Editorial aus der Zeitschrift UMWELT 09/2012
Klimaschutz ist ein Schlüssel für Fortschritt im 21. Jahrhundert – das war eine der entscheidenden Botschaften beim III. Petersberger Klimadialog, zu dem ich die Umweltminister und Verhandlungsführer von über 30 Staaten im Juli nach Berlin eingeladen hatte. Es ging darum, den Boden zu bereiten für die nächste große UN-Klimakonferenz Ende des Jahres in Doha, um gemeinsame Positionen und das wechselseitige Verstehen.
Immer wieder stand dabei ein Thema im Mittelpunkt: die deutsche Energiewende. Mir ist einmal mehr klar geworden, welche Aufmerksamkeit dieses Projekt auf sich zieht. Kein Wunder – nur wenn die Weltgemeinschaft versteht, dass Klimaschutz und Wohlstand keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören, wird es den dringend benötigten Rahmen für den Klimaschutz unter dem Dach der Vereinten Nationen mit engagierten, klaren und überprüfbaren Emissionsobergrenzen geben. Nur dann können wir das Ziel erreichen, die Erwärmung des globalen Klimas auf zwei Grad zu begrenzen. Die Energiewende ist unsere Chance zu beweisen, dass es gelingen kann, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Wenn sie gelingt – schon mit jedem Zwischenerfolg – zeigen wir, dass es eine Alternative zur Destabilisierung des Weltklimas, zu wirtschaftlicher Unsicherheit und zu globaler Ungerechtigkeit gibt! Hier liegt die strategische Verbindung zwischen Energiewende und internationalem Klimaschutz. Global denken, lokal handeln – der alte Leitspruch der Agenda 21 bekommt an dieser Stelle eine sehr klare Kontur!
Ich bin optimistisch, dass wir hier schon bald vorankommen, denn gerade führende Wissenschaftler weisen darauf hin, dass wir heute, ganz anders als noch vor 20 oder 30 Jahren, nicht nur über ausreichendes Problemwissen, sondern auch über die Fähigkeiten und die Technologien verfügen, um im Umgang mit der Natur ein neues Kapitel aufzuschlagen: Windkraftanlagen werden mit jedem neuen Modell leistungsfähiger, Solarmodule kontinuierlich preiswerter. Der erste deutsche Offshore-Windpark ist am Netz. Im ersten Halbjahr dieses Jahres konnten Wind, Sonne, Biomasse und Co. ein Viertel des deutschen Strombedarfs decken, acht Prozent mehr als noch vor zwei Jahren! Auch bei der Effizienz bewegt sich etwas: Gerade die Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien schafft völlig neue Möglichkeiten, Rohstoffe und Ressourcen zielgenau und sparsam einzusetzen. Ein gutes Beispiel sind Smart Grids – ich spreche lieber von „schlauen Netzen“ –, mit deren Hilfe sich Stromverbrauch und Stromerzeugung viel präziser aufeinander abstimmen lassen.
Und angesichts der hohen technologischen Entwicklungsdynamik wissen wir heute noch gar nicht, was durch Innovationen künftig noch alles möglich sein wird. Mit jedem Erfolg bei der Energiewende zeigen wir, dass es eine Alternative zum „Weiter so“ gibt. Ich bin sicher: Das wird nicht ohne Folgen für die zukünftigen Verhandlungen um ein neues Weltklimaabkommen bleiben. Ich werde mich mit Nachdruck dafür einsetzen, dass von Doha ein neuer Impuls für den internationalen Klimaschutz ausgeht, denn ohne wirksamen Klimaschutz wird es im 21. Jahrhundert keinen humanitären Fortschritt geben.
Peter Altmaier
Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit