Editorial aus der Zeitschrift UMWELT 03/2013

Liebe Leserin, lieber Leser,

Foto von Peter Altmaier, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

manche mögen immer noch glauben, die Energiewende sei ein deutscher Sonderweg, argwöhnisch betrachtet oder auch belächelt von unseren europäischen Nachbarn. Eine Ursache dafür mag darin liegen, dass wir in den deutschen Medien regelmäßig mehr Informationen zur US-Innenpolitik als zur Innenpolitik unserer unmittelbaren Nachbarn in Europa finden. Aber ein Blick über den europäischen Gartenzaun lohnt: Die deutsche Energiewende bekommt eine französische Schwester, die „transition énergétique“. Frankreich will bis zum Jahr 2020 den Anteil der erneuerbaren Energien an seiner Stromversorgung auf 23 Prozent ausbauen und den Anteil der Kernenergie von derzeit 75 Prozent auf 50 Prozent senken. Auch die Energieeffizienz in Frankreich soll steigen: bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent. Wie in Deutschland ist der Gebäudebereich in Frankreich eine der größten Herausforderungen. Kurz: Wir stehen also vor sehr vergleichbaren Aufgaben.

Und wie in Deutschland ist auch in Frankreich die Energiewende die größte Innovationschance seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir stehen weltweit nach der Unterhaltungselektronik in den sechziger und siebziger Jahren und der Computertechnik in den achtziger und neunziger Jahren mit den erneuerbaren Energien vor einer neuen Welle der industriellen Innovation. Die ersten beiden Wellen haben wir verpasst: Die Elektronik ging an Japan, für die Computerentwicklung steht Silicon Valley in den USA. Aber diese Runde kann an uns gehen, bei der Energiewende gehen Deutschland und Frankreich gemeinsam voran.

Noch besser als der Blick über den Gartenzaun ist der Besuch beim Nachbarn. Oder der Nachbarin. Anfang Februar habe ich meine französische Amtskollegin Delphine Batho in Paris besucht (siehe Beitrag ab Seite 6). Sie ist seit der französischen Parlamentswahl im Sommer 2012 Ministerin für Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Energie – und sie ist für den gesamten Energiebereich zuständig. Gemeinsam haben wir uns bei mehreren Veranstaltungen in Paris für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa eingesetzt. Als konkrete Maßnahme haben wir eine gemeinsame Erklärung zur Schaffung eines deutsch-französischen Büros für erneuerbare Energien mit Kontaktstellen in Deutschland und Frankreich unterzeichnet. Dieses Büro soll die Zusammenarbeit auf der praktischen Ebene der Unternehmen fördern. Die intensivere Zusammenarbeit von Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze wird die gemeinsame internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern, und sie wird weitere Länder dazu anregen, uns zu folgen.

Delphine Batho und ich, wir teilen die gleichen Vorstellungen zur Energieeffizienz und zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Ziel ist, eine stabile wirtschaftliche Entwicklung zu garantieren und mit dem Umwelt- und Klimaschutz zu vereinbaren. Nach Airbus und Ariane können die Erneuerbaren ein neues gesamteuropäisches Projekt werden, wieder einmal mit einer deutsch-französischen Keimzelle. Insofern: Die Zusammenarbeit bei den erneuerbaren Energien ist vielleicht die beste Idee für die deutsch-französische Freundschaft seit langem. Ich freue mich auf den Gegenbesuch der Kollegin noch in diesem Frühjahr.