Quelle: Börsen-Zeitung vom 26.1.2013
Groß wie ein Brikett war das erste Mobiltelefon, das ich als junger Kommissionsbeamter vor rund 20 Jahren in den Händen hielt und das eine einzige Funktion hatte: Telefonieren - 20 Minuten lang, dann war der Akku erschöpft! Computer, globale Vernetzung durch Internet und Mobiltelefonie - all das steckte Anfang der neunziger Jahre noch in den Kinderschuhen. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass Mobiltelefone in so kurzer Zeit zu Hochleistungscomputern im Westentaschenformat werden würden. Wer von uns hat damals wirklich vorhergesehen, dass Handys wenige Jahre später die Größe einer Zigarettenschachtel haben würden? Und dass man sich mit ihnen in Sekundenschnelle das Wissen der Welt erschließen könnte, ganz gleich ob vom heimischen Wohnzimmer, aus der Frankfurter S-Bahn oder einem Hotelzimmer in Nowosibirsk aus?
Licht und Schatten
Nicht nur bei der Telekommunikation haben wir eine nie da gewesene Wachstumsdynamik erlebt: Die Weltwirtschaft ist zügig gewachsen, der Welthandel hat sich seit der deutschen Wiedervereinigung vervielfacht und auf allen Kontinenten ist eine Mittelschicht entstanden, die am großen Wohlstandsversprechen teilhat. Die letzten Jahrzehnte sind reich an faszinierenden Erfolgsgeschichten. Doch wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten: Seit 1990 ist der weltweite Energieverbrauch um fast die Hälfte gestiegen. Jahr für Jahr werden mehr Öl, Gas und Kohle verbrannt, beschleunigt sich das Artensterben, versauern die Ozeane schneller. Der Klimawandel ist schon heute spürbare Realität geworden, und wir müssen davon ausgehen, dass er bald zu einer ernsten Gefahr für das Leben vieler Millionen Menschen und zu einem konkreten Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung vieler Regionen dieser Welt werden wird. Die Botschaft ist klar: Die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit unseres Planeten sind erreicht. Machen wir weiter wie bisher, sägen wir am Ast, auf dem wir sitzen!
Vor Paradigmenwechsel
Deswegen stehen wir heute vor einem Paradigmenwechsel, der das Wirtschaften des 21. Jahrhunderts grundlegend von dem der letzten Jahrzehnte unterscheiden wird. In einer Welt mit 8 oder 9 Milliarden Menschen ist stabiler Wohlstand nur dann möglich, wenn es uns gelingt, Wirtschaftswachstum vom Verbrauch natürlicher Ressourcen zu entkoppeln. Nachhaltigkeit ist die große Herausforderung unserer Generation! Die Wirtschaft der Zukunft muss - und sie wird – weitaus intelligenter und effizienter mit Rohstoffen und Ressourcen umgehen, als wir das in der Vergangenheit getan haben. Wir werden grüne Technologien sehen, die wir uns heute noch kaum vorstellen können - so wie es vor 20 Jahren mit den Handys war. Wir müssen gar nicht auf die großen Abkommen, etwa einen UN-Vertrag zum Schutz des Weltklimas, warten. An erneuerbaren Energien und stofflicher Wiederverwertung führt auch so kein Weg vorbei - volkswirtschaftlich genauso wie betriebswirtschaftlich.
Mir ist klar: Kaum ein Unternehmen wird es sich leisten können, grün zu wirtschaften, wenn es dies nicht muss und wenn es für grüne Produkte keinen Markt gibt. Doch ist die Welt in den letzten Jahren eine andere geworden. Nicht nur der Bundesumweltminister, auch die Analysten vieler Unternehmen machen heute zwei immer klarere Trends aus: zunächst den Trend zu immer teureren Rohstoffen. Der Ölpreis hat sich in den letzten zehn Jahren verfünffacht, Kohle kostet auf dem Weltmarkt heute dreimal so viel wie vor zehn Jahren. Bei den Preisen für Rohmetalle ist die Lage nicht besser. Seit Jahren wird es immer teurer, so zu produzieren, so Strom zu erzeugen, so zu heizen und so Auto zu fahren, wie wir es in den letzten 50 Jahren gewohnt waren.
