Editorial aus der Zeitschrift UMWELT 10/2012
die biologische Vielfalt zu erhalten zählt weltweit zu den größten umweltpolitischen Herausforderungen. Es war deshalb sehr wichtig und ein großer Erfolg, dass auf der 10. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im Oktober 2010 ambitionierte und zukunftsweisende Beschlüsse gefasst wurden. Dies betraf vor allem 20 konkrete Ziele für den globalen Schutz und die Erhaltung der biologischen Vielfalt innerhalb des nächsten Jahrzehnts sowie die Entwicklung verbindlicher Finanzierungsziele und das Nagoya-Protokoll mit international verbindlichen Regelungen für den Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Gewinnaufteilung aus deren Nutzung.
Auf der 11. Vertragsstaatenkonferenz im Oktober 2012 in Hyderabad, Indien, geht es nun darum, diese Beschlüsse vor allem für das zentrale Thema der Mobilisierung von finanziellen Ressourcen weiter zu konkretisieren.
Wir haben eine moralische Verpflichtung, unseren Kindern und Enkeln eine intakte und vielfältige Natur zu hinterlassen. Sie ist schön, faszinierend und einzigartig. Die Naturressourcen sind aber zugleich auch elementare Grundlage für unser Wirtschaften und das Wohlergehen der Menschen. Die internationale Studie „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB) hat bereits eindrucksvoll auf diese ökonomische Dimension hingewiesen und gezeigt, dass sich Investitionen in den Schutz von Natur gesamtwirtschaftlich lohnen.
Mit dem Projekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ knüpfen wir daran an. Auch in Deutschland gehen weiterhin wertvolle Lebensräume verloren – trotz rechtlicher Regelungen und erkennbarer Fortschritte beim Naturschutz. Dabei wird oft übersehen, dass intakte Ökosysteme wie Auen, Moore, Wälder oder Grünland neben ihrer Bedeutung für den Artenschutz andere wichtige Leistungen erbringen, für die ansonsten kostenintensive technische Lösungen erforderlich wären und hohe gesellschaftliche Kosten anfallen würden: Leistungen für den Klimaschutz, den Hochwasserschutz, die Reinhaltung von Luft und Gewässern, aber auch für Erholung und Gesundheit. Ganze Wirtschaftsbranchen wie die Land- und Forstwirtschaft, die Fischerei oder auch der Tourismus hängen von der Natur ab. Die globale TEEBStudie hat betont, dass ein Grundproblem darin besteht, dass diese vielfältigen Leistungen der Natur – die sogenannten Ökosystemleistungen – meist gratis genutzt werden und dementsprechend auch nicht in den wirtschaftlichen Bilanzen auftauchen.
Deshalb wollen wir mit „Naturkapital Deutschland“ in den nächsten Jahren die Ökosystemleistungen für unser Land veranschaulichen. Bis 2015 werden unter Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig mehrere wissenschaftlich fundierte Fachberichte erstellt. Die Auftaktveranstaltung findet am 23. Oktober 2012 im Bundesumweltministerium in Berlin statt. Dieses Projekt soll bewusst den ökonomischen Blick schärfen – zusätzlich zur moralischen Verantwortung zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen. Dabei geht es nicht darum, Pflanzen und Tiere mit Preisschildern zu versehen oder eine einzelne Wertgröße zu berechnen. Vielmehr soll ein stärkeres Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie wertvoll die vielfältigen Naturleistungen für uns alle sind beziehungsweise was es kostet, das zerstörte Naturkapital als Basis dieser Leistungen zu reparieren oder zu ersetzen. In diesem Sinne wünsche ich mir von „Naturkapital Deutschland“ auch positive Impulse für die Umsetzung der ehrgeizigen Ziele unserer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. Wenn wir hier Fortschritte erzielen und für andere Staaten ein Vorbild sind, beflügeln wir auch Fortschritte auf der internationalen Ebene.
Peter Altmaier
Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit