Badische Zeitung: Herr Altmaier, das Thema Energiewende ist ein vielfältiges. Aber wir haben den Eindruck, dass die Energiespeicher in den vergangenen Monaten etwas aus dem Fokus geraten sind.
Peter Altmaier: In den vergangenen Monaten stand vor allem die Strompreisentwicklung im Vordergrund, außerdem die Frage des Ausbautempos der erneuerbaren Energien und damit auch die Frage des Netzausbaus. Dennoch haben wir die Speicherthematik nicht nur im Blick, sondern treiben sie voran. Wir haben unsere Forschungsausgaben in diesem Bereich erhöht, und wir werden dafür sorgen, dass in allen Bereichen der Speichertechnologie weiterhin geforscht wird. Das gilt für Batteriespeicher, die etwa in Privathäusern eingebaut werden können. Das gilt für Fragen der klassischen Speicher, wie Pumpspeicherwerke. Das gilt aber auch für neuartige Speicherverfahren, wie etwa die "Power-to-Gas"-Technologie.
Am Hochrhein soll mit dem Pumpspeicherwerk Atdorf das größte Pumpspeicherwerk Europas gebaut werden. Die Schluchseewerk AG schlägt aber jetzt Alarm, dass sich neue Pumpspeicherwerke unter den aktuellen Bedingungen nicht wirtschaftlich betreiben lassen. Wie reagiert die Bundesregierung darauf?
Früher haben die Pumpspeicherwerke vor allem in der Mittagszeit eine wichtige Rolle gespielt, wenn es darum ging, sogenannte Mittagsspitzen im Strombedarf abzudecken. Inzwischen ist es so, dass zu großen Teilen des Jahres in der Mittagszeit der Solarstrom reichlich zur Verfügung steht und die Pumpspeicherwerke deshalb seltener gebraucht werden. Ihre Energie ist vor allen Dingen im Winter notwendig. Es ist aber so, dass das bisherige Fassungsvermögen deutscher Pumpspeicherwerke eher gering angelegt ist und nicht ausreicht, um solche saisonalen Schwankungen auszugleichen. Das bedeutet, dass sich jeder Betreiber die Frage stellen muss, wie die Rahmenbedingungen beschaffen sein müssen, damit sich sein Pumpspeicherkraftwerk rentiert.
Sollte oder könnte dann nicht auf politischer Ebene was getan werden?
Wir haben im Moment eine heftige Debatte über den Strompreis, die auch deshalb in Bewegung gekommen ist, weil wir sehr viele Zubauaktivitäten vor allem bei Photovoltaik und Windkraft haben. Vor diesem Hintergrund halte ich es für falsch, zum jetzigen Zeitpunkt eine neue flächendeckende Subventionierung, etwa von Pumpspeicherwerken, einzuführen. Es gibt ja nicht nur das eine Projekt in Atdorf, es gibt viele Projekte in ganz Deutschland. Es muss versucht werden, solche Kraftwerke wirtschaftlich zu betreiben, das ist der entscheidende Punkt. Deshalb sind die Beteiligten auf-gefordert, neue Konzepte zu entwickeln.
Was könnten die Bauherren tun?
Wir beobachten die Situation sehr genau. Ich bin überzeugt, dass es mittel- und langfristig in Deutschland einen Markt für Pumpspeicherwerke gibt. Im Augenblick ist es so, dass durch die veränderte Struktur der Stromerzeugung durch die vielen erneuerbaren Energien das traditionelle Geschäftsmodell der Pumpspeicherwerke ins Wanken geraten ist. Deshalb müssen sich die Beteiligten überlegen, wie man attraktive Modelle entwickeln kann, die den wirtschaftlichen Betrieb von Pumpspeicherwerken ermöglichen, ohne die Stromkunden zusätzlich zu belasten. Wir haben von staatlicher Seite dahingehend gehandelt,dass wir neue und modernisierte Pumpspeicherwerke von den Netzentgelten freistellen.
Haben Sie Informationen darüber, ob die Mütter der Schluchseewerk AG, RWE und EnBW, das Projekt weiter mit unbegrenztem Elan vorantreiben?
Ich stehe in ständigem Kontakt zu beiden, aber nicht in dieser Frage. Es gibt jedoch Gespräche zwischen den Fachleuten des Bundesumweltministeriums und den genannten Unternehmen.
Welche Rolle spielen Pumpspeicherwerke im Rahmen der Energiewende überhaupt? Welche Rolle werden sie in zehn, 20 oder 30 Jahren spielen?
Wir sind dabei, die Energiewende schrittweise umzusetzen. Das bedeutet, dass wir uns zunächst einmal darum bemühen, die Leitungskapazitäten auszubauen, damit der erzeugte Strom, der erzeugt wird, auch dahin gebracht werden kann, wo er verbraucht wird. Erst wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter vorangeht, werden wir auch mehr Speicherkapazität benötigen. Hier konkurrieren aber derzeit eine Fülle von unterschiedlichen Modellen um den wirtschaftlichen Durchbruch. Deshalb sind wir im Augenblick in einer Situation, in der wir uns auf die Erforschung dieser unterschiedlichen Modelle konzentrieren. Wir wollen, dass am Ende die wirtschaftlichste Variante zum Einsatz kommt.
