ich sehe, dass mittlerweile ein früheres Entwicklungsland, nämlich China, zum größten CO2-Emittenten aufgestiegen ist, dann ist das eine Aufteilung der Welt in einige wenige Industrieländer, und der Rest sind Opferländer, mit der wir das Problem nicht mehr lösen. Die Realität hat sich gewandelt. Große Schwellenländer müssen dringend erkennen, dass ihre wirtschaftliche Entwicklung auch globale und politische Verantwortung nach sich zieht. Es wäre fatal, wenn die Entwicklungsländer einen Anspruch auf Fehlerwiederholung geltend machen würden.

Der Mensch braucht Grenzen, hat Wolfgang Schäuble in C & W geschrieben. Der Glaube an Gott zeige diese Grenzen auf. Hat die Katastrophe von Fukushima den Menschen erneut in seine Schranken verwiesen?

Wir haben eine Katastrophenerfahrung gemacht. Die wichtigste Ursache der Katastrophe war die menschliche Fehlbarkeit. Dazu kommen die Unberechenbarkeit und Unbeherrschbarkeitder Natur. Das ist keine neue Einsicht, aber eine neue schreckliche Erfahrung gewesen. Wahrscheinlich ist es so, dass der Mensch doch mehr aus Erfahrung als aus Einsicht lernt.

Was haben Sie am Tag der Katastrophe gemacht?

Ich saß an dem Freitagvormittag mit einem hohen Beamten im Bonner Teil des Ministeriums zusammen, der schon bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein führender Ministerialbeamter war. Er war sofort völlig ergriffen von den Nachrichten. Ich bin immer noch beeindruckt von der Schnelligkeit und Richtigkeit der Analysen unserer Experten aus dem Ministerium und auch aus dem Bundesamt für Strahlenschutz, die schon an diesem Freitag gesagt haben, alles spricht für eine Kernschmelze.

Haben Sie in diesem Moment an den definitiven Ausstieg aus der Atomenergie gedacht?

Nein. Wir waren in einer Katastrophensituation, in der es um Rettungsaktionen und die Frage ging: Wie können wir helfen? Politische Diskussionen habe ich da als unangemessen empfunden.

Bis jetzt sind acht Meiler abgeschaltet. Die Angst, dass durch den Atomausstieg die Lichter ausgehen, hat sich nicht als realistisch erwiesen. Könnte man theoretisch gleich noch ein paar mehr AKWs abschalten?

So locker geht das natürlich nicht. Wir haben ein Energiekonzept, das die sukzessive Beendigung der Kernenergie beinhaltet. Dazu gehören die acht ältesten Kernkraftwerke, die im letzten Jahr vom Netz gegangensind, und nun die terminierte Abschaltung weiterer Kernkraftwerke in einem Zeitraum von rund zehn Jahren. Das ist ein realistischer Zeitplan, und den möchte ich auch verlässlich einhalten.

Reizt es Sie als Umweltminister nicht, daran zu erinnern, dass die Stromversorgung trotz gegenteiliger Ankündigungen weiterhin sicher ist?

Es reizt mich nicht, die Grenzen der politischen Belastbarkeit zu testen. Ich bin froh, dass es gut läuft. Es ist damals viel mit Angstszenarien gearbeitet worden: Die Lichter gehen aus, die Stromnetze kollabieren, die Preise explodieren: bislang nichts! Das habe ich immer als unverantwortliche, interessengeleitete Angstmache gesehen.

Das Gespräch führte Astrid Prange.

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