Der zweite Trend ist die Digitalisierung. Sie hat unmittelbare Bedeutung für die Nachhaltigkeitsfrage. Durch den Einsatz modernster Computertechnologie ist es heute möglich, Rohstoffe um ein Vielfaches effizienter einzusetzen als früher. Man sieht das bei den rasanten Entwicklungen der Wirkungsgrade konventioneller Kraftwerke. Zugespitzt kann man sagen: Durch neue Technologien ist heute das möglich, was gestern noch gegen die physikalischen Gesetze zu verstoßen schien. Lagen die Wirkungsgrade bei Kohlekraftwerken vor Kurzem noch bei 30 bis 35 %, so nähern sie sich bei den neuesten Modellen der 50-%-Grenze. Hinzu kommt der dramatische Preisverfall bei den erneuerbaren Energien.
Grünes Wirtschaften ist auf dem Vormarsch, weil grüne Technologien immer marktfähiger werden. Das hat Folgen: Wir können davon ausgehen, dass Umwelt-, Effizienz- und Energietechniken mit allem, was an Dienstleistungen und Gewerbe dazugehört, entscheidende Zukunftsmärkte des 21. Jahrhunderts sein werden! 5 bis 6% Wachstum im Jahr, das sind nur vorsichtige Schätzungen.
Was bedeutet das für uns? Die deutsche Wirtschaft ist stark. Wir haben es in den letzten Jahren gut verstanden, die Weichen für unsere Wettbewerbsfähigkeit richtig zu stellen. Wir haben nicht allein auf Finanzdienstleistungen gesetzt, sondern zugleich unsere industrielle Leistungskraft gepflegt und ausgebaut.
Es zahlt sich aus
Das zahlt sich heute aus und weist den Weg für morgen: Gerade weil Deutschland einer der stärksten Wirtschaftsstandorte der Welt ist, können wir heute durch vorausschauende Entscheidungen die Weichen erneut auf Zukunft stellen. Wir können kühlen Kopfes die Wachstumsmärkte der Zukunft identifizieren und klaren Verstandes die besten Voraussetzungen schaffen, auf diesen zu bestehen, mehr noch, Marktführerschaft zu sichern und auszubauen. Das ist unser Weg: Bei der Energiewende geht es um Klimaschutz. Die Energiewende ist aber auch eine strategische Entscheidung für Technologieführerschaft und für Wettbewerbsfähigkeit.
Und es geht um eine dauerhaft stabile und bezahlbare Energieversorgung - nicht trotz der, sondern durch die Energiewende. Deshalb ist mir eines wichtig: Es ist richtig, wenn wir heute über den Anstieg der Stromkosten sprechen - die Förderung der erneuerbaren Energien hat ohne Zweifel einen Anteil daran, und es ist auch richtig, diesen Anstieg nicht einfach hinzunehmen: Ich habe einen Fahrplan für eine grundlegende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes vorgelegt, eine breit angelegte Kampagne zur Stärkung des Mittelstandes aufgelegt und gemeinsam mit Wirtschafts-, Sozial-, Umwelt-, und Verbraucherschutzverbänden das Thema Stromsparen im Privathaushalt aufgegriffen.
Noch wichtiger ist es aber, Relationen und Ziel im Blick zu behalten: Durch den Anstieg der Stromkosten sind die finanziellen Belastungen der Bürger in den letzten drei Jahren um wenige Prozent gestiegen. Viel höher aber ist der Anstieg der Benzin- und Heizkosten ausgefallen - bei den Heizkosten waren es etwa 60 %! Allein für den Import fossiler Energieträger geben wir heute etwa 90 Mrd. Euro/Jahr aus - 90 Mrd. Euro, die uns an Kaufkraft verloren gehen. Import zu ersetzen durch heimische Wertschöpfung, das ist eines der Ziele, die wir durch die Energiewende erreichen wollen und erreichen können.
Der Aufwand lohnt sich
Ich habe die Aufgabe nie kleingeredet: Die Energiewende ist die größte wirtschaftliche Herausforderung seit dem Wiederaufbau. Sie ist eine Operation am offenen Herzen unserer Volkswirtschaft. Aber sie ist machbar. Das Gute ist: Sie könnte schon mit heutigen Technologien gelingen, aber das ist nicht einmal nötig. Das Handy-Beispiel zeigt: In fünf, in zehn, in 20 Jahren werden unsere Möglichkeiten noch ganz andere sein. Und der Aufwand lohnt sich: Wenn die Energiewende ein Erfolg wird, dann werden wir damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, der international seinesgleichen sucht. Dann werden wir die wirtschaftliche Stellung Deutschlands auf Jahrzehnte festigen und ausbauen! Dann wird die Energiewende zu einem tragenden Standbein unseres deutschen Wohlstandsmodells.
Peter Altmaier, Bundesumweltminister