Wie stehen da die Chancen von Pumpspeicherwerken?
Pumpspeicherwerke haben den Vorteil, dass sie relativ effizient sind, mit Wirkungsgraden zwischen 60 und 80 Prozent, damit haben sie von den bisher verfügbaren Speichern mit die günstigste Bilanz haben. Allerdings gibt es einen erheblichen Wettbewerbsdruck, andere Speicherformen versuchen derzeit, Boden gut zu machen.
Wie schnell könnten die alternativen Modelle einsatzreif sein?
Das kann ich Ihnen im Moment nicht vorhersagen. Die Energiewende hat jedoch in den letzten Monaten so viel Fahrt aufgenommen hat, dass wir nach meiner festen Überzeugung wahrscheinlich schneller, als von manchem gedacht, auch in diesen Fragen neue Erkenntnisse haben werden.
Von welcher Technik nehmen Sie am ehesten an, dass sie den Pumpspeicherwerken Konkurrenz machen wird?
In der großflächigen Anwendung gibt es vor allem das Konzept "Power-to-Gas". Dabei wird mit mit überschüssiger Wind- und Solarenergie Wasser aufspaltet in Wasserstoff und Sauerstoff. Und dann kann man den Wasserstoff entweder direkt ins Gasnetz einspeisen oder mit CO2 in Methan verwandeln und dann ins Gasnetz einspeisen. Eine Rückverwandlung in Strom ist jederzeit möglich, wenn dieser benötigt wird. Das ist ein ganz ähnliches Prinzip wie das der Pumpspeicherwerke, nur dass man dafür keinen Speichersee benötigt, sondern gut ausgebaute Gasnetze. Im Augenblick sind diese "Power-to-Gas"-Anlagen in der Erprobungsphase. Sie sind allerdings derzeit noch sehr kostspielig und daher im Augenblick keine Konkurrenz für Pumpspeicherwerke.
Gibt es eigentlich einen Fahrplan für die Energiewende: Wann müssen welche Energien, Leitungen, Speicher zur Verfügung stehen?
Ich werde heute einen Verfahrensvorschlag zu einer grundlegenden Reform des EEG vorlegen. Darin wird auch die Aussage enthalten sein, dass wir einen nationalen Konsens brauchen bei der Frage, wie hoch das Ausbautempo der erneuerbaren Energien zukünftig sein soll. Wenn wir den Strompreis in vertretbaren Grenzen halten wollen, müssen wir dafür sorgen, dass die erneuerbaren Energien in einem vernünftigen Tempo ausgebaut werden. Gleichzeitig müssen wir eine Entscheidung treffen über den Ausbau der Netze. Ich gehe davon aus, dass dann spätestens im Frühjahr nächsten Jahres die Debatte sehr viel stärker der Frage der Speichertechnologien zuwenden wird.
Welche Rolle spielt in Ihren Überlegungen Norwegen. Zwischen beiden Ländern wurde kürzlich der Bau zweier leistungsstarker Stromleitungen verabredet. Ist das der Anfang von etwas Großem?
Das ist der Beginn einer Kooperation, die uns in die Lage versetzen soll, mit Schwankungen in der Verfügbarkeit von Windenergie in Norddeutschland besser fertig zu werden. Das schließt auch die Möglichkeit ein, norwegischen Strom aus Wasserkraft zu beziehen. Das gilt auch für Strom aus noch zu bauenden Pumpspeicherwerken.
Also nicht die große Alternative zu Speichern in Deutschland?
Jedenfalls glaube ich nicht, dass es eine ernsthafte Alternative ist zur Speicherfrage in Süddeutschland. Ich glaube, dass Norwegen dafür keine Konkurrenz ist.
Wir erleben an den Diskussionen um das geplante Pumpspeicherwerk Atdorf, dass die Energiewende und Umwelt- und Naturschutz in Konflikt miteinander geraten können. Wie lösen Sie den Gordischen Knoten?
Dieser Konflikt muss im Einzelfall vor Ort entschieden werden. Wenn wir uns einigen auf ein vernünftiges Ausbautempo der erneuerbaren Energien, wenn wir uns einigen, wie die Arbeitsteilung zwischen den Bundesländern aussieht, dann werden wir auch die Möglichkeit haben, diesen Belangen im Konsens Rechnung zu tragen.
Es gab eine Runden Tisch zum Pumpspeicherwerk Atdorf – auch als Probelauf für künftige Projekte. Wie stehen Sie dazu?
Ich habe in meinem Ministerium eine eigene Unterabteilung Bürgerbeteiligung eingerichtet, weil ich das für ganz entscheidend halte hinsichtlich der Akzeptanz von umweltrelevanten Großprojekten. Ich kann es nur begrüßen, dass man sich bei Ihnen vor Ort im Rahmen eines Runden Tisches mit dieser Problematik beschäftigt hat. Denn solche großen Investitionen betreffen alle Bürgerinnen und Bürger und müssen deshalb auch mit ihnen rechtzeitig erörtert werden. Das gilt auch für den Ausbau der Stromnetze.